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Serie "Gesellschaft im Wandel"
Anteil nehmen, Wissen teilen
Die Hochschulen der arabischen Welt befinden sich derzeit inmitten eines gravierenden Umbruchs. Mit dem 2012 neu aufgelegten Programm der Deutsch-Arabischen Transformationspartnerschaft unterstützt der DAAD den Wandel. In Berlin diskutierten Partner beider Seiten und DAAD-Alumni drei Tage lang über Strukturwandel, Teilhabe, gemeinsame Ziele und Zukunftsaufgaben.
Wie kann man arabischen Studierenden bessere Beschäftigungsaussichten bieten und die hohe Arbeitslosigkeit einer gut ausgebildeten Jugend bekämpfen? Das ist eine der vordringlichsten Fragen, die sich arabische Gesellschaften derzeit stellen. In Tunesien und Ägypten wie in anderen arabischen Staaten strömen schon seit Jahren immer mehr junge Menschen an die Universitäten. Ihre Jobperspektiven sind jedoch oft düster. Diese Entwicklung und die angestrebte Demokratisierung der Länder stellen die Hochschulen vor ganz neue Herausforderungen. Allein in Tunesien werden für das Jahr 2014 100.000 Hochschulabsolventen erwartet. Die Arbeitslosenquote liegt derzeit bei 30 Prozent.

„Wir müssen uns mit Experten im Ausland vernetzen und auch dafür brauchen wir gut ausgebildete Hochschulabsolventen“, sagte etwa der tunesische Botschafter in Deutschland, S.E. Elyes Ghariani, während der dreitägigen Konferenz „Arabische Hochschulen in Zeiten des Umbruchs – neue Wege der Transformation beschreiten“ in Berlin. Dauerhafte bilaterale und internationale Kooperationen seien entscheidend, um die Qualität der Hochschulausbildung in Tunesien zu verbessern.


"Gemeinsame Ziele": DAAD-Vorstandsmitglied Ali Müfit Bahadir, Generalsekretärin Dorothea Rüland und Christian Hülshörster, Leiter der DAAD-Gruppe "Nordafrika, Naher und Mittlerer Osten"
© DAAD / Jacek Ruta
Arabische Ziele unterstützen
Erreicht werden kann dieses Ziel mit dem neuen DAAD-Programm der „Deutsch-Arabischen Transformationspartnerschaft“. Vor dem Hintergrund langjähriger Partnerschaften im akademischen Austausch unterstützt das Programm mit einem vom deutschen Bundestag für derzeit zwei Jahre bewilligten Finanzvolumen von 7,4 Millionen Euro pro Jahr nun vor allem den notwendigen Strukturwandel. „Unsere gemeinsamen Ziele sind es, die Hochschulmanagement-Strukturen an arabischen Hochschulen zu verbessern, die Innovationskraft von Wissenschaft und Forschung zu erhöhen und neue Wege in der Lehre zu gehen“, sagte DAAD-Generalsekretärin Dr. Dorothea Rüland zum Auftakt der Konferenz, zu der sich über 270 Hochschulvertreter aus Deutschland, Nordafrika und dem Nahen Osten in Berlin trafen und zahlreiche partnerschaftliche Modellprojekte vorstellten. Wichtige Ergebnisse der Transformationspartnerschaft werden in einem eigens geschaffenen deutsch-arabischen Webportal präsentiert, das zu Beginn der Veranstaltung der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. Unter www.changebyexchange.de finden sich zahlreiche Beispiele für erfolgreiche Kooperationen sowie umfangreiche Informationen zu den DAAD-Fördermöglichkeiten.

Teilhabe: Rund 300 Interessierte waren zu der Konferenz gekommen
Teilhabe: Rund 300 Interessierte waren zu der Konferenz gekommen
© DAAD / Jacek Ruta
Anteilnahme an Kulturgeschichte
Seit mehr als 30 Jahren beispielsweise existieren unter anderem vom DAAD unterstützte Forschungskooperationen zwischen deutschen und ägyptischen Archäologen. In Zeiten des Wandels kommt der Archäologie in Ägypten jedoch eine neue Schlüsselrolle zu: Es geht um das kulturelle Erbe einer Gesellschaft auf der Suche nach neuer Identität. Zugleich sind viele kulturelle Stätten nach der Revolution durch ausgeweitete Baumaßnahmen und Plünderungen in Gefahr geraten. „Jetzt kommt unsere Rolle“, betonte der Ägyptologe Professor Tarek Sayed Tawfik von der Kairo Universität. „Wir müssen den Leuten klar machen, dass sie Anteilseigner des archäologischen Reichtums sind und ihre Geschichte fortsetzen.“

Archäologie als Jobgeber
Mit Hilfe des DAAD wird nun gemeinsam mit der Universität zu Köln ein Masterstudiengang aufgebaut, der einen interdisziplinären Ansatz verfolgt und praxisnah zum Beispiel umweltbezogene Geowissenschaften integriert. Andere Schwerpunkte sind Archäologie und Medien, sowie Archäologie und Gesellschaft. 2015 sollen die ersten 10 Absolventen in das zuständige Ministerium vermittelt sein. „Wir brauchen in der jetzigen Situation viele Leute, die sich gut auskennen, Werte erkennen, rasch Entscheidungen treffen und vor allem mit den Menschen vor Ort in Kommunikation treten können“, sagte Tawfik. Damit die jungen Archäologen schnell als Multiplikatoren in die Gesellschaft wirken können, werden derzeit an der Kairo Universität und im Ministerium die Strukturen geschaffen. Das Interesse sei sehr groß, meint der Ägyptologe und rechnet bald schon mit 1.000 neuen Studierenden für sein Fach.

Transformation im Blick: Tagungsteilnehmerin in Berlin
Transformation im Blick: Tagungsteilnehmerin in Berlin
© DAAD / Jacek Ruta
Teilhabe ist auch emotional
Miteinander über den Wandel reden: Mit viel Anteilnahme und Leidenschaft diskutierten noch am letzten Konferenztag Alumni des DAAD aus 12 arabischen Staaten mit deutschen Kollegen über „Teilhabe und Gerechtigkeit in Zeiten des arabischen Umbruchs“. Vor allem kritische Fragen nach guter Regierungsführung, nach neuer Verfassung und ob der Weg in die Zukunft zu mehr Gerechtigkeit führen wird, bewegten die Teilnehmer – deren Ansichten über die „richtige“ Transformation genau so divers waren wie derzeit in den arabischen Gesellschaften.

„Es ist deutlich geworden, dass die Menschen in der arabischen Welt untereinander diskutieren müssen und wollen“, bestätigte Professor Oliver Schlumberger vom Institut für Politikwissenschaft an der Universität Tübingen, der eine von vielen gelungenen Diskussionsrunden moderierte. Die ägyptische Wirtschaftswissenschaftlerin May Elsayyad wunderte die konzentrierte und heftige Debatte nicht: „Zum ersten Mal überhaupt kommt zum Ausdruck, dass wir unterschiedlicher Meinung sind.“ Das bedeutete aber noch lange nicht, dass die arabische Welt zu heterogen sei, um sich zu verständigen. Man müsse diese leidenschaftlichen Debatten jetzt aushalten, meinte die junge Ägypterin, die den Alumni eine erste Wahlanalyse präsentiert hatte, die Wahlverhalten mit dem Zugang zu Bildung in Zusammenhang setzte. Auch über die Frage, wer warum in Ägypten religiöse Parteien gewählt hat, wurde anschließend kontrovers debattiert. „Dieser Workshop heißt 'Teilhabe' und das bedeutet emotional dabei zu sein“, freute sich Elsayyad, die in der zum Teil emotionalen Diskussion den Wille zur Übernahme von Verantwortung sah: „Auch wenn wissenschaftliche Distanz unser Ziel ist: Völlig distanziert würde man letztlich auch nicht teilnehmen.“

Download: Vom Umbruch zum Aufbruch (Dateityp: pdf, Dateigröße: 28097714 Bytes)

Download: Looking Ahead: Higher Education’s Transition in Egypt and Tunisia (Dateityp: pdf, Dateigröße: 30247312 Bytes)


Autorin: Bettina Mittelstraß
Veröffentlichungsdatum: 02.10.2012
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