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Ausgezeichnete Alumna
Vermittlung als Lebensaufgabe
In ihrem Kriminalroman "Das albanische Öl" erzählt Anila Wilms von Albaniens missglückter Modernisierung zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts; gerade wurde die 1971 in Tirana geborene DAAD-Alumna dafür mit dem Adelbert-von-Chamisso-Förderpreis ausgezeichnet. Im Interview mit dem DAAD-Online-Magazin spricht die deutsch-albanische Historikerin über ihre studentischen Anfänge in Berlin, die große akademische Kluft in Europa und die Frage, wie man Farbe und Würze in die Welt von Aufklärung und Rationalität bekommt.
Frau Wilms, Sie sind 1994 als Stipendiatin des DAAD nach Berlin gekommen. Welche Bedeutung hatte das Studium in Deutschland für Sie?
Anila Wilms: Es bedeutete mir einfach alles. Es war der größte Traum meines Lebens. Albanien war bis 1991 ein hermetisch geschlossenes Land, wir durften nicht einmal innerhalb des Ostblocks reisen, wir besaßen keine Pässe, es herrschte ein Fernweh, das in der modernen Geschichte seinesgleichen sucht. Ein Studium im Ausland war die Krönung eines Lebens, noch mehr eines im westeuropäischen Ausland. Dazu kam, dass die Bundesrepublik von den Albanern als das leistungsstärkste und lebenswerteste Land der Welt bewundert wurde. Gerade im Bereich der Bildung.

Anila Wilms:
Anila Wilms: "Mit diesem gegenseitigen Exotismus zu spielen, das hat mir große Freude bereitet"
© Robert Bosch Stiftung / Yves Noir
Wie haben Sie den Unterschied zum Studium in Albanien erlebt?
Die Unterschiede hätten nicht gravierender sein können. Im stalinistischen Albanien gab es eine sehr radikale Art, die Welt zu erklären. Alles wurde aus der Perspektive des Klassenkampfes interpretiert, genauer: aus der Perspektive der „siegreichen“ Revolution der Arbeiterklasse. Man kann sich vorstellen, wie es mir erging, als ich plötzlich an der Freien Universität saß und mir bewusst wurde, dass ich, die Jahrgangsbeste im Fachbereich Geschichte an der Universität Tirana, von Geschichte nicht nur „keine Ahnung“, sondern viel schlimmer, eine sehr falsche Ahnung hatte. So etwas wie freies Denken gab es bei uns nicht einmal ansatzweise; der Unterricht war auch an den Universitäten so autoritär gestaltet wie in Grundschulen. Ich hatte also eine doppelte Aufgabe, eine geistige und eine psychologische: Das bereits Gelernte verlernen und gleichzeitig das eigenständige Denken und Urteilen lernen. Eine Herkules-Aufgabe.

Welche Rolle spielt für Sie – und für die akademische Elite in Albanien – der kulturelle und geistige Austausch mit Deutschland und den anderen europäischen Ländern?
Es gibt im Land, quer durch die Schichten, längst einen Konsens darüber, dass der Schlüssel zum gesellschaftlichen Fortschritt in der Bildung, speziell in der kulturellen und akademischen Orientierung zum Westen Europas liegt. Soweit ich weiß, wird in diesem Bereich schon sehr viel getan; ich selbst bin ja ein lebendes Beispiel gelungenen akademischen Austausches.

In Ihrem Roman erzählen Sie von der international forcierten, aber tragisch gescheiterten Modernisierung Albaniens. Was hatten Washington, London, Paris und Berlin falsch verstanden?
Auf der europäischen Seite ist es vermutlich genauso schwierig, die eigene Weltanschauung zu durchschauen und sich in die Logik einer anderen Kultur hineinzudenken. Die westliche Zivilisation beruht auf Renaissance, Reformation und Aufklärung. Das alles hat der byzantinisch und osmanisch geprägte Balkan verpasst, diese beiden Teile Europas liegen kulturell einige Jahrhunderte auseinander. So wie Albaner diese Kluft nicht so einfach überwinden können, um Deutsche, Amerikaner, Franzosen oder Briten zu verstehen, so können diese auch nicht ohne Weiteres eine vorindustrielle Kultur nachvollziehen, die noch durch und durch traditionell, abergläubisch und voraufklärerisch ist. Was schief geht, ist die Kommunikation – sie kommt einfach nicht zustande. Aber auch innerhalb des Westens gibt es Unterschiede: Die Mächte, die eine längere Erfahrung mit Protektoraten und Dominions hatten, wie die K.u.k.-Monarchie oder Großbritannien, waren wesentlich erfolgreicher in ihren modernisierenden und einflussnehmenden Bestrebungen.

Sie wurden für den Roman mit dem Adelbert-von-Chamisso-Förderpreis ausgezeichnet, denn Sie haben ihn auf Albanisch und auf Deutsch geschrieben. Worin unterscheiden sich die beiden Fassungen?

© Transit Verlag
Ich lebe inzwischen seit über 18 Jahren in Deutschland und habe es mir zur Lebensaufgabe gemacht, zwischen diesen beiden Welten zu vermitteln, in denen ich zu Hause bin, die geografisch so nah, aber kulturell so weit auseinander liegen. So habe ich in der albanischen Fassung den westlichen Charakteren viel mehr Platz eingeräumt, sie sind für den albanischen Leser hochinteressant, sehr exotisch. In der deutschen Fassung ist es dann umgekehrt: Ich hatte das Gefühl, ich muss mehr über albanische Hintergründe erzählen, den Lesern den albanischen „way of life“ so nah wie möglich bringen. Und das ist erst recht exotisch. Mit diesem gegenseitigen Exotismus zu spielen, das hat mir große Freude bereitet.

Bemerkenswert ist, wie Sie Poesie, Witz und die Fantasie des Balkans ins Deutsche übertragen haben. Die Unterschiede zwischen den beiden Sprachen und Literaturtraditionen müssen doch gewaltig sein.
Genau, deshalb dieser hohe Exotik-Faktor. Aufklärung, Rationalität, Effektivität sind wunderbar, machen das Leben so viel leichter, keine Frage, aber die Poesie, der Witz, die Fantasie, der Mystizismus, alles Dinge, die das Leben farbig und würzig machen, kommen dann ein bisschen zu kurz. Davon hat Albanien aber mehr als reichlich! Und Albanien, wie der ganze Südbalkan, hat eine bemerkenswerte, uralte, epische Erzähltradition. Ich wollte zeigen, wie unterhaltsam das Leben der Albaner trotz aller Härte sein kann, und auch, wie traditionsreich und solide die albanische Art ist, Geschichten zu erzählen. Dann stand ich vor der großen und schwierigen Aufgabe der Übertragung ins Deutsche. Die Arbeit war von einer quasi alchemistischen Langsamkeit und Akribie, aber irgendwann war ich mit dem Ergebnis zufrieden.

Autorin: Thekla Dannenberg
Veröffentlichungsdatum: 30.01.2013
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