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DAAD-Stipendiatin im Interview
Verstrickte Erinnerungsstränge
Von Biografien, Geschichten und kultureller Erinnerung erzählt die Konzeptionskünstlerin Elianna Renner mit überzeugender Intensität: Die DAAD-Stipendiatin wurde für ihre Multimedia-Installationen jüngst mit dem "Dr. Theobald Simon Preis" des Verbands der Gemeinschaften der Künstlerinnen und Kunstförderer e.V. (GEDOK) Bund ausgezeichnet. Im Interview mit dem DAAD-Online-Magazin spricht die Schweizerin über ihre künstlerische Motivation, ihre aktuelle Ausstellung in Bonn und auf welchen Spuren sie derzeit in Buenos Aires wandelt.
Frau Renner, erst kürzlich erhielten Sie den "Dr. Theobald Simon Preis" für Ihre multimediale Reflektion von Identität und jüdischer Familiengeschichte im Zeitraum von drei Generationen. Was hat Sie zu Ihren Arbeiten motiviert?
Elianna Renner: Ich rekonstruiere Geschichten bzw. historische Ereignisse im Alltagsgeschehen. Ich wohne seit zehn Jahren in Deutschland und bin noch immer sehr fasziniert davon, dass ich mit großen Kulleraugen angestarrt werde, wenn ich sage: Ich bin Jüdin. Jüdisch sein in Europa hat eine lange Geschichte, und das ist auch meine Geschichte. Deshalb habe ich angefangen, mich damit künstlerisch auseinanderzusetzen: In meinen Arbeiten erzähle ich von biografischen und historischen Momenten, von alltäglichen antisemitischen Situationen zum Beispiel in der Zeit des Nationalsozialismus. Den Titel des Katalogs und der Ausstellung „Bobe Mayses“ könnte man mit „Omas Erzählungen“ übersetzen, aber auch mit „Geschichten erzählen“ im Sinne von „etwas erfinden“. Meine Performance „84,4“ vermisst beispielsweise den Weg von meiner Haustür in Bremen bis zur KZ-Gedenkstätte in Bergen-Belsen. Der Fokus des Zuschauers richtet sich auf eine Person, die in einem Raum im Schein einer Stirnlampe Pullover auftrennt. Die Fäden machen die untereinander verstrickten Erinnerungsstränge deutlich. Gleichzeitig sind über Kopfhörer autobiografische Geschichten zu hören, die durchlaufend erzählt werden.

Elianna Renner erzählt in ihren Arbeiten von biografischen und historischen Momenten
Elianna Renner erzählt in ihren Arbeiten von biografischen und historischen Momenten
© Elianna Renner
Wieso nutzen Sie unterschiedliche Medien zur künstlerischen Gestaltung?
Ich arbeite konzeptuell, das heißt, ich gehe thematisch vor und suche mir ein Medium zur optimalen Umsetzung. Das kann immer wieder ein neues Medium sein, ich möchte jedes Mal die Freiheit haben, dem jeweiligen Thema gerecht zu werden.

Derzeit sind Sie mit einem DAAD-Stipendium in Buenos Aires. Reflektieren Sie auch in Ihrem aktuellen Projekt jüdische Biografien?
Ja, aber auf eine völlig andere Art und Weise. Ich reise einem jüdischen Zuhälterring hinterher, der von 1850 bis 1930 jüdische Mädchen aus Galizien in verschiedene Länder verschleppte. Die Frauen mussten dort in Bordellen als Prostituierte arbeiten. In diesem Kontext sind die Ereignisse von 1850 bis 1930 in Europa zu beachten: Eine wichtige Rolle für das Verständnis dieser Lebensgeschichten spielen die Pogrome in Russland, der Antisemitismus in Osteuropa sowie die Emigrationswelle aufgrund der antisemitischen Ausschreitungen und der Armut innerhalb der jüdischen Bevölkerung in Europa, insbesondere Polen. Aufgrund antijüdischer Gesetze konnte man sich damals als Person jüdischer Herkunft nicht einfach in einem europäischen Land niederlassen.

Deshalb gehen Sie in Argentinien auf Spurensuche?
Argentinien ist nur eine Station von sechs. Ich war bereits in New York; Brasilien, China, Indien und Südafrika werde ich noch besuchen. In den Archiven und Bibliotheken, aber auch an den Orten, wo die Frauen einst lebten, versuche ich, das Dasein der Frauen über Oral History zu rekonstruieren: Was ist von ihrer Geschichte überliefert? Wo sind sie begraben? Was erzählen die Schauplätze des historischen Geschehens? Konnten die Frauen sich trotz der Unterdrückung ein Stück selbstbestimmtes Leben bewahren? In Brasilien gelang es den Frauen beispielsweise, sich selbst zu organisieren. Sie übten ihre Religion teilweise ohne Männer aus und gründeten eigene Vereine, die die Funktion einer Krankenversicherung übernahmen oder für die Bildung der Kinder sorgten.

Wie werden Sie Ihre Forschungsergebnisse künstlerisch gestalten?
Ich habe zwar schon einige Ideen, da kann sich aber noch viel ändern und entwickeln. Der konkreten künstlerischen Umsetzung werde ich mich erst nach meiner Rückkehr nach Europa widmen. Der nächste Schritt meiner Arbeit wird zunächst darin bestehen, das Rohmaterial – wie beispielsweise Interviews mit Historikern – online zu stellen. Durch das mündliche Erzählen entstehen Bilder, die ich für sehr bedeutsam halte. Darüber hinaus ist es mir ein Anliegen, ein offenes Archiv im Internet bereitzustellen, auf das verschiedene Forscher zugreifen können.

Die Video-Installation
Die Video-Installation "Cheerleading" sorgt derzeit für Aufsehen im Künstlerforum Bonn
© Elianna Renner
Der "Dr. Theobald Simon Preis" ist mit 5.000 Euro dotiert und mit einer Ausstellung verbunden, die noch bis zum 10. Februar im Künstlerforum Bonn zu sehen ist. Welche Arbeiten sind von Ihnen dort vertreten?
Zum einen präsentiere ich dort einige Video-Installationen, Fotos und Performances aus „Bobe Mayses“. Darüber hinaus ist meine Video-Installation „Cheerleading“ dort vertreten, die ebenso einen Erinnerungsraum gestaltet. Hier stehen 42 Frauen aus der klassischen Moderne im Zentrum: Künstlerinnen, Schriftstellerinnen, Frauenrechtsaktivistinnen. Auf vier Videoleinwänden feuern sich die Cheerleader abwechselnd an, indem sie zunächst den Namen der Person – etwa Käthe Kollwitz oder Frida Kahlo – buchstabieren und ihn dann im Ganzen nennen. Dabei ist für mich die Interaktion mit dem Besucher der Ausstellung zentral: Was assoziiert der Betrachter, wenn er die Namen der Frauen hört? Wir haben alle ein bestimmtes Bild, bestimmte Stereotypen und Klischees von dieser Zeit. Mir geht es darum zu zeigen, dass Biografien nicht linear verlaufen.

Autorin: Christina Pfänder
Veröffentlichungsdatum: 23.01.2013
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