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Erfahrungsbericht
Die Promotion als Transformationsprozess
Die DAAD-Stipendiatin Rosalba Badillo Vega promoviert am International Centre for Higher Education Research (INCHER) Kassel bei Professor Georg Krücken. In ihrem Bericht schildert die aus Mexiko stammende Wissenschaftlerin die besonderen Erlebnisse und Erfahrungen, die ihre Promotion in Deutschland mit sich bringt.
Der Transformationsprozess hat in mir angefangen, als ich mich für eine Promotion entschied. Die Gespräche, die ich zuvor mit verschiedenen Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen geführt hatte, waren ein wichtiger Antrieb für mich. „Dein Denken wird sich total verändern, erweitern“, wurde mir mehrmals gesagt. Trotzdem habe ich nicht damit gerechnet, dass dieser Prozess so intensiv sein könnte.

Rosalba Badillo Vega
Rosalba Badillo Vega
© privat
Der Anfang
Meine erste Überraschung war die positive Antwort eines fremden Professors aus Deutschland, der sich für meine Ideen interessierte. Für mich kam das etwas unerwartet. Mir fiel es schwer zu verstehen, dass ein Wissenschaftler in Deutschland einfach wegen meiner auf Literatur beruhenden Überlegungen mit mir arbeiten wollte, ohne mich zu kennen. Während eines Aufenthaltes in Deutschland hatte ich die Möglichkeit, meinen zukünftigen Betreuer persönlich kennenzulernen: ein erstes Mittagessen mit Professor Georg Krücken. Ich erwartete Fragen zu meiner Person, meiner beruflichen Laufbahn, meiner Motivation etc. Aber nein! Wir waren nicht einmal richtig am Tisch, als die erste Frage kam: „Wie viele Hochschulen gibt es in Ihrem Land?“ Ich wusste es nicht genau! Danach begann der harte Bewerbungsprozess um ein DAAD-Stipendium. Unterlagen, Übersetzungen, Berichte, Empfehlungsbriefe, Nachweis der Deutschkenntnisse etc. Ein Vorstellungsgespräch mit fünf Gutachtern, auf Deutsch! Damals habe ich bestimmt nicht genau verstanden, was dieses Abenteuer bedeutete. Aber ich war überzeugt davon, mich darauf einzulassen.

"Eine riskante Vorleistung"
Niklas Luhmann hat Vertrauen als „eine riskante Vorleistung“ definiert. Mit dieser Vorleistung fangen die Betreuungsprozesse ausländischer Doktoranden in Deutschland an. Und zwar in zweierlei Hinsicht: Einerseits nehmen die Doktoranden das Risiko auf sich, alles zu verlassen, um mit einem bestimmten Professor oder einer bestimmten Professorin arbeiten zu können. Andererseits gehen die Betreuer das Risiko ein, eine fremde Person aus einem fremden Land in ihr Team aufzunehmen. Wer nichts riskiert, kann nicht gewinnen.

Das INCHER in Kassel
Das INCHER in Kassel
© INCHER
Die Promotion ist kein reibungsloser Prozess. Da ich in Deutschland ein Studium absolviert habe, waren mir die Sprache, die Kultur und das Wissenschaftssystem nicht so fremd. Ein großes Plus für mich ist, dass ich mich anpassen und achtsam sein kann. Aus der Ferne sieht es einfach aus, aber tatsächlich war es sehr belastend und anstrengend. Ein Element, das eine Promotion immer begleitet, ist die Einsamkeit. Man muss lernen allein zu sein, um diesen Prozess zu bewältigen. Diese Einsamkeit wird zwar nach und nach von Freunden, Partnern, Kollegen und Bekannten gelindert. Trotzdem besteht die zentrale Beziehung während der Promotion mit einer Person: dem Betreuer oder der Betreuerin. Wenn ich meinen bisher erfolgreichen Fall analysiere, identifiziere ich verschiedene Gründe dafür: zuerst die fachlichen und didaktischen Kompetenzen meines Doktorvaters und sein Interesse für seine Doktoranden und Doktorandinnen. Danach meine Bereitschaft zu lernen, hart zu arbeiten, mich für die Themen zu interessieren, die ihn interessieren – und nicht zuletzt den großen Respekt, den wir füreinander haben. Dieser Respekt gibt mir die Sicherheit, dass wir sogar die schwierigsten Phasen, Differenzen und Unstimmigkeiten bewältigen können.

Die Perspektiven weiten
Ob sich ein Makrosoziologe und eine Psychologin überhaupt verständigen können, war am Anfang ein Rätsel. Man könnte behaupten, dass die Soziologie den Menschen von außen nach innen betrachtet, während die Psychologie es von innen nach außen macht. Ohne Zweifel ist die Interdisziplinarität an sich sehr positiv, weil sie einen Dialog zwischen Disziplinen bedeutet und das die Wissenschaft nur bereichern kann. So entstehen Innovationen. Auf der praktischen Ebene aber erfordert Interdisziplinarität Diskussionen, Differenzen, andere Perspektiven. Das war nicht einfach. Als ich feststellte, dass mein Doktorvater andere Perspektiven hat und nicht an den Zusammenhang meiner Variablen „glaubte“, war ich sehr demotiviert und niedergeschlagen. Zu diesem Zeitpunkt habe ich gelernt, dass die Wissenschaft nichts mit „Glauben“ zu tun hat. Es geht um eine Methode, die Hypothesen überprüfen kann. Heute lese ich leidenschaftlich Max Weber, John Meyer und andere Soziologen, die mir die „anderen“ Perspektiven erklären, damit ich meine eigenen ausweiten kann.

Professor Krücken bewundert die Fähigkeiten seiner hart arbeitenden und sich in neue Themen kompetent einarbeitenden Doktoranden und hält viel von ihnen. Was mein berufliches (auch persönliches) Leben transformiert hat, war etwas, was er mir in einer schwierigen Situation gesagt hat: „Frau Badillo, ich glaube an Sie“.

Georg Krücken, Rosalba Badillo Vega, Peter Kretek (wissenschaftlicher Mitarbeiter am INCHER): Bewunderung für die Doktoranden
Georg Krücken, Rosalba Badillo Vega, Peter Kretek (wissenschaftlicher Mitarbeiter am INCHER): Bewunderung für die Doktoranden
© privat
Immer wieder eine tolle Überraschung
Promovieren bedeutet für mich, die wissenschaftliche Begründung dessen zu verstehen, was ich jahrelang gemacht habe. Das ist immer wieder eine tolle Überraschung. Aber erst vor ein paar Wochen hatte ich das Gefühl, dass ich nirgendwo anders sein wollte; es war ein Moment während eines Vortrages meines Doktorvaters. Sein Denkvermögen und die Fähigkeit, seine Kenntnisse zu vermitteln, haben mich überzeugt. Allen Schwierigkeiten zum Trotz, die sich meinem Promotionsvorhaben entgegen stellten, bin ich endlich sicher, auf dem richtigen Weg zu sein. Aus meiner Leidenschaft versuche ich Wissenschaft zu machen. Selbst dieser Text wurde in diesem Sinne gedacht: schreiben, analysieren, um meine Erfahrungen einzuordnen. Das sollte auch Wissenschaft heißen...

Ich wünsche allen Doktorandinnen und Doktoranden, so ein schönes Gefühl zu haben.

Autorin: Rosalba Badillo Vega
Veröffentlichungsdatum: 27.08.2012
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