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50 Jahre Berliner Künstlerprogramm
"Wer, wenn nicht wir?"
Das Berliner Künstlerprogramm (BKP) des DAAD zählt zu den weltweit renommiertesten Stipendienprogrammen im Bereich der Kulturförderung; 2013 feiert es sein 50-jähriges Bestehen. Eine neue Serie des Online-Magazins stellt das Wirken des Programms und die Menschen, die es prägen, vor. Zum Auftakt der Serie spricht die Leiterin des BKP, Katharina Narbutovič, im Interview über neue Projekte, faszinierende Begegnungen und den wichtigen Drang zum Diskurs.
Frau Narbutovič, welche besonderen Aktivitäten plant das Berliner Künstlerprogramm in seinem Jubiläumsjahr 2013?
Katharina Narbutovič: Für Ende November, Anfang Dezember planen wir einen Festakt, in dessen Rahmen bekannte ehemalige Gäste des Berliner Künstlerprogramms zu aktuellen Fragen der Kunst Statements abgeben werden. Wir möchten uns nicht selbst beweihräuchern, sondern den Blick nach vorne richten. Im Anschluss an den Festakt werden wir ein zweitägiges öffentliches Festival starten, das künftig alle zwei Jahre stattfinden soll. Auch hier möchten wir Künstlern die Möglichkeit geben, diskursiv und performativ Fragen nachzugehen wie etwa nach dem Verhältnis von Kunst und Wirklichkeit, dem heutigen Ort des Experimentellen oder auch des Politischen in den Künsten. Schließlich möchten wir mit einem zweiten Band an die damalige Publikation „Blickwechsel“ zum 25-jährigen Bestehen des Berliner Künstlerprogramms anschließen. Dieser Blick auf die Jahre 1989 bis 2013 soll kein „Coffee-Table-Buch“ werden, sondern ganz konkret das Wirken der Künstler im Laboratorium BKP vorstellen.

Katharina Narbutovič:
Katharina Narbutovič: "Es wäre zu kurz gedacht, die westliche Wahrnehmung als die einzig seligmachende anzusehen"
© Krzysztof Zielinski
Das BKP lädt regelmäßig und zumeist für die Dauer eines Jahres weltweit bekannte Persönlichkeiten ein; zugleich sind unter Ihren Gästen immer wieder Künstler, die es in Deutschland erst noch zu entdecken gilt. Welchen Künstlertypus suchen Sie und Ihre
Jurys?
Die Einladung des BKP verstehen wir dezidiert als Auszeichnungsstipendium. Wir fördern jene Künstler, die bereits eine eigene künstlerische Position und Handschrift entwickelt haben. Das Alter spielt dabei keine Rolle. Als die polnische Autorin Dorota Masłowska im Jahr 2009 zu uns kam, war sie erst 26 Jahre alt. Aber sie konnte bereits ein Œuvre vorweisen, das gewiss Bestand haben wird.

Zugleich suchen wir nach Künstlern, die den hiesigen Diskurs bereichern können. Dabei wäre es zu kurz gedacht, die westliche Wahrnehmung als die einzig seligmachende anzusehen. Dass ein Künstler in Deutschland wenig bekannt ist, heißt keinesfalls, dass er kein relevantes Œuvre hätte. Uns ist es wichtig, Horizonte zu erweitern, und so freuen wir uns, dass wir dieses Jahr beispielsweise die indische Künstlerin Sheela Gowda zu Gast haben, die 2009 die Biennale in Venedig mitgestaltet hat. Es ist nicht selbstverständlich, dass sie nun in Berlin ist, und nicht in London oder New York, den nach wie vor dominierenden Zentren der Kunstwelt.

Sie fördern auch den Austausch der Künstler untereinander.
Ja, auch wenn wir natürlich keinen Campus haben, auf dem sich die Künstler tagtäglich begegnen. Wir stellen unseren Gästen eigene Wohnungen in Berlin zur Verfügung, was auch sehr wichtig für ihre persönliche Erfahrung des deutschen Alltagslebens ist. Wir bieten aber unterschiedliche Foren des Austausches. So laden wir alle aktuellen Gäste zweimonatlich zu Kaffee und Tee an einen Tisch, wie bei einer Großfamilie. Und natürlich laden wir sie auch zu allen unseren Veranstaltungen ein. Hier kommen sie schnell miteinander ins Gespräch. Ein- bis zweimal im Jahr öffnen wir das Forum der Kaffeetafel auch zu einem Salon und laden wichtige Mittler der Berliner Kulturszene wie Lektoren, Galeristen und Festivalleiter mit hinzu und versuchen, Kontakte zu etablieren. Und wir organisieren jährlich an die 100 Filmvorführungen, Lesungen, Gesprächsveranstaltungen, Konzerte sowie Ausstellungen in unserer daadgalerie, um die Arbeit unserer Gäste vorzustellen. So ergeben sich immer wieder schöne Kooperationen, 2011 zum Beispiel zwischen dem simbabwischen Spoken Word Poet Chirikure Chirikure und den rumänischen bildenden Künstlern Mona Vătămanu und Florin Tudor, die ein Video zu Chirikures Arbeit erstellt haben.

Auch die breite Öffentlichkeit profitiert von der Offenheit unserer Gäste. Ein herausragendes Beispiel ist Amir Hassan Cheheltan, der während seiner Zeit in Berlin der Zeitschrift „Lettre International“ ein sehr ausführliches Interview gegeben hat, in dem er der deutschsprachigen Öffentlichkeit die mentale Verfasstheit des Iran erklärt. Er hat uns ein neues Bild der persischen Gesellschaft und ihrer großen Modernität vermittelt und einen Weg jenseits von Vorurteilen und politischen Ängsten gezeigt.


"Tiefgehender Dialog": Oscar-Preisträger Asghar Farhadi war 2011 Gast des BKP
© Krzysztof Zielinski
Im September 2013 leiten Sie das Berliner Künstlerprogramm seit fünf Jahren. Welche Schwerpunkte sind Ihnen wichtig?
Sehr viel lag und liegt mir an der Öffnung hin zu den außereuropäischen, außerwestlichen Kulturen. Das Programm war hier in seiner Ausrichtung eine zeitlang vielleicht etwas zu sehr auf die Kulturen der europäischen, westlichen Welt fokussiert. In den bildenden Künsten und der Literatur lassen sich die spannendsten Positionen heute oftmals in den Ländern der Südhalbkugel finden. Im Bereich Film zeigen unsere mittlerweile international gefeierten ehemaligen Gäste Asghar Farhadi aus dem Iran und Sebastián Lelio aus Chile eindrucksvoll, dass wir uns nicht auf die westliche Welt beschränken sollten. Zugleich müssen wir den Dialog mit unseren europäischen Nachbarn erneuern. Die Selbstverständlichkeit, mit der wir einst im Bilde über die kulturellen Entwicklungen in London, Paris oder Rom waren, ist uns abhanden gekommen. Grundsätzlich ist mir wichtig, dass wir die Aktivitäten des Berliner Künstlerprogramms umfassend nach außen kommunizieren. Hier konnten wir zuletzt Einiges verbessern. Etwa durch unsere Präsenz in den Sozialen Medien, durch die Überarbeitung unserer Website und durch sehr regelmäßige Veröffentlichungen zu unseren Veranstaltungen und Künstlern.

Der öffentliche Diskurs liegt Ihnen besonders am Herzen…
Das Berliner Künstlerprogramm war von Beginn an ein Forum des künstlerischen Dialogs. Und es hat darüber hinaus immer wieder den Dialog auch in Richtung der Naturwissenschaften oder gesellschaftspolitischer Fragen gesucht. In den letzten Jahren haben wir mit unseren Gästen der Öffentlichkeit so unterschiedliche Themen wie die politischen Unruhen in Thailand oder die sozialen Schwierigkeiten in Haiti näher gebracht, in einer mehrteiligen Reihe über den Wandel von der Weltliteratur hin zur „Global Literature“ diskutiert oder auch eine Kooperation mit dem Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung begonnen. Diese intensiven Momente des Austauschs waren nur deshalb möglich, weil die Künstler eine so lange Zeit bei uns verbringen. Wer, wenn nicht das Berliner Künstlerprogramm, hat die Möglichkeit so gründlich zu erfahren, was seine Gäste umtreibt? Wer, wenn nicht das Berliner Künstlerprogramm, ist in der Lage einen solch tiefgehenden Dialog mit den Künstlern zu führen?

Autor: Johannes Göbel
Veröffentlichungsdatum: 06.03.2013
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