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Verleihung der Goethe-Medaille |
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Vermittler zwischen Orient und Okzident |
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Er ist nicht bloß ein Freund des Austausches: Dževad Karahasan ist ein Meister des interkulturellen Dialogs. Als "Brückenbauer zwischen deutschsprachigen Ländern und Bosnien und Herzegowina" sowie "für sein Engagement für die europäische Verständigung" wurde der bedeutendste bosnische Schriftsteller der Gegenwart mit der Goethe-Medaille ausgezeichnet. Klaus-Dieter Lehmann, Präsident des Goethe-Instituts, übergab den offiziellen Orden der Bundesrepublik Deutschland am Dienstag, dem 28. August, im Weimarer Residenzschloss an den ehemaligen Gast des Berliner Künstlerprogramms des DAAD.
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Goethes 263. Geburtstag. Das warme Licht der Kronleuchter liegt golden über der Festgesellschaft, und die „Elf Bagatellen“ von Ludwig van Beethoven füllen den Saal im Weimarer Residenzschloss mit mal zarten, mal temperamentvollen Klängen. Dann fallen starke Worte: Von Krieg, Repression und Vertreibung ist die Rede, aber auch von Zivilcourage, Mut und der Kraft der Kultur. Weimar – die Wahlheimat des Dichterfürsten Johann Wolfgang von Goethe – bot zum 21. Mal die Bühne für eine ehrwürdige Veranstaltung. Seit 1955 ehrt das Goethe-Institut einmal im Jahr ausländische Persönlichkeiten, die sich in herausragender Weise um die Vermittlung der deutschen Sprache und den internationalen Kulturaustausch verdient gemacht haben; in diesem Spätsommer wurde die Goethe-Medaille an die litauische Literatur- und Theaterwissenschaftlerin Irena Veisaitė, den kasachischen Theaterregisseur Bolat Atabayev und den bosnischen Schriftsteller Dževad Karahasan verliehen.
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Dževad Karahasan (Mitte) mit Klaus-Dieter Lehmann und Christina von Braun: Der Präsident und die Vizepräsidentin des Goethe-Instituts ehrten den bosnischen Schriftsteller
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| © Maik Schuck |
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Werke, die sich im Geist berühren
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„Die Preisträger kommen aus verschiedenen Kulturkreisen und mit verschiedenen geschichtlichen Erfahrungen, und doch sind sie sich sehr nahe“, sagte Lehmann in seiner Festrede. „Alle drei kommen aus Ländern, in denen die Einheit der geschichtlichen Zeit zerbrochen ist. Sie nutzen die Kraft des Wortes, um gesellschaftliche Entwicklungen aufzugreifen und verständlich zu machen, die Vergangenheit aufzuarbeiten und das menschliche Zusammenleben als kulturelle Leistung zu vermitteln.“ Cornelia Pieper, Staatsministerin im Auswärtigen Amt, lobte ebenfalls die Preisträger für ihren Einsatz und rief dazu auf „gemeinsam für mehr Freiheit der Kunst und Kultur in der Welt zu streiten“. Dass Dževad Karahasan mit seiner literarischen Kunst insbesondere auch für die Stadt streitet, aus der ihn der jugoslawische Bürgerkrieg 1993 vertrieb, machte der Autor Martin Mosebach deutlich: „Über Dževad Karahasan zu sprechen heißt, über Sarajevo zu sprechen“, sagte er in seiner Laudatio für den Preisträger. „Das alte Stadtbild Sarajevos existiert zwar nicht mehr, kann aber dank Karahasans Werken nicht vergessen werden.“
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Dževad Karahasan: "Eines der Dinge, die ich an Goethe bewundere, ist seine Fähigkeit, unzeitgemäß zu sein"
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| © Maik Schuck |
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Karahasan selbst stellte als Vermittler zwischen Orient und Okzident seine Werke in eine literarische Tradition: „Eines der Dinge, die ich an Goethe bewundere, ist seine Fähigkeit, unzeitgemäß zu sein“, eröffnete er seine Dankesrede. „Während in ganz Europa Nationen entstanden und zusammen mit ihnen nationale Literaturen, von denen jede das Besondere ihrer Nation artikulieren sollte, formulierte Goethe den Begriff einer Weltliteratur – als ein Netz von Werken, die miteinander korrespondieren, die sich im Geiste berühren.“ So nehme Goethe in seinem „West-östlichen Divan“ einen Dialog mit Hafis Schirasi auf, einem persischen Dichter aus dem 14. Jahrhundert, in dem er einen Gesprächspartner erkenne, der ihm in vielem näher stehe als die meisten Zeitgenossen. In seinem eigenen Schaffen knüpft Karahasan an Goethes Weltliteratur an: „Der östliche Divan“ lautet der Titel seines Romans, in dem er orientalische Erzählmuster und mittelalterlich orientalische Stoffe mit den ästhetischen Mitteln des modernen Romans verbindet.
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Auseinandersetzung mit der Geschichte Sarajevos: Dževad Karahasans "Berichte aus der dunklen Welt" erschienen 2007 auf Deutsch
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| © Insel Verlag |
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Karahasans starke Verbindung zur deutschen Sprache begann 1993: Der Romancier, Dramaturg, Essayist und promovierte Theater- und Literaturwissenschaftler verließ das umkämpfte Sarajevo, arbeite als Gastdozent an der Universität Salzburg und später als Lektor in Göttingen. 1995 war er Gast des Berliner Künstlerprogramms des DAAD: „Das Stipendium war für mich aus mehreren Gründen sehr wichtig. Zum einen konnte ich durch meinen Aufenthalt in Berlin viele Kollegen kennenlernen – Literatur und Kultur besteht auch aus dem Gespräch, dem Austausch von Ideen und Ansichten“, sagte Karahasan im Gespräch mit dem DAAD-Online-Magazin. „Zum anderen ermöglichte mir dieses Jahr eine wunderbare Ruhe und Konzentration. Ich konnte Ideen für meine Arbeit und auch zu mir selbst finden. Das war für mich etwas Besonderes, denn in meinem Heimatland Bosnien tobte ein Krieg.“ Ein Krieg, mit dem sich Karahasan literarisch auseinandersetzt: Die Belagerung Sarajevos war Thema seines in zehn Sprachen übersetzten „Tagebuchs der Aussiedlung“ und seiner jüngsten Romane „Schahrijars Ring“ und „Sara und Serafina“. Wieso widmet er sich immer wieder der Vergangenheit, der Aufarbeitung nationaler Traumata? „Der Mensch ist vor allem ein Wesen der Zeit. Wir leben in der Zeit und sind durch die Zeit bestimmt“, erklärte der Schriftsteller. „Wenn wir mit der Vergangenheit nicht im Klaren sind, haben wir keine Möglichkeit, eine gute, menschenwürdige Zukunft zu bauen.“
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Auszeichnung von internationalem Rang
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Für eine menschenwürdige Zukunft schreibt Karahasan derzeit in Graz, das neben Sarajevo zu seiner Wahlheimat geworden ist. Für seine Werke wurde er vielfach ausgezeichnet. Mit der Goethe-Medaille erhält er nun einen offiziellen Orden der Bundesrepublik Deutschland, mit dem bedeutende Persönlichkeiten wie der Dirigent Daniel Barenboim, der Soziologe Pierre Bourdieu und der Philosoph Karl Popper geehrt wurden. Doch nicht nur deshalb hat der Preis für ihn eine besondere Relevanz: „Goethe bedeutet in meinem Leben sehr viel. Er ist ein großartiger Schriftsteller.“ Im Gegensatz zu deutschsprachigen Lesern habe er ihn nicht als schulische Pflichtlektüre kennengelernt: „Ich habe Goethe aus einem Bedürfnis heraus gelesen und war schon als Gymnasiast begeistert“, sagte Karahasan – und feierte nach dem offiziellen Festakt noch ein wenig Goethes 263. Geburtstag.
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Autorin: Christina Pfänder |
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Veröffentlichungsdatum: 29.08.2012 |
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© DAAD |
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