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Frankfurter Buchmesse 2012 |
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Unterwegs zum "Global Citizen" |
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International, diskussionsfreudig und kreativ - der DAAD, seine Stipendiaten und Alumni zeigten auch auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse Kultur und Literatur in ihren verschiedensten Formen und Facetten. Glanzpunkt war die Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels an den aktuellen Gast des Berliner Künstlerprogramms Liao Yiwu. Der chinesische Exilschriftsteller tritt seit Jahren für die unveräußerlichen Menschenrechte ein, in seiner Heimat ist inzwischen bereits die Nennung seines Namens verboten.
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1848 tagte hier die Frankfurter Nationalversammlung: Die Paulskirche – Wiege der deutschen Demokratie – bot am Sonntag, den 14.Oktober 2012, zum 63. Mal die Bühne für eine Veranstaltung mit internationaler Bedeutung. Seit 1950 ehrt der Börsenverein des Deutschen Buchhandels zum Abschluss der Buchmesse in der Paulskirche Persönlichkeiten, die auf den Gebieten der Literatur, Wissenschaft und Kunst mit ihrer Arbeit der Völkerverständigung dienen; in diesem Herbst wurde der Friedenspreis vor rund 1000 geladenen Gästen – unter ihnen Bundespräsident Joachim Gauck, Bundestagspräsident Dr. Norbert Lammert und Nobelpreisträgerin Herta Müller – an den chinesischen Schriftsteller Liao Yiwu verliehen, der, so die Begründung, „sprachmächtig und unerschrocken gegen die politische Unterdrückung aufbegehrt und den Entrechteten seines Landes eine weithin hörbare Stimme verleiht“. „Liao Yiwu gewährt uns mit seiner eigenen Biografie und den zahlreichen Porträts seiner Bücher einen ernüchternden, ja verstörenden Blick hinter die Fassade des großen Landes. Der Kontrast zwischen dem Alltag der untersten Gesellschaftsschichten und unserer Wahrnehmung des modernen China könnte nicht größer sein“, sagte die Literaturkritikerin Felicitas von Lovenberg in ihrer Laudatio.
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Preisträger Liao Yiwu mit Gottfried Honnefelder, dem Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels
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| © Werner Gabriel |
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"Dieses Imperium muss auseinanderbrechen"
In seinen Büchern und Gedichten dokumentiert Liao Yiwu das Unrecht, das vielen Chinesen seit Gründung der Volksrepublik 1949 widerfahren ist. Für sein Gedicht „Massaker“ über die Niederschlagung des demokratischen Aufstands auf dem Tian'anmen-Platz am 4. Juni 1989 wurde er wegen „Verbreitung konterrevolutionärer Propaganda“ zu vier Jahren Haft verurteilt. „Wenn Liao Yiwu fundamentale Empfindungen schildert, Hunger, Schmerz, Angst oder Einsamkeit, dann befähigt ihn dazu nicht allein schriftstellerische Empathie, sondern bitterste eigene Erfahrung. Dieser Autor muss nichts erfinden, nichts hinzudichten, nichts übertreiben, um Ungerechtigkeit, Erniedrigung und Folter heraufzubeschwören“, machte Felicitas von Lovenberg deutlich. In seinem neuen, soeben erschienenen Buch „Die Kugel und das Opium“ zeige der Autor China aus der Perspektive jener, die den Verliesen entronnen sind – wie er selbst.
Im Juli 2011 gelang Liao Yiwu die Ausreise nach Deutschland, 2012 lebt er auf Einladung des Berliner Künstlerprogramms des DAAD in Berlin. Er sagt: „Der DAAD ist meine beste Zuflucht.“ Er sei sehr froh, dass er sich in Freiheit befinde und frei schreiben könne. In seiner Dankesrede anlässlich des Friedenspreises erzählte Liao Yiwu die Geschichte des neunjährigen Lü Peng, dem jüngsten Opfer des Tian'anmen-Massakers, und verkündete „die Nachricht vom Tode des chinesischen Großreichs“: „Dieses Imperium muss auseinanderbrechen“, sagte Liao Yiwu sechsmal in seiner Ansprache und wechselte bei diesem Satz vom Chinesischen ins Deutsche. Ein Staat, der seine Kinder töte, könne nicht von Dauer sein. Chinas Wertesystem sei längst in sich kollabiert und werde nur noch vom Profitdenken zusammengehalten. „Gleichwohl ist diese üble Fessel des Profits so weitreichend und verschlungen, dass sich die freie Welt der wirtschaftlichen Globalisierung noch ausweglos in ihr verheddern wird“, sagte der Friedenspreisträger.
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Kulturelle Konditionierungen
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Nicht nur in der Paulskirche, auch auf dem Frankfurter Messegelände war das Berliner Künstlerprogramm (BKP) präsent: Der neuseeländische Autor Philip Temple, der als Gast des BKP Ende der Achtzigerjahre einen intensiven Blick auf die Stadt gerichtet hatte, präsentierte unter anderem seinen Berlin-Roman „Jedem das Seine“ dem internationalen Publikum. Erik Lindner, niederländischer Lyriker, Literaturkritiker und aktueller Gast des BKP diskutierte mit der französischen Lyrikerin und Sinologin Michèle Métail – die im Jahr 2000 Gast des BKP war – auf der Bühne des „Weltempfangs“ des Auswärtigen Amts über kulturelle Konditionierungen und Wahrnehmungsmuster. Moderiert wurde die Podiumsdiskussion von der deutschen Autorin, Publizistin und Übersetzerin Marie Luise Knott. Das Podium beschäftigten dabei vor allem „die Mauern in den Köpfen“ der Rezipienten: Warum erwarten wir von chinesischer Lyrik immer „Bambuswälder“, einen „Mond“ und einen „See“? Fehlt den Europäern ein Instrumentarium, um sich auf Kulturen einzulassen, die nicht ihren Gewohnheiten entsprechen? „Je stärker die Welt zusammenwächst, desto mehr müssen wir uns diesen Fragen stellen“, erläuterte Katharina Narbutovič, Leiterin des BKP. „Es kommt darauf an, sich für fremde Bildwelten zu öffnen und der fremden Kultur mit Neugier zu begegnen.“ Michèle Métail wies darauf hin, dass in der Vergangenheit oft andere Beweggründe dominierten: „Die Europäer reisten nicht aus Neugier nach China oder um das Land kennenzulernen. Sie sind gekommen, um China zu erobern und die christliche Kultur des Abendlands zu exportieren.“ Erst im vergangenen Jahrhundert habe sich allmählich die Bereitschaft entwickelt, eine verschiedene Denkweise als Bereicherung zu empfinden.
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Kocra Assoua, Sema Kaygusuz, Gunter Pleuger und Nina Lemmens diskutierten auf dem "Weltempfang"
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| © Societäts-Medien / Christina Pfänder |
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Mit verschiedenen Denkweisen setzten sich auch die Teilnehmer der zweiten Podiumsdiskussion auseinander: Kocra Assoua, Professor für Entwicklungspolitik und Politik Afrikas an der Universität Bayreuth, die Schriftstellerin Sema Kaygusuz sowie Dr. Gunter Pleuger, Präsident der Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder), ehemaliger Ständiger Vertreter der Bundesrepublik Deutschland bei den Vereinten Nationen und ebenfalls DAAD-Alumnus, diskutierten mit Moderatorin Dr. Nina Lemmens, Leiterin der Abteilung Internationalisierung und Kommunikation des DAAD, über das Spannungsfeld von Mobilität und Migration. „Während Migration oft aus existentiellen Nöten entsteht, hat Mobilität für einige Teile der Welt eine positive Bedeutung“, erläuterte Nina Lemmens. „Besonders die junge Generation ist unterwegs zu einem Global Citizen.“ Als Präsident der Europa-Universität Viadrina wusste Gunter Pleuger in diesem Zusammenhang von der studentischen Mobilität zu berichten: „25 Prozent der Studierenden unserer Universität sind Ausländer, und der größte Teil geht mit dem in Deutschland erworbenen Wissen wieder in sein Heimatland zurück. Das ist für diese Länder natürlich von Vorteil.“
Kocra Assoua, der seit 2011 als DAAD-Gutachter für das ''South African-German Centre for Development Research and Criminal Justice'' in Kapstadt (Südafrika) arbeitet'', teilte diese Auffassung: „Afrika braucht gut ausgebildete Menschen. Ich beschäftigte mich deshalb schon lange mit der Frage, ob ich nicht in meine Heimat, die Elfenbeinküste, zurückgehen soll“, sagte er. Wichtig sei jedoch, dass die afrikanischen Staaten zunächst die Lebens- und Arbeitsbedingungen verbesserten. „Entscheidend ist vor allem die allgemeine Sicherheit, Ghana geht momentan als gutes Beispiel voran.“ Für Afrikaner bedeute Mobilität vor allem die Chance, die Welt und sich selbst zu entdecken. „Von einer globalen Mobilität kann allerdings keine Rede sein“, erzählte Sema Kaygusuz von der Schwierigkeit, als Türkin ein Visum für die Europäische Union zu erhalten. Die Schriftstellerin ist dennoch eine Globetrotterin: Nach einem Aufenthalt in Wien lebt sie nun gerade in England; 2010 war sie Gast des BKP. „Als Künstlerin genieße ich es, andere Länder und Kulturen kennenzulernen“, sagte sie. „In Deutschland machte ich die Erfahrung, dass ältere Menschen weniger zurückgezogen leben als in der Türkei, sie sind weitaus mehr ins gesellschaftliche Leben integriert.“
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Am DAAD-Infostand der Buchmesse 2012
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| © Societäts-Medien / Christina Pfänder |
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Informationen aus erster Hand
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Vis-à-vis des „Weltempfangs“ informierte der DAAD anhand von Publikationen, aber auch mithilfe von persönlichen Gesprächen über aktuelle Studien- und Förderungsmöglichkeiten sowie über Sprachkurse an Hochschulen im Ausland. Reißenden Absatz fand das vielfältige Infomaterial. „Wir sind seit 2003 auf der Buchmesse vertreten“, sagte Claudius Habbich, Leiter des Referats Information für Deutsche über Studium und Forschung im Ausland, Publikationen. „Viele Hochschulangehörige und ehemalige DAAD-Stipendiaten, die die Messe besuchen, kommen auch zum DAAD-Stand.“ Von Hochschulabsolventen würden gezielte Fragen gestellt, zum Beispiel zum Lektoren- oder Sprachassistentenprogramm des DAAD, sagte Habbichs Kollegin, Frauke Schick: „Gerade an den Fachbesuchertagen entwickeln sich daraus intensive Gespräche.“
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Autorin: Christina Pfänder |
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Veröffentlichungsdatum: 15.10.2012 |
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© DAAD |
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