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DAAD-Stipendiat im Interview
Bildergeschichte des 20. Jahrhunderts
Tito im Rennboot. Tito auf der Jagd. Tito mit Sophia Loren. Marschall Josip Broz Tito, ehemaliger jugoslawischer Staatschef und selbst Hobbyfotograf, setzte sich mit tausenden von Fotos in Szene. DAAD-Stipendiat Fabian Bechtle sichtet seit April Teile der umfangreichen Fotosammlung im Archiv des Museums für Jugoslawische Geschichte in Belgrad und blickt dabei nicht nur hinter die Fassade des Diktators – die Fotos erzählen eine Bildergeschichte des 20. Jahrhunderts.
Fabian Bechtle
Fabian Bechtle
© Fabian Bechtle
Herr Bechtle, mittlerweile sind Sie seit vier Monaten in Belgrad und durchforsten die umfassende fotografische Sammlung des Museums für Jugoslawische Geschichte. Welche Schätze haben Sie ans Licht geholt?
Fabian Bechtle: Zahlreiche Fotos zeigen Tito während eines Staatsbesuchs oder eines offiziellen Empfangs mit Präsidenten anderer Nationen. Auf anderen inszeniert er sich weltmännisch im Hubschrauber oder mit Schauspielern wie Richard Burton. Auch Deutschland ist im Archiv präsent: Der Leipziger Hauptbahnhof im Jahr 1974 wurde durch die Windschutzscheibe einer Limousine aus dem Tross Titos fotografiert. Insgesamt decken die Fotos in etwa den Zeitraum zwischen 1948 und 1980 ab. Nahezu jeder Tag von Tito ist in irgendeiner Weise repräsentiert, das Negativmaterial umfasst um die 600.000 Fotos. Mir ist es natürlich nicht möglich, all diese Bilder zu sichten. Hilfreich sind die gut geordneten Abzüge einiger Negative, die gemeinsam mit Inhaltsangaben in 708 Boxen im Archiv lagern.

Wie treffen Sie bei den Stichproben Ihre Auswahl?
Am Anfang fand ich die skurrilen Bilder besonders ansprechend. Dann aber merkte ich, dass gerade diese Fotos die Mythenbildung Titos bestimmen. Mittlerweile finde ich jene Fotos interessant, die eher nebenbei entstanden sind, zum Beispiel aus dem Auto heraus fotografiert wurden oder Tito auf der Fahrt von der einen zur anderen Veranstaltung zeigen. Im Grunde handelt es sich hierbei um Schnappschüsse, die eher untypisch für das Archiv sind. Wenn man die einzelnen Bilder dann nebeneinander hält, fährt man durch Indien, Äthiopien oder Deutschland, unternimmt eine Reise durchs 20. Jahrhundert und streift neben der politischen Geschichte zum Beispiel auch die des Designs.

Welche Rolle spielt die DAAD-Förderung für Ihre Arbeit?
Ohne den DAAD wäre es für mich nicht möglich, diese Arbeit zu leisten, denn der wichtigste Punkt ist natürlich die Finanzierung. Zusätzlich genieße ich als DAAD-Stipendiat weitere Vorteile; der Zugang zu bestimmten Institutionen wird mir durch das Renommee des DAAD erleichtert.

Auf dem Festival für Fotografie in Leipzig waren Bilder aus dem Archiv des Museums zu sehen
Auf dem Festival für Fotografie in Leipzig waren Bilder aus dem Archiv des Museums zu sehen
© F/Stop Festival für Fotografie Leipzig
Sie selbst arbeiten als bildender Künstler und haben an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig Kunst studiert. Sicher gehen Sie mit der Sammlung anders um als ein Archivar.
Ja, in der Tat. Zunächst einmal habe ich gemeinsam mit dem Museum zwei Präsentationen realisiert, auf der ausgewählte Fotos ausgestellt wurden. Dabei war es mir wichtig, der Fülle und Architektur des Archivs gerecht zu werden. Eine bloße Reproduktion war mir jedoch nicht genug, ich wollte eine Übersetzung der Fotos liefern. Deshalb startete ich gemeinsam mit einem serbischen Schauspieler ein Experiment: Die Inhaltsangaben zu den Fotos – die ich in den Boxen im Archiv gefunden hatte – las der Schauspieler vor, als wären sie ein Drehbuch. Dabei entstanden ganz andere Bilder vor dem geistigen Auge, zusätzlich wurden die einzelnen Fotos zu einer zusammenhängenden Erzählung verbunden. Im Moment führe ich Interviews mit Personen, die auf unterschiedliche Art und Weise mit dem Museum verknüpft sind.

Seit einigen Jahren sind Ihre eigenen Werke auf Ausstellungen zu sehen. Was zeichnet Ihre Arbeiten aus?
Angefangen habe ich mit Video-Performances – was zunächst einmal aufgrund des Livecharakters einer Performance ein Widerspruch in sich zu sein scheint. Meine Performances waren allerdings ausschließlich für die Videokamera gedacht; die kurzen, rhythmisch-prägnanten Aktionen habe ich mehrmals vor der Kamera wiederholt und Bezüge zu bekannten Bildern aus den Medien hergestellt. Im Zuge des Meisterschülerstudiums hat sich mein Fokus ein wenig verschoben. Zum einen spielt die Installation des Videos im Raum eine größere Rolle, zum anderen interessiert mich stärker die Rolle des Dokumentarischen, insbesondere die Diskrepanz zwischen Nachstellung und Dokumentation. Diese Diskrepanz spielt natürlich auch bei den Tito-Fotos eine große Rolle. Deshalb finde ich die Arbeit im Archiv auch so faszinierend: Das Performative, also die Aufführung innerhalb der Fotografie, vermischt sich mit dem Dokumentarischen.

Offizieller Staatsempfang: Josip Broz Tito heißt Willi Brandt willkommen
Offizieller Staatsempfang: Josip Broz Tito heißt Willi Brandt willkommen
© Fabian Bechtle
Ihr DAAD-Stipendium endet im September. Welche Pläne haben Sie für die Zeit danach?
Mein Vorhaben in Belgrad ist so facettenreich geworden, dass ich es nicht wie geplant innerhalb meines Stipendiums abschließen werde. Je länger ich mich mit dem Archiv beschäftige, desto mehr merke ich: Man muss daraus ein Gruppenprojekt machen. Deshalb bin ich dabei, das Projekt zu erweitern und andere Leute dazu einzuladen. Dauerhaft werde ich zwar nicht in Belgrad bleiben, aber die nächsten ein bis zwei Jahre sicher weiter mit dem Archiv in Kontakt bleiben.

Weitere Informationen
Biografie Fabian Bechtle

2002 – 2009 Studium an der Hochschule für Grafik und Buchkunst (HGB) Leipzig
und an der École Nationale des Beaux-Arts Lyon, Frankreich

2008 Erster Preis BM-Mediale für Junge Kunst

2009 Diplom für Bildende Kunst (HGB Leipzig)

2009 – 2011 Meisterschülerstudium bei Professor Joachim Blank (HGB Leipzig)

Seit 2007 Ausstellungen im In- und Ausland u.a. Pact Zollverein Essen (2011),
Goethe-Institut Rom (2007), Senatsreservespeicher Berlin (2011), Galerie der
Künstler München (2010), Bonner Kunstverein (2009), Museum of
Contemporary Art Belgrade (2012)

Seit April 2012 Stipendiat des DAAD (Kurzzeitstipendium für Graduierte Künstler) in Belgrad, Serbien
Autorin: Christina Pfänder
Veröffentlichungsdatum: 26.07.2012
Weiterführende Links:
DAAD - Deutscher Akademischer Austausch Dienst © DAAD
Nachwuchswissenschaftler für Pakistans Technische Universitäten
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