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''Welcome to Africa''-Serie
Ein BabyLab im Waisenhaus
Was brauchen traumatisierte Kinder, um eine sichere Bindung zu anderen Menschen herstellen zu können? Diese Frage ist zentral für das deutsch-afrikanische Kooperationsprojekt, das der zweite Teil der Serie des Online-Magazins zum DAAD-Programm "Welcome to Africa" vorstellt.
Waisenkinder oder Kinder mit leichten Behinderungen, die keine Eltern mehr haben, machen in frühen Jahren sehr belastende emotionale Erfahrungen. Im Irente Children’s Home, einem Kinderheim im Osten von Tansania, finden viele von ihnen ein neues Zuhause. In den nächsten Monaten wird das Waisenhaus in den Usambara-Bergen regelmäßig Besuch von jungen Sonderpädagogen bekommen.

Was brauchen traumatisierte Kinder, um eine sichere Bindung zu anderen Menschen herstellen zu können? Diese Frage steht im Mittelpunkt eines Forschungsprojekts am Sebastian Kolowa University College (SEKUCo) in Tansania. Im Rahmen des DAAD-Programms „Welcome to Africa“ arbeiten deutsche und afrikanische Wissenschaftlerinnen und Studierende dort gemeinsam am Aufbau eines Child Development Labs: Mit Hilfe von Videoaufnahmen und Interviews wird der Umgang zwischen Kindern und ihren Betreuerinnen aufgezeichnet und wissenschaftlich ausgewertet. „Unser Ziel ist es, ein Programm für die Ausbildung von Kinderpflegerinnen und pädagogischen Fachkräften zu erstellen“, erklärt die Projektleiterin Professorin Dr. Ulrike Lüdtke. „Unsere deutsch-afrikanischen Forscherteams bilden sie aus und zeigen ihnen, wie sie mit den Kindern am besten kommunizieren und sie in ihrer Entwicklung fördern können.“

In den Usambara-Bergen: Der Campus A des Sebastian Kolowa University College (SEKUCo)
In den Usambara-Bergen: Der Campus A des Sebastian Kolowa University College (SEKUCo)
© Leibniz Universität Hannover
Kamera im Kinderheim
An der Leibniz Universität Hannover macht Ulrike Lüdtke seit Jahren gute Erfahrungen mit dieser Methodik. Am Institut für Sonderpädagogik, Abteilung Sprach-Pädagogik und Sprach-Therapie, untersucht die Forscherin in einem sogenannten BabyLab, wie Kinder sprechen lernen und welche Rolle Emotionen dabei spielen. Feldstudien zeigen, dass emotionale Belastungen häufig Sprachprobleme zur Folge haben. „Schon direkt nach der Geburt erwartet ein Kind Reaktionen der Mutter auf seine Äußerungen“, betont Ulrike Lüdtke. „Diese positiven kommunikativen Signale sind ganz wichtig für die weitere Entwicklung.“ Ihr Team geht in Familien und filmt Eltern und Kinder vor Ort beim Wickeln oder Füttern. Auch in Tansania werden die Wissenschaftlerinnen im Kinderheim mit der Kamera arbeiten. Eine Herausforderung, betont die Professorin. „Da muss man sehr behutsam vorgehen, um die Kommunikationssituation nicht zu stören oder zu beeinflussen“, sagt die Sprachpädagogin. „Wir haben schon daran gedacht die Kamera in Stofftieren zu verstecken.“

Die Studierenden des SEKUCo werden auch mit psychomotorischen Materialien arbeiten
Die Studierenden des SEKUCo werden auch mit psychomotorischen Materialien arbeiten
© Leibniz Universität Hannover
Noch ist es nicht so weit. Im November kommen die afrikanischen Partner nach Hannover, dann werden Tandems gebildet und in gemeinsamen Kursen auf das Forschungsprojekt vorbereitet. Das Interesse ist auf beiden Seiten groß. Jeweils acht Studierende aus Deutschland und Tansania schließen sich zusammen. In den kommenden zwei Jahren stehen wechselseitige Besuche zu Forschungsaufenthalten an. Das Projekt ist berufszielorientiert angelegt und wird in die Module und Curricula am Institut für Sonderpädagogik integriert. „Wir bilden Sprachtherapeutinnen und Lehrerinnen aus“, sagt Abteilungsleiterin Ulrike Lüdtke. „Mehrsprachigkeit und interkulturelle Kompetenz lassen sich am besten lernen, wenn man ins Ausland geht und dort Erfahrungen sammelt.“ Mit der gemeinsamen Arbeit am Child Lab leisten die Forscherteams Pionierarbeit. Am erst 2008 gegründeten Sebastian Kolowa University College, das zur Tumaini University gehört, ist es das erste Forschungsprojekt überhaupt. Mit ihrem Team und einem Pool von Experten aus aller Welt ist Ulrike Lüdtke dabei, den Masterstudiengang „Speech and Language Pathology“ für Kinder mit Behinderungen vor Ort mitaufzubauen. „Ein innovativer Studiengang und sehr wichtig für das Land“, so die Professorin. „Obwohl auch Tansania die VN-Behinderten-Konventionen unterschrieben hat, werden Kinder mit Beeinträchtigungen nach wie vor häufig vernachlässigt oder diskriminiert. Bis zu einer adäquaten pädagogischen Förderung im ganzen Land ist es noch ein weiter Weg.“

Academic Board Meeting in Tansania: Ulrike Lüdtke (ganz links) und Ulrike Schütte (ganz rechts) mit ihren tansanischen Kooperationspartnern
Academic Board Meeting in Tansania: Ulrike Lüdtke (ganz links) und Ulrike Schütte (ganz rechts) mit ihren tansanischen Kooperationspartnern
© Leibniz Universität Hannover
Blick für afrikanische Wertmaßstäbe
Von dem vom Bundesforschungsministerium (BMBF) geförderten Projekt profitieren beide Seiten. „Man lernt sehr viel und bekommt einen anderen Blick auf das eigene Fachgebiet“, stellt Ulrike Schütte fest. Die Doktorandin ist bereits beim Aufbau des Masterstudiengangs in Tansania dabei und unterrichtet angehende Lehrkräfte. „Die Begeisterung und Motivation der Studierenden ist enorm, sie saugen das Wissen geradezu auf.“ Als Projektkoordinatorin arbeitet Ulrike Schütte nun mit einem Tandempartner zusammen, der am SEKUCo den Bereich Speech and Language leitet. Eine der Herausforderungen wird es sein, sich von mitteleuropäischen Denkstrukturen zu lösen und einen Blick für afrikanische Wertmaßstäbe zu entwickeln. Die deutsche Idealvorstellung vom fördernden Umgang einer Mutter oder Betreuerin mit ihrem Baby lässt sich nicht ohne Weiteres auf afrikanische Verhältnisse übertragen. „Die Kommunikation über Mimik und Gestik ist anders“, hat Ulrike Schütte bei ihren Aufenthalten in Afrika festgestellt. „Da interpretiert man leicht etwas hinein.“ Die Erfahrungen aus dem Projekt werden in ihre Doktorarbeit einfließen. Interessante Parallelen hat die Sonderpädagogin bereits festgestellt. „In Tansania gibt es über 120 indigene Sprachen – die Fragestellungen und Herausforderungen in der Arbeit mit mehrsprachigen Kindern sind ganz ähnlich.“

Weitere Informationen
„Welcome to Africa“ – DAAD-Programm weckt Interesse an afrikanischen Forschungsthemen

Mit diesem vom BMBF über einen Zeitraum von drei Jahren geförderten Programm gibt der DAAD deutschen Hochschulen die Möglichkeit, sowohl neue Kontakte zu afrikanischen Hochschulen zu knüpfen, als auch bereits bestehende Kontakte auszubauen und den gegenseitigen wissenschaftlichen Austausch zu aktivieren.

Ziele sind:

• Stärkung der Afrikakompetenz des deutschen wissenschaftlichen Nachwuchses
• Förderung der Mobilität von Studierenden, Graduierten und Wissenschaftler/innen
• Auf- und Ausbau der Forschungszusammenarbeit zwischen afrikanischen und deutschen Hochschulen
• Erweiterung der Forschungs- und Ausbildungskapazität an afrikanischen Hochschulen


Was wird gefördert?

• Studien- und Forschungsaufenthalte deutscher Studierender, Graduierter und Nachwuchswissenschaftler/innen an afrikanischen Hochschulen
• Praktika, Exkursionen oder Sommerschulen
• Netzwerkarbeit zwischen afrikanischen Hochschulen und Forschungseinrichtungen

Von 81 Anträgen aus deutschen Hochschul- und Forschungseinrichtungen wurden elf bewilligt. Bis 2015 werden sie mit einem Gesamtbudget von 3,3 Millionen Euro unterstützt. Eine Übersicht aller geförderten Projekte finden Sie unter
Autorin: Gunda Achterhold
Veröffentlichungsdatum: 07.09.2012
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