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Botschafter im Interview
"Großes Vertrauen"
Im Zeichen von Abschiedsempfängen stehen diese Wochen im Palais Beauharnais, der Residenz des Deutschen Botschafters in der Pariser Rue de Lille. Reinhard Schäfers, seit 2008 Vertreter Deutschlands an der Seine, wechselt im Herbst dieses Jahres als Botschafter nach Rom. Einer dieser Empfänge galt deutschen wie französischen Absolventen der École Nationale d’Administration, kurz ENA, der 1945 gegründeten renommierten Verwaltungshochschule Frankreichs. Für den Botschafter ein Abend mit besonderem Erinnerungswert: Er hat selbst ein Auslandsstudium an der ENA absolviert. Vor dem Empfang sprach er mit dem DAAD-Online-Magazin über seine Zeit an der ENA und den Wert eines Auslandsstudiums.
Sehr geehrter Herr Botschafter, Ihre berufliche Karriere ist eng mit Frankreich verbunden. Was schätzen Sie an dem Land und seinen Menschen?
Botschafter Reinhard Schäfers: Was mich bis heute anzieht, sind die kulturellen Unterschiede Frankreichs und der Franzosen gegenüber Deutschland: So sind die Menschen eher lateinisch geprägt, sprich mehr dem Hier und Jetzt zugewandt. Dieser etwas andere Blick auf die Dinge ist auch heute noch eine Motivation für mich, dieses Land zu lieben. Und dann will ich nicht vergessen: Das Land ist einfach einmalig schön.

Reinhard Schäfers
Reinhard Schäfers
© Deutsche Botschaft Paris
Welche Rolle spielen Sprachkenntnisse im Einigungsprozess Europas?
Sprachkenntnisse sind gerade in Europa unbestreitbar wichtig. Sie sind gleichzeitig auch das größte Hindernis dafür, dass wir in europäischen Angelegenheiten auf der praktischen Ebene noch nicht weiter sind. Das wird oft übersehen, auch von den großen Europa-Philosophen. Englisch erwarte ich heute von jedem Inlandsbeamten – das ist wie Zähneputzen. Eine zweite Fremdsprache jedenfalls einigermaßen zu beherrschen, ist absolut erforderlich für jegliche internationale Tätigkeit. Französisch spielt in diesem Zusammenhang eine äußerst wichtige Rolle. Frankreich, das wird nämlich gerne übersehen, ist unser wichtigster Wirtschaftspartner, keineswegs etwa China. Unsere beiden Länder weisen unendlich viele Verflechtungen auf.

Sie haben in den Jahren 1975 und 1976 an der ENA studiert. Was waren Ihre Beweggründe?
Nach Abschluss meiner juristischen Ausbildung, mit 25 Jahren, fühlte ich mich noch zu jung, um direkt in einen Beruf zu gehen, liebäugelte aber mit dem diplomatischen Dienst. Da fand ich es reizvoll, Frankreich auf dem relativ hohen Niveau der ENA näher kennen zu lernen und dabei in internationalen Fragen versierter zu werden.

Welche Rolle spielt der Korpsgeist unter den ENA-Studenten, den „Enarchen“, für die spätere berufliche Karriere?
Da muss man unterscheiden. Wir waren als ausländische Studenten nicht voll integriert in das ENA-System. Aber ich habe, trotz fast jahrzehntelanger Abwesenheit aus Frankreich, Kontakte behalten, an die ich anknüpfen konnte. In Frankreich dagegen ist das Netzwerk der ENA-Absolventen ungeheuer wichtig. Aktuelles Beispiel ist die Mannschaft, die Präsident François Hollande jetzt ins Amt begleitet. Von Ministern über Berater bis zu Leuten im Hintergrund: Zahlreiche wichtige Funktionen werden von Jahrgangskollegen des Präsidenten eingenommen.

Wodurch zeichnet sich die ENA-Ausbildung aus?
Junge Leute werden in die Lage versetzt, komplexe Sachverhalte auf zwei bis vier Seiten zu kondensieren, und zudem ihre Absichten mit einer formalen Brillanz durchzusetzen, die wir so nicht kennen. Das alles soll aber nicht bedeuten, dass ich ein uneingeschränkter Bewunderer des französischen Systems bin. Ich glaube, zu unserer föderalen Ordnung passt das deutsche dezentrale Ausbildungssystem besser als das Elite-System der ENA, das auf die hiesige hochzentralisierte Staatsstruktur zugeschnitten ist.

Nach vier Jahren geht Ihre Zeit als Botschafter in Frankreich zu Ende. Was hat Sie in dieser Zeit besonders beeindruckt?
Zum einen: Diese vier Jahre waren geprägt von dem Verlauf der Wirtschafts- und Finanzkrise. Mich hat dabei beeindruckt, dass Deutschland und Frankreich, trotz oft sehr unterschiedlicher Ausgangspositionen, in der Regel gute Kompromisse gefunden haben. Zum anderen: Trotz aller kritischen Diskussionen genießen wir Deutsche bei fast allen Menschen in Frankreich ein großes Vertrauen. Ich wurde mit offenen Armen empfangen.

Der Sitz der École Nationale d’Administration (ENA) in Straßburg
Der Sitz der École Nationale d’Administration (ENA) in Straßburg
© Rémi LEBLOND / Creative Commons
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Mit dem DAAD an die französische Elite-Hochschule

Mit gleich zwei Studienprogrammen, den „cycles internationaux“, fördert der DAAD Hochschulabsolventen aller Fachrichtungen für Aufbaustudien an der führenden französischen Verwaltungshochschule École Nationale d’Administration (ENA). Je nach Qualifikation nehmen die Stipendiaten entweder am regulären Lehrprogramm der französischen ENA-Schüler oder am Lehrprogramm für französische Beamte teil. Während mehrmonatiger Praktika können die Aufbaustudierenden außerdem praktische Erfahrungen sammeln.

Zu den zahlreichen prominenten Alumni der ENA zählt auch Gunter Pleuger, Präsident der Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder) und ehemaliger deutscher Botschafter bei den Vereinten Nationen: Noch vor seiner Diplomatenkarriere ging er mit einem DAAD-Stipendium an die Verwaltungshochschule und lernte dort, Handlungsoptionen für die politische Entscheidungsebene aufzubereiten.

Autor: Mathias Nofze
Veröffentlichungsdatum: 21.06.2012
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