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DAAD-Preisträgerin im Interview
"Folklore ist voll Kraft und Spontaneität"
Lucía Martínez Alonso vereint Tradition und Moderne: Die Musikerin bewegt sich in ihren Kompositionen zwischen Folklore und Jazz; als Perkussionistin ist sie sowohl in klassischer als auch in Neuer Musik zu Hause. Nun studiert die 30-jährige Spanierin im zweiten Semester Filmmusik an der Hochschule für Film und Fernsehen (HFF) "Konrad Wolf" und wurde für ihr Engagement mit dem mit 1.000 Euro dotierten DAAD-Preis ausgezeichnet.
Lucía Martínez Alonso
Lucía Martínez Alonso
© Mario Burbano
Frau Martínez, schon als Jugendliche haben Sie sich für das klassische Schlagzeug begeistert und das Instrument später auch studiert. Was fasziniert Sie daran?
Lucía Martínez Alonso: Percussion ist in der traditionellen Musik sehr präsent. Ich bin in Vigo mit der Folkmusik Galiciens aufgewachsen und habe sie bereits als Kind gerne gespielt. Was meiner Ansicht nach sowohl die Folklore als auch die Percussion selbst so interessant macht, ist ihre Kraft und Spontaneität. Das erste Instrument, das ich mit neun Jahren an der Popular-Universität von Vigo gelernt habe, war allerdings die Drehleier. Mittlerweile spiele ich außerdem Klavier. Da ich mich sehr für den Bereich der Komposition interessiere, ist für mich sowohl das Rhythmische als auch das Melodische von großer Relevanz.

Im Moment sind Sie in vier eigenen Ensembles aktiv, mit denen Sie auch Ihre eigenen Kompositionen spielen. Was zeichnet Ihre Werke aus?
Für meine Musik – die aufgrund der Besetzung der Kammermusik sehr nahe steht – nutze ich traditionelle spanische Elemente, also bestimmte melodische oder rhythmische Strukturen, und verbinde sie mit Jazz oder Neuer Musik der europäischen Avantgarde. Dadurch gewinnen meine Stücke eine individuelle Charakteristik – nicht sehr viele Komponisten greifen auf Folklore zurück. Mir ist es wichtig, meine Stücke möglichst oft live zu präsentieren, das finde ich sehr inspirierend. Darüber hinaus stehe ich im Rahmen weiterer Projekte als Vibrafonistin, Perkussionistin und Schlagzeugerin auf der Bühne. Meist spiele ich Neue Musik von jungen internationalen Komponisten, aber auch klassische Konzerte.

Mit ihrem Ensemble
Mit ihrem Ensemble "Azulcielo" spielt Lucía Martínez Alonso ihre eigenen Kompositionen
© Mario Burbano
Neue Musik trifft nicht immer den Publikumsgeschmack. Die Auflösung der Tonalität stellt manchen Zuhörer vor große Herausforderungen.
Ja, Neue Musik ist in der Tat nicht einfach zu hören. Aber als Musikerin sehe ich es als meine Aufgabe, aktuellen Komponisten Gehör zu verschaffen. Man muss einfach ein bisschen Geduld mitbringen, um diese Musik zu verstehen – das ist in der heutigen Zeit vielleicht für viele nicht ganz einfach. In Deutschland sehe ich allerdings eine größere Bereitschaft, sich mit Neuer Musik auseinanderzusetzen als in Spanien oder Portugal.

Vom Präsidenten der HFF, Prof. Dr. Dieter Wiedemann, wurden Sie jüngst mit dem DAAD-Preis ausgezeichnet. Der DAAD würdigt damit ausländische Studierende für ihre besonderen akademischen Leistungen und ihr bemerkenswertes gesellschaftliches Engagement.
Wieso hat sich das Präsidium der HFF in diesem Jahr für Sie entschieden?
Zum einen habe ich gute Noten aufzuweisen und bin mit meinen Ensembles auf hohem musikalischen Niveau international unterwegs. Wichtig für die Entscheidung der Jury war aber auch mein soziales Engagement: Sowohl in Spanien als auch in Kolumbien arbeite ich ehrenamtlich als Musiklehrerin. Ich möchte Kindern, die nicht aus privilegierten Familien stammen, die Möglichkeit geben, ein Instrument zu erlernen.

Lucía Martínez Alonso arbeitet ehrenamtlich als Musiklehrerin
Lucía Martínez Alonso arbeitet ehrenamtlich als Musiklehrerin
© Mario Burbano
Mithilfe eines ERASMUS-Stipendiums reisten Sie im Jahr 2006 von Portugal nach Finnland und studierten Vibrafon und Jazz-Schlagzeug am Helsinki Polytechnic Stadia. Welche Erfahrungen haben Sie in dieser Zeit gesammelt?
Das ERASMUS-Programm hat mir ermöglicht, zum ersten Mal in meinem Leben eine längere Zeit im Ausland zu verbringen. Für mich als Spanierin war vieles in Finnland sehr ungewohnt – nicht zuletzt die Temperaturen im Januar von minus 20 Grad. Musikalisch hat mir der Aufenthalt in Helsinki eine neue Welt eröffnet: Mein Ziel war es, die freie Improvisation zu lernen, und dank meines exzellenten Professors ist es mir auch gelungen. Außerdem habe ich in dieser Zeit sehr viele nette Leute aus der ganzen Welt kennengelernt, mit denen ich zum Teil noch heute musiziere; andere besuche ich in ihren Heimatländern. Insgesamt war es einfach eine tolle Erfahrung, die mir geholfen hat, mehr Toleranz und Verständnis für andere Menschen zu entwickeln.

Aktuell studieren Sie an der HFF in Potsdam Filmmusik. Welche Pläne haben Sie für die Zeit nach Ihrem Studium?
Es war schon immer mein Traum, Filme zu machen und dazu auch die passende Filmmusik zu komponieren. Das dramaturgische und musikalische Handwerk, das ich während meines Studiums hier in Potsdam erlerne, wird mir sicher bei der Konzeption eines eigenen Kurzfilms oder einer Reportage zugute kommen. Im Rahmen meines Studiums habe ich bereits zu zwei Filmen die Musik komponiert und auch meinen ersten eigenen Dokumentarfilm gedreht, der die Geschichte eines alten Straßenmusikers erzählt. Das hat mich sehr fasziniert. In meinen künftigen Filmen würde ich mich gerne weiter mit sozialen Themen beschäftigen.

Weitere Informationen
Biografie Lucía Martínez Alonso

2006 Diplom im klassischen Schlagzeug am Conservatorio Superior de Música de Vigo, Spanien

2008 Diplom im Jazz-Schlagzeug an der Escola Superior de Música e Artes
do Espectáculo in Porto, Portugal

2009 Gründung ihres Berliner Projektes „Azulcielo“

2009 Master of Music (Jazz) an der Universität der Künste Berlin

Seit 2011 Masterstudium der Filmmusik an der HFF Potsdam

2012 DAAD-Preis für hervorragende Leistungen ausländischer Studierender
Autorin: Christina Pfänder
Veröffentlichungsdatum: 23.08.2012
Weiterführende Links:
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