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Zum 80. Geburtstag von Hansgerd Schulte
Überzeugter "Deutsch-Franzose"
Der Sprung vom einfachen Referenten zum Präsidenten blieb in der DAAD-Geschichte einmalig, und auch während seiner 16-jährigen Amtszeit machte Professor Hansgerd Schulte von sich reden: Der Romanist gilt nicht zuletzt als profilierter Akteur auf dem Feld der deutsch-französischen Wissenschaftsbeziehungen. Am 21. Dezember feiert Hansgerd Schulte seinen 80. Geburtstag.
Verdienter Jubilar: Der ehemalige DAAD-Präsident Professor Hansgerd Schulte
Verdienter Jubilar: Der ehemalige DAAD-Präsident Professor Hansgerd Schulte
© privat
Das institutionalisierte Beziehungsgeflecht zwischen Deutschland und Frankreich ist so dicht wie kaum eines zwischen zwei Nachbarländern. Der bevorstehende fünfzigste Jahrestag der Unterzeichnung des Élysée-Vertrages rückt diesen Umstand wieder einmal ins Licht. Zudem bietet er Gelegenheit, sich an die Akteure der ersten Stunden zu erinnern, die die Beziehungen mit dem französischen Nachbarn mit Leben erfüllt haben. Einer von ihnen war der 1932 in Simmern im Hunsrück geborene Romanist Hansgerd Schulte, dessen Begeisterung für Frankreich nicht zuletzt vom Wunsch nach Aussöhnung mit dem einstigen Kriegsgegner ausgelöst wurde. Diese Triebfeder sollte ihn zu einem überzeugten „Deutsch-Franzosen“ und profilierten Akteur auf dem Feld der deutsch-französischen Wissenschaftsbeziehungen werden lassen. Ausgerüstet mit dem deutschen wie dem französischen Abitur studierte Schulte in Freiburg, Madrid und Paris. An der Seine schaffte er mit 23 Jahren den Wechsel in die École Normale Supérieure, eine der renommiertesten Universitäten Frankreichs, die zahlreiche große Geister des Landes, von Jean-Paul Sartre bis zu Michel Foucault, zu ihren ehemaligen Schülern zählt.

Auftakt in Paris: Schulte im Jahr 1963
Auftakt in Paris: Schulte im Jahr 1963
© privat
Engagement und Ideenreichtum
Nach seiner Promotion (bei dem renommierten Freiburger Romanisten Hugo Friedrich) wirkte Hansgerd Schulte ab 1961 im Auftrag des DAAD als Lektor für deutsche Sprache an verschiedenen französischen Universitäten. Das Jahr 1963, mit dem die deutsch-französischen Beziehungen in Gestalt des Élysée-Vertrages eine neue Stufe erreichten, hielt auch für Schulte eine entscheidende Wendung bereit: Er wurde zum Gründungsdirektor der Pariser Außenstelle des DAAD berufen. „Der Erwartungsdruck war sehr hoch“, erinnert er sich bei einem Gespräch in seiner Pariser Wohnung. Nichts weniger als eine Art Auslandsvertretung – Schulte nennt sie scherzhaft „das Außenministerium“ – der damals noch westdeutschen Hochschulen sollte diese Filiale bilden, von hier aus sollten Kontakte auf akademischer und wissenschaftlicher Ebene hergestellt werden. Schulte füllte die Position mit Engagement und Ideenreichtum aus. Bald schon wurde die Nummer 15 in der Rue de Verneuil, Sitz der Außenstelle, zum Treffpunkt von Intellektuellen und Künstlern aus beiden Nationen. „Ich war eigentlich immer mehr an Menschen als an Institutionen interessiert“, sagt Hansgerd Schulte. Zahlreiche Akteure des deutschen und französischen Universitätsmilieus trafen sich bei den legendären „Jeudis“, den Donnerstagstreffen, zum zwanglosen Austausch. Man konnte mit Schriftstellern wie Paul Celan oder Martin Walser ins Gespräch kommen, mit den Vertretern der 68er-Studentenbewegung wie Rudi Dutschke oder Daniel Cohn-Bendit oder mit dem Kult-Chansonnier Serge Gainsbourg, der in der Rue de Verneuil nur einen Steinwurf entfernt wohnte.

"Modell für Europa"
Zugleich beherrschte Schulte die Klaviatur des Wissenschaftsbetriebs virtuos. Seine Arbeitsweise beschreibt er als die eines „aufgeklärten Technokraten“ und „modernen Utopisten“. Jürgen Ritte, Professor im Fachbereich für Angewandte Fremdsprachen an der Sorbonne Nouvelle und Weggefährte Schultes am dortigen Institut d’Allemand d’Asnières, formuliert es so: „Entscheidend war seine – imposante – Persönlichkeit, die zur Not auch immer zu unkonventionellen, unbürokratischen Lösungen in der Lage war. Der politische Wille war bei ihm, im Zweifelsfalle, immer wichtiger als die Einwände administrativer Bedenkenträger.“ Schon bald nach seinem Amtsantritt brachte Schulte zum Beispiel sogenannte „Äquivalenz-Vereinbarungen“ auf den Weg, durch die in Deutschland und Frankreich erbrachte Studienleistungen im jeweils anderen Land anerkannt werden konnten. Diese wie andere von Schulte initiierte Kooperationen galten ihm immer „auch als Modell für Europa“. Die Rolle von Hansgerd Schulte als Vordenker deutsch-französischer Wissenschaftsbeziehungen unterstreicht der Stellvertretende Generalsekretär des DAAD, Ulrich Grothus: „Hansgerd Schulte hat sehr viel dazu beigetragen, dass heute Mobilität und Wissenschaftskooperation selbstverständlich geworden sind – selbstverständlicher vielleicht, als den Pionieren der deutsch-französischen Freundschaft manchmal lieb ist. Schulte war der Vater vieler Förderprogramme, vom Germanisten- und Romanistenprogramm bis zu PROCOPE, dem ersten Programm für Mobilität zwischen kooperierenden Forschergruppen.“

Hansgerd Schulte (links der ehemalige Stellvertrende DAAD-Generalsekretär Friedrich W. Hellmann): Einsatz für die Unabhängigkeit des DAAD
Hansgerd Schulte (links der ehemalige Stellvertrende DAAD-Generalsekretär Friedrich W. Hellmann): Einsatz für die Unabhängigkeit des DAAD
© DAAD / Eric Lichtenscheidt
Vom Referenten zum Präsidenten
Fast schon zwangsläufig mutet es daher an, dass Hansgerd Schulte 1971 – da war er bereits seit zwei Jahren Professor am Institut d’Allemand d’Asnières – zum Präsidenten des DAAD in Bonn gewählt wurde. Der Sprung vom einfachen Referenten mit dem Status eines Außenstellenleiters zum Präsidenten blieb bis heute in der DAAD-Geschichte einmalig. In Schultes insgesamt 16 Jahre währender Amtszeit erlebte der DAAD erheblichen Aufschwung. So erhielten etwa die Fachhochschulen und pädagogischen Hochschulen das Recht, als Mitglieder des DAAD aufgenommen zu werden. Außerdem brachte man das Deutsch-Französische Hochschulkolleg auf den Weg, den Vorläufer der heutigen Deutsch-Französischen Hochschule. Des Weiteren wurde das Netz der Außenstellen erweitert, die Zahl der Stipendiaten sowie der sogenannten Sur-Place-Stipendien erhöht. Handlungsmaxime für Schulte blieb dabei immer, „den DAAD als unabhängige Selbstverwaltungsorganisation der deutschen Hochschulen zu erhalten.“ Nur eine von staatlichem Einfluss freie Wissenschaftspolitik sei langfristig bei Partnern in anderen Ländern überzeugend.

Kolloquium im Januar
Heute findet Hansgerd Schulte wieder mehr Zeit, sich seinen „Hausgöttern“ zu widmen: Proust, Montaigne, Heine und Goethe. Doch seine Wissenschaftskarriere lässt ihn nicht los. Derzeit entsteht ein Buch über seine Erfahrungen als „Grenzgänger“ zwischen Deutschland und Frankreich. Und am 15. Januar 2013 widmet die DAAD-Außenstelle Paris, in Zusammenarbeit mit der Maison Heinrich Heine, der Université Sorbonne Nouvelle, dem Goethe-Institut Paris und der französischen Germanistenvereinigung AGES, ihrem Pionier ein Kolloquium zur Zukunft der Deutschlandstudien in Frankreich. Doch zuvor darf herzlich gratuliert werden: Am 21. Dezember 2012 feiert Hansgerd Schulte, eine bedeutende Mittlerpersönlichkeit der deutsch-französischen Wissenschaftsszene, seinen 80. Geburtstag.

Autor: Mathias Nofze
Veröffentlichungsdatum: 20.12.2012
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