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Serie "Gesellschaft im Wandel"
Sonne und Wind – in Kairo und in Kassel
Die Menschen in den arabischen Ländern interessieren sich mehr und mehr für erneuerbare Energiequellen und für die Verbesserung der Energieeffizienz. In einem interkulturellen, vom DAAD geförderten Aufbaustudiengang werden darum arabische und deutsche Generalisten ausgebildet.
Sonne scheint in Nordafrika und im Nahen Osten reichlich, und vor allem an den Meeresküsten weht auch der Wind oft kräftig. Eigentlich sind das ideale Voraussetzungen für die Nutzung erneuerbarer Energiequellen, zumal der Energiebedarf in der Region stark wächst. Trotzdem steckt diese Branche dort noch in den Kinderschuhen. Gerade für leitende Positionen fehlen Allrounder, die nicht nur technische, sondern auch kulturelle und ökonomische Klippen umschiffen können. Darum werden seit 2009 in einem interkulturellen Masterstudiengang Experten ausgebildet, die sich mit Technik und Management in den Bereichen erneuerbare Energiequellen und Energieeffizienz auskennen.

REMENA-Teilnehmer in Spanien: Fortbildungsreisen sind ein wesentlicher Bestandteil des Aufbaustudiengangs
REMENA-Teilnehmer in Spanien: Fortbildungsreisen sind ein wesentlicher Bestandteil des Aufbaustudiengangs
© REMENA
Fitgemacht für künftige Aufgaben
REMENA heißt dieser Aufbaustudiengang an der Cairo University und der Universität Kassel – der Name steht für „Renewable Energy and Energy Efficiency for the Middle East and North Africa (MENA) Region“. Innerhalb von 21 Monaten werden die deutschen und internationalen Teilnehmer für ihre künftigen Aufgaben fitgemacht und schließen mit einem internationalen Master of Science ab.

Dr. Hatem Elrefaei, ein ägyptischer Elektroingenieur, hat den Studiengang von Juli 2010 bis März 2012 durchlaufen. Zuvor hatte er Erfahrungen in der Wirtschaft und an Hochschulen gesammelt. Anschließend wollte er in die erneuerbaren Energiequellen einsteigen; REMENA schien ihm ideal dafür geeignet zu sein. Und so war es auch: Heute arbeitet Dr. Elrefaei als Experte am Regionalen Zentrum für erneuerbare Energiequellen und Energieeffizienz in Kairo. „Ich bin also einer von denen geworden, die den regionalen Prozess in diesem Bereich neu gestalten, verbessern und ermöglichen“, meint er. Die Besuche bei Firmen und öffentlichen Institutionen während des Studiums, etwa beim Fraunhofer-Institut für Windenergie und Energiesystemtechnik in Kassel oder bei dem Windpark von Zafarana in Ägypten, seien sehr nützlich für ihn gewesen.

Neuer Jahrgang: Auftaktveranstaltung für Studierende im Juli 2011 in Kairo
Neuer Jahrgang: Auftaktveranstaltung für Studierende im Juli 2011 in Kairo
© REMENA / Anke Aref
Ein Dutzend neue Studierende
Der DAAD vergibt jährlich mehrere Stipendien für REMENA. Aus Ägypten kämen die meisten arabischen Teilnehmer, sagt Janique Bikomo vom Referat für entwicklungsländerbezogene Aufbaustudiengänge; es gebe aber auch Studierende aus dem Jemen, Jordanien, den palästinensischen Autonomiegebieten und Syrien. Die Zahl der Bewerber, die einen Bachelor und einschlägige Berufserfahrung mitbringen müssen, habe seit dem Start im Jahr 2009 zwischen 34 und 75 geschwankt. Demnächst würden voraussichtlich zwölf neue Studierende beginnen.

Der Zweck von REMENA ist nicht die Ausbildung von Spezialisten, sondern eher von Generalisten. „Was die erneuerbaren Energiequellen angeht, sind wir in dem Studiengang auf ein gesamthaftes Verständnis auf System- und Projektebene aus“, sagt Professor Dirk Dahlhaus, der REMENA an der Universität Kassel koordiniert. Darum sind auch die Masterarbeiten meistens thematisch breit angelegt; ein Teilnehmer entwarf zum Beispiel den kompletten Aufbau eines Windparks in Jordanien. Der inhaltliche Schwerpunkt des Studiengangs liegt auf den technischen, ökonomischen und planerischen Grundlagen. Angeboten werden (englischsprachige) Lehrveranstaltungen zu den in der MENA-Region relevanten erneuerbaren Energiequellen – Photovoltaik, Solarthermie, Windenergie und Biokraftstoffe – sowie zur Energieeffizienz. Der Praxisanteil ist dank zahlreicher externer Projektpartner sehr hoch. Dahlhaus betont aber auch den interkulturellen Charakter des Studiengangs. Damit meint er nicht nur die Lehrveranstaltungen der deutschen bzw. arabischen Sprache für die Teilnehmer. Einzelne Unterrichtsmodule zielen sogar in den kulturwissenschaftlich-philosophischen Bereich.

Zukunftshoffnungen: REMENA-Studierende feiern ihren Abschluss
Zukunftshoffnungen: REMENA-Studierende feiern ihren Abschluss
© REMENA
Freundschaften, die halten
Der studierte Bauingenieur Frank Philipp ist ein weiterer ehemaliger REMENA-Teilnehmer. Er hatte zuvor jahrelang im Bereich Marketing und Kommunikation gearbeitet. Als ihn das nicht mehr ausfüllte, suchte er 2008 eine neue Herausforderung im Bereich der erneuerbaren Energiequellen. REMENA kam da gerade recht, zumal ihn auch der kulturelle Aspekt interessierte. Unter den Besuchen während des Studiums hebt er eine Reise nach Tunesien zum Thema Solarkollektoren hervor, und mit den arabischen Teilnehmern hätten sich Freundschaften entwickelt, die zum Teil bis heute hielten. Heute ist der Ingenieur für die in Regensburg ansässige Windenergiefirma Ostwind tätig. Zurzeit hat er zwar keine Projekte in der MENA-Region am Laufen, möchte aber die neugewonnenen Kenntnisse für die Akquise neuer Projekte in der Region nutzen.

Die Projektverantwortlichen von REMENA – neben Professor Dahlhaus in Kassel ist dies auf arabischer Seite Professor Adel Khalil an der Universität Kairo – hegen die Hoffnung, dass die Teilnehmer des Studiengangs, ähnlich wie Dr. Hatem Elrefaei, anschließend an leitender Stelle die Nutzung erneuerbarer Energiequellen in der MENA-Region realisieren helfen können. Dahlhaus nennt ein weiteres typisches Beispiel: So traf er neulich eine ägyptische REMENA-Absolventin, die bei einer Bankniederlassung der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) in Kairo arbeitete und sich mit der Finanzierung von Projekten in der Energiewirtschaft beschäftigt. „Sie geht ihren Weg in dem Bereich“, sagt Dahlhaus.

Autor: Sven Titz
Veröffentlichungsdatum: 17.08.2012
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