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Schriftsteller im Gespräch |
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"Ich muss immer so wühlen" |
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"Leben heißt, die Freiheit zu haben, sich der Unfreiheit zu widersetzen" - unter diesem Motto sprachen die Schriftsteller Herta Müller und Liao Yiwu in der Berliner Schaubühne. Bei der gemeinsamen Veranstaltung des Theaters und des Berliner Künstlerprogramms des DAAD thematisierten sie die Angst als Motor des Schreibens.
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Die Cafés und Kneipen waren an diesem lauen Sommerabend voller Menschen, die sich das Fußball-EM-Auftaktspiel Polen gegen Griechenland anschauten. Und trotzdem hatte sich der dunkle Saal der Berliner Schaubühne mit über 200 Interessierten fast lückenlos gefüllt, als sich die deutsche Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller und der chinesische Schriftsteller und Dissident Liao Yiwu neben die Moderatorin des Abends Carolin Emcke aufs Podium setzten.
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Sprachen in der Berliner Schaubühne: Liao Yiwu, Moderatorin Carolin Emcke und Herta Müller
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| © Krzysztof Zielinski |
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Das Wagnis, die Stimme zu erheben
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Es war kein leichtes Thema, um das es bei diesem Gespräch mit dem Titel „Leben heißt, die Freiheit zu haben, sich der Unfreiheit zu widersetzen“ gehen sollte – und so bestand auch Grund zur Skepsis, als Carolin Emcke, die als Reporterin aus Krisen- und Kriegsgebieten bekannt geworden ist, begann, darüber zu sprechen. Denn wie soll man sprechen über die Angst, den ständigen Begleiter in totalitären Regimes, wenn man die Stimme zu erheben wagt, so wie Herta Müller und Liao Yiwu es taten – über ein Thema, das doch eher sprachlos macht und gegen das man höchstens anzuschreiben vermag? Ein berechtigter Vorbehalt – ein Einwand aber auch, der sich nach wenigen Beiträgen der beiden Autoren in Luft auflöste, denn Liao Yiwu ist in seiner Art trocken und Herta Müller ironisch genug, um selbst noch über das Allerintimste auf gleichermaßen leichte wie erhellende Art zu plaudern. Dabei wurde vor allem eines deutlich: Herta Müller und Liao Yiwu schätzen einander sehr. Herta Müller schrieb eine hymnische Kritik über Liao Yiwus Gefängnisbuch „Für ein Lied und hundert Lieder“; Liao Yiwu, der sich in China lange Zeit als Straßenmusiker durchschlug, bedankte sich an diesem Abend mit einem Lied nach Herta Müllers Roman „Atemschaukel“ dafür. Dennoch: Die beiden sind in ihren Erfahrungen und in ihren Poetiken Lichtjahre voneinander entfernt. Dies zeigte der Abend in der Schaubühne sehr eindrucksvoll.
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Interesse: Über 200 Zuhörer waren gekommen
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| © Krzysztof Zielinski |
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Unvorstellbares vorstellen
Herta Müller, geboren 1953 im deutschsprachigen Banat in Rumänien, wurde vom rumänischen Geheimdienst verfolgt, denn sie hatte sich geweigert, Informantin zu werden. 1987 gelang ihr die Ausreise in die Bundesrepublik. Alles dreht sich in ihren Büchern um das Leben unter ständiger Beobachtung und Bedrohung. Doch die Kunstfertigkeit von Herta Müllers bildersatter Sprache – die diese Autorin auch durch ihren fremden Blick auf muttersprachliche Selbstverständlichkeiten, durch ihre Heimat im banatschwäbischen Dialekt wie ihre zweite Heimat im Rumänischen bezogen haben mag – schließt ihre Prosa für viele Leser auf. Herta Müllers Literatur schöpft ihre Kraft aus der Erkenntnis, dass man die Wirklichkeit nicht einfach abschreiben kann. Die Wirklichkeit muss in der Sprache neu erfunden werden. Und je mehr Raum die Sprache ihrem Leser lässt, sich selbst das Unvorstellbare vorzustellen, desto mehr ist die Autorin der Wahrheit auf die Schliche gekommen. „Es ist immer so ein Gezerre“, beschrieb Herta Müller in der Schaubühne ihre Poetik, „ich muss immer so wühlen“.
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Vier Jahre Haft für ein Gedicht
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Ganz anders Liao Yiwu, bei dessen Erfahrungen, wie Herta Müller in der Schaubühne bemerkte, sie „nicht mitreden“ könne. Liao Yiwu, geboren 1957 in der westchinesischen Provinz Sichuan, verstarb fast schon als Kind während der großen chinesischen Hungerkatastrophe 1958 bis 1962. Während der Kulturrevolution konnte er nicht mehr in die Schule gehen. 1989, als die Demokratiebewegung auf ihre blutige Zerschlagung auf dem Pekinger Platz des Himmlischen Friedens zusteuerte, schrieb er das Gedicht „Massaker“, das schnell weite Verbreitung fand. Liao Yiwu kam dafür vier Jahre lang ins Gefängnis. Dieser Zeit hat er es nach eigenen Aussagen zu verdanken, dass er begann, auf „Volkes Stimme“ zu hören und narrative Interviews mit Menschen vom „Bodensatz der chinesischen Gesellschaft“ zu führen. Das Buch, das diese Interviews enthält, erschien in Deutschland 2009 unter dem Titel „Fräulein Hallo und der Bauernkaiser“. Als Liao Yiwu in Deutschland sein Buch über die Gefängnisjahre veröffentlichen wollte, drohte ihm die chinesische Regierung mit erneuter Haft. Liao Yiwu, dessen Schriften in China nur kennt, wer sich auf dem Schwarzmarkt oder im Internet umtut, reiste 2011 auf unbestimmte Zeit nach Deutschland aus. Seit März 2012 ist er Gast des Berliner Künstlerprogramms des DAAD.
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Wertschätzung: Liao Yiwu vertonte Herta Müllers Roman "Atemschaukel"
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| © Krzysztof Zielinski |
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„Ich habe begonnen zu schreiben, weil mich die Leute dazu gezwungen haben“, erklärte Liao Yiwu in der Schaubühne mit seinem typischen chinesischen Understatement und meinte damit wohl, dass er sich eher als Dokumentarist betrachtet, der die Dinge, die in China verdrängt werden, einfach benennt. Die Sprachmacht, mit der Liao Yiwu sowohl bei seinen Interviews als auch bei der Beschreibung seines Gefängnisaufenthalts in „Für ein Lied und hundert Lieder“ beeindruckt – diese Wucht erklärt sich auf diese Weise freilich nicht. Als Liao Yiwu in der Schaubühne auch noch anfügte, er sei im Gefängnis ein Tier geworden, „ein Hund, dessen Herrchen ihm sagt, was er tun soll“, da widersprach Herta Müller mit den Worten, er sei kein Hund geworden, denn ein Hund wisse gar nicht, dass er ein Hund sei. „In dem Moment, als du wusstest, dass du einer bist, warst du keiner mehr.“
Und doch: Anders als Herta Müller, die in ihren Büchern eher zu überhöhen und verdichten versucht, was ihr angetan wurde, schreibt Liao Yiwu eher ab, was ihm widerfuhr. Die tiefe Skepsis, dass Sprache etwas Künstliches ist, was die Wirklichkeit niemals einzufangen vermag, ist ihm fremd. „Wir Männer interessieren uns eher für die platte Wirklichkeit“, sagte er in der Schaubühne frotzelnd. Und Herta Müller konterte voller schwarzem Humor: „Wäre ich in deiner Situation gewesen, ich wäre auch nicht so ins Detail gegangen.“
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Autorin: Susanne Messmer |
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Veröffentlichungsdatum: 14.06.2012 |
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© DAAD |
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