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Schriftsteller Jan Brandt im Interview
Mit dem Erfolg gerechnet
Vor einem Jahr ist Jan Brandts fulminantes Debüt "Gegen die Welt" erschienen.
Der "große Provinzroman" ("Der Spiegel") wurde von der Literaturkritik gefeiert und für die Shortlist des Deutsch Buchpreises 2011 nominiert. Im Gespräch mit dem DAAD-Online-Magazin blickt der ERASMUS-Alumnus Brandt auf die vergangenen Monate zurück, die ihn auch als DAAD-Writer in Residence nach London führten. Und er erklärt, warum ihm bei seiner Geschichte einer Jugend im Ostfriesland der 1980er-Jahre ungewöhnliche Stilmittel wichtig waren.
Herr Brandt, Sie haben sieben Jahre an Ihrem 927seitigen Debütroman „Gegen die Welt“ gearbeitet. Wie groß waren in dieser Zeit Ihre Zweifel, den Roman auch wirklich vollenden zu können?
Jan Brandt: Ich habe sehr lange gebraucht, meinen eigenen Stil, mein Thema zu finden. Als ich 2005 mit der Arbeit an „Gegen die Welt“, diesem Ostfriesland-Epos, anfing, hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, einen Stoff gefunden zu haben, der über eine lange Strecke trägt. Von da an hatte ich weniger Zweifel, das Schreiben wegen mangelnder Qualität oder ästhetischer Bedenken abbrechen zu müssen. Meine Sorge war vielmehr, dass ich nie fertig werden würde.

Haben Sie mit dem enormen Erfolg gerechnet?
Ja. Ich hatte das Gefühl, dass das Buch Eindruck machen würde. Weil es sehr umfangreich ist, weil es versucht, den Roman formal neu zu denken. Womit ich nicht gerechnet hatte, war, dass mich das Buch seit seiner Veröffentlichung so sehr in Atem halten würde – durch Lesungen, Interviews, Reisen.

Im Maisfeld: Jan Brandt erzählt vom Leben und Sterben in der Provinz
Im Maisfeld: Jan Brandt erzählt vom Leben und Sterben in der Provinz
© Monika Keiler
Wie haben Sie Ihr Thema für "Gegen die Welt" gefunden?
Nach meinem ERASMUS-Jahr 1998 am University College London bin ich nach Berlin gezogen und begann dort, intensiv Erzählungen und Kurzgeschichten zu schreiben. Gleichzeitig habe ich gemerkt, dass Berlin nicht mein Thema ist, sondern meine ostfriesische Herkunft. Ich wollte Geschichten erzählen, die ich oftmals nur vom Hörensagen kannte. Nicht eins zu eins, sondern als Fiktion. Das hat funktioniert, und so habe ich langsam mein Thema gefunden: das Leben und Sterben in der Provinz.

Die Provinz kommt in „Gegen die Welt“ nicht sonderlich gut weg. Daniel Kuper, der begabte Außenseiter, lernt ihre Schattenseiten kennen.
Ich wollte an einem Extrembeispiel die Schattenseiten der Provinz aufzeigen. Daniel ist jemand, der sich mit allen anlegt, der den Hass des ganzen Dorfes auf sich zieht. So extrem wie in dem Roman erlebt man das selten. Aber diese starke Fokussierung war notwendig, weil sich mit ihr alles kontrastieren lässt, die Personen des Romans und ihre Konflikte. Die Provinz ist durch eine starke soziale Kontrolle geprägt, im positiven wie im negativen Sinne. Bei Daniel überwiegt das Negative: Von den Erwartungen und Forderungen der anderen wird er erdrückt.

Sie arbeiten in "Gegen die Welt" immer wieder mit ungewöhnlichen typografischen Stilmitteln. Warum war Ihnen das wichtig?

© DuMont Buchverlag
Das hat sich alles aus dem Text heraus entwickelt. Meine erste Idee war, das Wort „Mais“ über eine ganze Seite laufen zu lassen, um das Feld zu illustrieren, in dem Daniel etwas Tragisches zustößt. Wäre es bei diesem einen Stilmittel geblieben, hätte es wie ein Fehler gewirkt. Ich habe immer dann ungewöhnliche typografische Mittel verwendet, wenn es gepasst hat. So habe ich zum Beispiel über 150 Seiten die Seiten mit einer doppelten Linie in zwei Erzählstränge geteilt. Im letzten Teil des Buches verblasst die Schrift immer dann, wenn Daniel ohnmächtig zu werden droht.

Einerseits wollte ich so die Möglichkeiten und Freiheiten der Literatur aufzeigen. Andererseits war und bin ich begeistert von Büchern und Autoren, die mehr bieten als nur Text. Etwa Mark Z. Danielewski, der in seinen Romanen „Das Haus“ oder „Only Revolutions“ mit typografischen Variationen arbeitet, oder Thomas von Steinaecker, dessen Roman „Geister“ zum Comic wird. Solche Variationen können das gedruckte Buch aufwerten, weil sie sich im E-Book noch nicht adäquat umsetzen lassen. E-Books haben wiederum andere Freiheiten und können mit Links das Internet und damit andere Texte einbeziehen. In Zukunft wird es mehr Bücher geben, die über den Text hinausweisen.

Sie haben einmal gesagt, dass Sie Ihr "Coming Out als Autor" während Ihres ERASMUS-Jahres am Londoner University College hatten.
Ich habe das Jahr in London in vielerlei Hinsicht als Befreiung erlebt. Zum einen habe ich mich in London erstmals bewusst mit meiner deutschen Identität auseinandergesetzt, die ich erst im Ausland als solche wahrgenommen habe. Zum anderen haben mich in London andere Studenten ermutigt, ihnen meine Geschichten zu zeigen. Das war sehr heilsam: Die Resonanz auf meine Texte war vernichtend. Danach hat sich mein Schreiben in eine ganz andere, eigenständigere Richtung entwickelt.

Ins Ausland sind sie später mehrfach als Writer in Residence gegangen: 2007 und 2008 waren Sie in den USA und erst im März 2012 für vier Wochen als DAAD-Writer in Residence erneut am University College in London.
Diese Auslandserfahrungen waren sehr wichtig für mich. Die US-amerikanischen Autoren, die ich kennenlernte, waren viel stärker an Diskussionen über Literatur, am Austausch und an der Kommunikation interessiert, als ich das bis dahin von deutschen Stipendiaten kannte. Mithilfe anderer Perspektiven über mein Schreiben nachzudenken, war eine große Bereicherung für mich. Als Writer in Residence in England stand für mich die Vermittlung deutscher Literatur und Kultur im Vordergrund. Die Studenten waren sehr interessiert und fanden es auch gut, einmal einen lebenden deutschen Autor kennenzulernen. Zum Schreiben bin ich dann in London allerdings kaum gekommen.

Nun sind Sie wieder in Berlin und schreiben an Ihrem zweiten Roman. Wie viel möchten Sie schon verraten?
Es wird um deutsche Auswanderer in die USA gehen, um ihre Schwierigkeiten, in der US-Provinz eine neue Heimat zu finden. Mehr weiß ich selbst noch nicht genau. Ich habe zwar viel für den Roman recherchiert, möchte mich jetzt aber nicht festlegen. Ich weiß noch genau, wie es bei „Gegen die Welt“ war. Jahr für Jahr habe ich behauptet: „Am Ende des Jahres ist der Roman fertig.“ Irgendwann konnte ich es selbst nicht mehr hören. Ich genieße es, jetzt mehr Zeit zum Schreiben zu haben.

Weitere Informationen
Der Autor

Jan Brandt wurde 1974 in Leer (Ostfriesland) geboren. Er studierte Geschichte und Literaturwissenschaft in Köln, London und Berlin und besuchte die Deutsche Journalistenschule in München. Vor seinem Romandebüt veröffentlichte er Erzählungen in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ und der „Süddeutschen Zeitung“.


Das Buch

„Gegen die Welt“, DuMont Buchverlag, 2011, 927 Seiten, 22,99 Euro.
Die Taschenbuchausgabe (12,99 Euro) erscheint im Oktober 2012.
Autor: Johannes Göbel
Veröffentlichungsdatum: 10.09.2012
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