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Kulturhauptstadt Marseille
Stolz trotz dunkler Seiten
Als europäische Kulturhauptstädte 2013 erhalten das slowakische Kosice und Frankreichs Metropole Marseille derzeit viel Aufmerksamkeit. Einen besonderen Blick auf Marseille hat der DAAD-Alumnus Daniel Tödt. Im Interview mit dem DAAD-Online-Magazin spricht der Ethnologe über seine Forschung in der Stadt, ihre besondere Atmosphäre – und warum die Rap-Musik im Kulturhauptstadtjahr zu kurz zu kommen droht.
Herr Tödt, was macht für Sie den Reiz der Stadt Marseille aus?
Marseille hat sich bis heute eine besondere Eigenständigkeit bewahrt. Als Neuankömmling nimmt man die Stadt als sehr mediterran wahr und fragt sich oft, auf welcher Seite des Mittelmeeres man sich nun eigentlich befindet, der französischen oder der nordafrikanischen. Wenn man sich diese Frage nicht mehr stellt, ist man richtig angekommen. Die Bewohner der Stadt bezeichnen sich eher als Marseiller, denn als Franzosen oder Algerier. Zu Marseille gehört ein großer Kosmopolitismus, aber mitunter leider auch sein böser Zwilling, die Xenophobie, die sich etwa in teils hoher Zustimmung für den nationalistischen Front National ausdrückt.

Daniel Tödt
Daniel Tödt
© Daniel Tödt
In den Medien dominierten zuletzt Berichte über die hohe Kriminalität in Marseille. Glauben Sie, dass das Kulturhauptstadtjahr demgegenüber einen positiven Akzent setzen kann?
Das Projekt Kulturhauptstadtjahr geht letztlich auf eine Initiative lokaler Wirtschaftsverbände zurück, die sich in den vergangenen Jahrzehnten um einen besseren Ruf der Stadt bemüht haben. Im Zuge dieser Entwicklung ist Marseille durch die Verbindung mit dem Schnellzug TGV gewissermaßen näher an Paris herangerückt; TV-Serien haben das schöne Leben am Meer ebenso ins Bild gesetzt wie kosmopolitische Harmonie. Natürlich wird auch das Kulturhauptstadtjahr viele der positiven Seiten der Stadt zeigen. Kritische Stimmen bemerken vor Ort allerdings zu Recht, dass ein kulturelles Aushängeschild der Stadt, die Rap-Musik, bisher noch keinen adäquaten Platz im Programm gefunden hat. Und das, obwohl Rap insbesondere in Marseille ein wichtiger Integrationsmotor ist.

Mit der Rap-Musik haben Sie sich auch 2008 während Ihres vom DAAD geförderten Forschungsaufenthalts in Marseille intensiv beschäftigt; kürzlich haben Sie im Lit Verlag die auf Ihrer Magisterarbeit aufbauende Monografie "Vom Planeten Mars – Rap in
Marseille und das Imaginäre der Stadt" veröffentlicht. Was ist kennzeichnend für das Verhältnis von Rap und Stadt?

"Vom Planeten Mars": Daniel Tödts Monografie
© Lit Verlag / Jasper Ehl
Die Rap-Musik macht sich sozusagen auf vielfältige Weise einen Reim auf Marseille. Der Ruf als wirtschaftlich und politisch marginalisierte, von Krisen gekennzeichnete Stadt kommt der Authentizitätslogik des Rap entgegen. Rap wird ja seit jeher als Musik der verrufenen und randständigen Räume verstanden; das zeigt sich auch durch seine Wurzeln in der südlichen Bronx New Yorks. Hinzu kommt die besondere Einwanderungsgeschichte Marseilles: Die Rap-Musik bietet eine wichtige Chance, die zahlreichen Migrationsgeschichten sozusagen künstlerisch in Wert zu setzen.

Im Rap geht es immer wieder darum, wie man sein Leben an einem urbanen Krisenort führt. Auch hierfür ist Marseille eine authentische Vorlage. Die populäre Marseiller Rap-Formation IAM steht beispielsweise für einen verantwortungsbewussten Rap, der die dunklen Seiten Marseilles ebenso thematisiert wie den Stolz der Marseiller. Auch die aktuell erfolgreichste Rap-Gruppe der Stadt, Psy 4 de la rime, deren Mitglieder von den Komoren und aus Marokko stammen, bringt diesen Stolz zum Ausdruck. Etwa wenn sie mit ihrem Album „Les cités d’or“ die Hochhaussiedlungen im Norden Marseilles als „goldene Städte“ bezeichnen; ihre Heimat ist ihnen gewissermaßen „Gold wert“. Das ist ein wichtiger Kontrapunkt gegenüber den ansonsten vorwiegend negativen Darstellungen dieser Seite Marseilles.

Marseille: Blick auf den Alten Hafen und die Nordviertel der Stadt
Marseille: Blick auf den Alten Hafen und die Nordviertel der Stadt
© Daniel Tödt
Welche kulturellen Seiten Marseilles würden Sie außerdem hervorheben?
Im Anschluss an meinen Forschungsaufenthalt in Marseille hat der DAAD auch mein Praktikum im MuCem, dem Musée des Civilisations de l’Europe et de la Méditerranée, gefördert. Im Rahmen des Kulturhauptstadtjahres wird es nun offiziell eröffnet. Ich konnte hier beispielsweise an einer Ausstellung über den jamaikanischen Dichter Claude McKay mitarbeiten; McKay setzte sich in den 1920er-Jahren schriftstellerisch mit dem multikulturellen Marseille auseinander. Für meine jetzige Forschung als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Sonderforschungsbereich „Repräsentationen sozialer Ordnungen im Wandel“ der Berliner Humboldt-Universität ist das zentrale französische Kolonialarchiv im nahe Marseille gelegenen Aix-en-Provence besonders interessant. Nicht zuletzt prägt auch der Fußball das kulturelle Leben der Stadt. Bei den Spielen von Olympique Marseille liegen sich mitunter sogar die Anhänger des Front National und die mit Rassismus konfrontierten Fans in den Armen.

Autor: Johannes Göbel
Veröffentlichungsdatum: 01.02.2013
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