Lektorentreffen des DAAD
Botschafter für Europa
"Wenn die meisten eine Herausforderung schon aufgegeben haben, fängt die eigentliche politische Arbeit erst an." Diese Maxime Konrad Adenauers rief Dr. Hans-Gert Pöttering dem Publikum im Plenarsaal des Gustav-Stresemann-Instituts in Bonn zu. Der Vortrag des CDU-Europaabgeordneten und früheren Präsidenten des Europäischen Parlaments gehörte zu den Höhepunkten des diesjährigen DAAD-Sommertreffens, zu dem 220 Lektoren aus 70 Ländern nach Bonn gereist waren.
Dr. Hans-Gert Pöttering
Dr. Hans-Gert Pöttering
© DAAD / Eric Lichtenscheidt
„Wir erleben keine Krise des Euro, sondern eine Verschuldungskrise“, sagte Pöttering und war sich sicher: Europa steht vor großen Herausforderungen, besonders innerhalb der Gemeinschaft. Nun gelte es aber, die Probleme gemeinsam zu lösen – die Forderung, in Griechenland wieder die Drachme einzuführen, hält er für den falschen Weg: „Wir sollten niemanden aus der Eurozone ausschließen.“ Solche „politischen Tsunamis“ habe es in der Geschichte der europäischen Einigung immer wieder gegeben: „Ich bin zuversichtlich, dass auch dieser zu bewältigen ist.“ Manchen hat der CDU-Politiker aus nächster Nähe erlebt: Er ist der einzige Abgeordnete, der seit der ersten Direktwahl 1979 Mitglied des Europäischen Parlaments ist. Fast acht Jahre lang hatte er den Vorsitz der Fraktion der Europäischen Volkspartei inne; von 2007 bis 2009 war er Präsident des Europäischen Parlaments.

Der Vortrag des früheren Präsidenten des Europäischen Parlaments, Dr. Hans-Gert Pöttering, gehörte zu den Höhepunkten des DAAD-Lektorentreffens
Der Vortrag des früheren Präsidenten des Europäischen Parlaments, Dr. Hans-Gert Pöttering, gehörte zu den Höhepunkten des DAAD-Lektorentreffens
© DAAD / Eric Lichtenscheidt
Europäische Wertegemeinschaft
„Die Europäische Union ist seit dem Zweiten Weltkrieg und noch einmal nach dem Fall des Eisernen Vorhangs zu einer Wertegemeinschaft gewachsen, in der es gelungen ist, Werte wie Menschenwürde, Demokratie und Rechtstaatlichkeit in den Mittelpunkt zu stellen“, sagte Pöttering. Diese Werte seien nicht auf die EU beschränkt: „Wir dürfen uns nicht in Deutschland zurücklehnen und die anderen vergessen, die diese Werte nicht haben.“
Organisationen wie der DAAD oder die Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) – zu deren Vorsitzenden Pöttering im Jahr 2009 gewählt wurde – hätten die Aufgabe, sich für die Entwicklung der Zivilgesellschaft etwa in den Ländern Osteuropas oder Nordafrikas einzusetzen. Diese Aufgabe sei jedoch für die KAS in Ägypten gerade besonders schwer: Anfang des Jahres wurde dort das Büro der KAS durchsucht, Unterlagen konfisziert und Mitarbeiter angeklagt. „Die arabischen Länder haben nur dann eine Chance, wenn sie der Zivilgesellschaft Raum geben“, sagte Pöttering.

Die Verteidigung der Zivilgesellschaft sei zuweilen auch innerhalb der Europäischen Union nötig. Der Politiker warnte jedoch davor, sich wieder auf den Nationalismus zurückzuziehen: „Nationalismus führt zum Krieg.“ Auch wenn in manchen Mitgliedsländern der EU die europäische Idee an Popularität eingebüßt habe – angesichts der demografischen Entwicklung in den nächsten Jahrzehnten hätten die Mitgliedsländer nur gemeinsam eine Chance: „Wenn die Prognosen stimmen, werden die Europäer im Jahr 2050 nur noch sieben Prozent der Weltbevölkerung ausmachen, die Deutschen 0,7 Prozent.“ Er unterstrich ausdrücklich die Bedeutung der Arbeit, die die DAAD-Lektoren für die europäischen Prinzipien leisteten.


"Die Lektoren sind eines der wichtigsten Fundamente der Arbeit des DAAD"
© DAAD / Eric Lichtenscheidt
Botschafter für Europa
Damit traf Pöttering, der selbst einige Wochen mit einem DAAD-Stipendium an der Columbia University in New York geforscht hat, das Selbstverständnis der Lektoren. „Wir sehen uns auch als Mittler für die europäische Integration“, sagte Christian Strowa aus London. Studierende mache er auf die Vorteile der EU aufmerksam, wie etwa auf die Reise- und Arbeitsfreiheit. Seine Kollegin Giulia Comparato setzt sich im süditalienischen Bari für die europäische Idee ein. Ob an der Universität oder im Alltag – die Lektorin scheut keine Diskussion. „Ich finde mich zuweilen in der Rolle wieder, dass ich Angela Merkels Politik erklären muss.“

Sowohl für Giulia Comparato als auch Christian Strowa ist das Lektorentreffen der Höhepunkt des Jahres: „Es ist für die Lektoren eine sehr gute Möglichkeit, sich direkt untereinander auszutauschen“, sagte Strowa. „Die Gespräche mit Kollegen aus anderen Regionen verändern den Blick auf das eigene Lektorat, da sie mit ganz anderen Problemen konfrontiert sind.“ In diesem Jahr nutzten 220 Lektoren aus 70 Ländern das Treffen in Bonn, um sich fachwissenschaftlich fortzubilden, neue Pläne und Projekte anzugehen und wichtige Deutschlandthemen zu diskutieren. Insgesamt arbeiten 471 Lektoren in 105 Ländern. „Die Lektoren sind eines der wichtigsten Fundamente der Arbeit des DAAD“, sagte Friederike Schomaker, die das DAAD-Referat für die fachliche Betreuung der Lektoren leitet. Die meisten unterrichteten Deutsch, führten in Literatur und Landeskunde ein und berieten Studierende zu Stipendien und Studium in Deutschland. Rund 50 Fachlektoren vermitteln darüber hinaus deutschlandbezogene Themen in Fächern wie Politologie, Geschichte, Wirtschafts- und Ingenieurwissenschaften oder Jura.

Autor: Joachim Budde
Veröffentlichungsdatum: 18.07.2012
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