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DAAD-Alumnus im Interview
Insel des Friedens und der Menschlichkeit
Das Engagement des deutschen Arztes Dr. Johannes Guggenmos kennt keine Grenzen: Der DAAD-Alumnus leistet mit seiner ehrenamtlichen Arbeit im Klinikum Hadassah einen Beitrag zur Völkerverständigung zwischen Israelis und Palästinensern. Mehrmals im Jahr reist der Facharzt für plastische und ästhetische Chirurgie von München nach Jerusalem und behandelt dort jüdische und arabische Patienten.
Dr. Johannes Guggenmos mit Dr. Avraham Neuman, Direktor der Abteilung für Plastische Chirurgie des Hadassah Medical Center der Hebräischen Universität Jerusalem
Dr. Johannes Guggenmos mit Dr. Avraham Neuman, Direktor der Abteilung für Plastische Chirurgie des Hadassah Medical Center der Hebräischen Universität Jerusalem
© privat
Herr Dr. Guggenmos, mehrmals im Jahr fliegen Sie nach Jerusalem, opfern Ihren Urlaub und bauen dort Ihre Überstunden ab. Warum engagieren Sie sich im Klinikum Hadassah?
Dr. Johannes Guggenmos: Es ist der Gedanke der Völkerverständigung, der mir am Herzen liegt. In unserem Krankenhaus behandeln meine israelischen und palästinensischen Kollegen jeden Patienten, unabhängig von Religion und politischem Couleur. Damit ist die Klinik eine Insel des Friedens – das finde ich faszinierend. Viele Patienten kommen aus den Palästinensergebieten und haben zum Teil noch nie einen Fuß auf israelischen Boden gesetzt. Orthodox jüdische und palästinensische Kinder fangen bei uns auf den Patientenzimmern an miteinander zu spielen, und plötzlich wird aus dem propagierten Feind ein ganz normaler Mensch. Diese guten Erfahrungen nehmen die Menschen dann in ihr Heimatdorf mit zurück. Auch die Zusammenarbeit unter den Kollegen klappt hervorragend – da gibt es keine politischen Anschuldigungen.

Wie finanziert sich das Hadassah Medical Center?
Es ist ein privates Krankenhaus, der Träger ist die Hadassah Medical Organisation, die sich zu einem großen Teil durch Spendengelder finanziert und damit das Krankenhaus unterstützt. Dem Medical Center kommt jedoch auch der Status eines Universitätsklinikums zu, da es an die medizinische Fakultät der hebräischen Universität in Jerusalem angeschlossen ist. Finanziert wird das Krankenhaus jedoch von erbrachten medizinischen Leistungen und der Organisation Hadassah: Die Vereinigung wurde vor 100 Jahren in den USA ins Leben gerufen und hat lange vor der Gründung des heutigen Staates Israel im Nahen Osten Gesundheitszentren aufgebaut. Heute kommt der Klinik in Jerusalem aufgrund ihrer Behandlungsmöglichkeiten und wegweisenden Forschung internationale Bedeutung zu.

Nach der Entfernung eines Hauttumors untersucht Dr. Johannes Guggenmos mit Krankenschwester Israela die Patientin Sabach
Nach der Entfernung eines Hauttumors untersucht Dr. Johannes Guggenmos mit Krankenschwester Israela die Patientin Sabach
© privat
Im Jahr 2001 kamen Sie mithilfe eines DAAD-Stipendiums zum ersten Mal in die Klinik. Sie wollten dort Ihr Praktisches Jahr absolvieren.
Ja, das war zur Zeit der zweiten Intifada. Es gab täglich Anschläge, an meinem dritten Tag in Israel ist nur wenige Meter von mir ein Bombenattentat passiert. Der DAAD sprach Warnungen aus und bot mir an, mein Stipendium abzubrechen, aber ich wollte in Israel bleiben. Diese Entscheidung hat mich nicht nur mit meinen neuen Kollegen extrem zusammengeschweißt, sondern mich auch in meiner Berufswahl stark beeinflusst. Bis dato wollte ich nämlich eigentlich Neurologe werden.

Warum haben Sie sich am Ende für die plastische Chirurgie entschieden?
Das hat viel mit der damaligen Krisensituation zu tun. Sie müssen sich vorstellen: Innerhalb von zehn Minuten fuhren zehn bis zwölf Ambulanzen vor und brachten uns über dreißig Verletzte. Zur Versorgung der Patienten brauchte das Klinik-Team jeden Mann. Aufgrund der Verbrennungen und anderen Verletzungen an der Körperoberfläche – die oft lebensbedrohlich sind – waren in dieser Situation oft auch plastische Chirurgen gefragt.

Wie bewandert waren Sie damals auf diesem Gebiet?
Ich hatte bislang nur wenige Erfahrungen in der plastischen Chirurgie gesammelt, wurde aber dennoch aufgefordert, bei einer Operation zu assistieren. Das war für mich ein entscheidender Wendepunkt, denn ich merkte: Ich bin dafür begabt. Auch meine Kollegen attestierten mir „gute Hände“. Ich bin dem DAAD für diese Erfahrung sehr dankbar, durch ihn habe ich den Einstieg in die plastische Chirurgie gefunden. Außerdem hat das Stipendium meine Karriere nachhaltig beeinflusst. Meine Anstellung als Assistenzarzt habe ich unter anderem deshalb bekommen, weil ich durch den DAAD die Chance hatte, in einem Krisengebiet meinen medizinischen Einsatz zu beweisen. Wenige Jahre später hat mir der DAAD erneut geholfen: Aufgrund eines zweiten DAAD-Stipendiums war es mir möglich, einen Teil meiner Facharztausbildung im Klinikum Hadassah zu absolvieren. Das war eine eher ungewöhnliche Sache, aber der DAAD hat sehr aufgeschlossen reagiert.

Dr. Johannes Guggenmos verarztet mit seiner israelischen Kollegin Dr. Dalit Amar den kleinen Patienten Airman, der nach einem Autounfall gemeinsam mit seinem Vater aus dem arabisch geprägten Teil Jerusalems Schoafat angereist ist
Dr. Johannes Guggenmos verarztet mit seiner israelischen Kollegin Dr. Dalit Amar den kleinen Patienten Airman, der nach einem Autounfall gemeinsam mit seinem Vater aus dem arabisch geprägten Teil Jerusalems Schoafat angereist ist
© privat
Angesichts der deutschen Vergangenheit: Wie reagieren die jüdischen Patienten auf einen deutschen Arzt?
Ich persönlich habe während meiner Zeit in Israel keinerlei Antipathie empfunden. Als Arzt in einem Krankenhaus sind Sie der direkte Ansprechpartner für Menschen, die Sie existentiell brauchen. Ich erinnere mich an eine Frau, die im Konzentrationslager unter den medizinischen Versuchen von Josef Mengele gelitten hatte. Als ich sie bei der Visite besuchte, hörte sie natürlich trotz meiner guten Hebräischkenntnisse, dass ich aus Deutschland komme. Auf meine Frage nach ihrem Befinden antwortete sie sofort auf Deutsch: „Ich bin sehr glücklich, dass Sie in Israel sind und ich diese Erfahrung machen darf.“ Da ich als Angehöriger der dritten Generation nicht primär mit Schuld belastet bin und ihr als junger Arzt mit meiner Fachkompetenz ganz offen begegnete, konnte sie durch den Kontakt zu mir ihr Trauma ein Stück weit überwinden. Sie machte die Erfahrung, dass nicht alle Deutschen Nazis sind.

Inwiefern beeinflusst Ihre Erfahrung in Israel Ihre heutige Arbeit?
Von meinen Kollegen in Israel habe ich im Bereich der Plastischen Chirurgie viele Operationstechniken gelernt, die mir heute sehr helfen. Dafür bin ich sehr dankbar. Neben meiner Arbeit als Plastischer Chirurg verstehe ich mich aber auch als Botschafter der Völkerverständigung. Mithilfe des DAAD erfuhr ich in Israel die Idee der Friedensstiftung über die Medizin. Dabei stellte ich fest, dass die Medien ein falsches Bild vom israelischen Alltag vermitteln: Frieden findet in Israel unter den Menschen viel öfter statt, als wir hier in Europa glauben. Dies versuche ich den Menschen bei Veranstaltungen der Hadassah Organisation, durch Vorträge und auch bei vielen persönlichen Begegnungen zu verdeutlichen.

Weitere Informationen
Biografie Dr. Johannes Guggenmos

1995 – 2002 Studium der Humanmedizin an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München

2001 DAAD-Stipendium für das letzte Studienjahr (Praktisches Jahr); Chirurgie: Hadassah Medical Center Jerusalem; Neurologie: University College London

2003 Abschluss der Promotion an der Ludwig-Maximilians-Universität München im Fach Neuroimmunologie des Max-Planck-Instituts für Neurobiologie Martinsried

2010 DAAD-Stipendium zur Weiterbildung zum Facharzt für Plastische Chirurgie an der Abteilung für Plastische Chirurgie des Hadassah Medical Center

Seit 2010 Facharzt für Plastische Chirurgie

Seit 2011 Facharzt für Plastische Chirurgie am Kreiskrankenhaus Erding
Autorin: Christina Pfänder
Veröffentlichungsdatum: 29.06.2012
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