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Außergewöhnlicher Forschungs-Trip
Unterwegs durch Taiga und Tundra
Rund 2000 Kilometer ist sie lang und zu manchen Jahreszeiten unpassierbar: Die Straße von Magadan nach Jakutsk – auch “Straße der Knochen“ genannt – gehört zu den geschichtsträchtigsten Routen der Russischen Föderation. DAAD-Alumnus Norman Prell hat die Strecke bei eisigen Temperaturen mit dem Fahrrad und per Anhalter zurückgelegt – und das im Dienste der Wissenschaft.
Norman Prell lernte während seiner Tour nach Jakutsk viele Einheimische kennen
Norman Prell lernte während seiner Tour nach Jakutsk viele Einheimische kennen
© privat
Herr Prell, 2000 Kilometer mit dem Fahrrad durch die sibirische Taiga und Tundra bei Tagestemperaturen von null Grad – was hat Sie zu dem außergewöhnlichen Trip bewogen?
Norman Prell: Ich promoviere seit zwei Jahren an der Universität von Aberdeen an den Instituten für Geschichte und Anthropologie. Eine einjährige Feldforschung ist dort Pflicht. Da ich mich in meiner Dissertation mit der „Straße von Magadan“ beschäftige, bin ich vergangenen September nach Sibirien gereist. Grundsätzlich interessiere ich mich allerdings schon seit langer Zeit für die sibirische Kulturgeschichte: Nach dem Abitur habe ich meinen Zivildienst in Novosibirsk absolviert und mich auch während meines Studiums der „Interkulturellen Europa- und Amerika-Studien“ an der Martin-Luther-Universität in Halle an der Saale auf Russland spezialisiert. Bereits vor zehn Jahren bin ich zum ersten Mal auf der Route von Magadan nach Jakutsk mit dem Fahrrad unterwegs gewesen.

Wieso haben Sie sich dieses Mal gerade den September für Ihre Tour ausgesucht?
Der September ist ein guter Reisemonat, wenn man mit dem Fahrrad unterwegs ist; die lästigen Mücken sind bereits verschwunden und der extrem kalte Winter hat noch nicht begonnen. Im Allgemeinen sind die Straßen im russischen Norden leichter im Winter als im Sommer zu bewältigen; viele Wege existieren nur während der langen Wintermonate als Schneestraßen. Auch die Flüsse lassen sich im gefrorenen Zustand leichter passieren – im Sommer ist man entweder auf die Fähre angewiesen oder man muss eine günstige Stelle suchen, um den Fluss zu durchfahren. Trotz ihres häufig schlechten Zustands spielen Straßen in der kaum entwickelten Region eine zentrale Rolle, das gesamte wirtschaftliche und soziale Leben hängt von ihnen ab.

Was macht die “Straße von Magadan“ für Sie als Promotionsthema relevant?
Magadan und die Straße erinnern heute vor allem an den Stalin-Terror in der Sowjetunion. Mich interessiert besonders die Frage, wie sich die Geschichte der Region zur geographischen Lage Magadans verhält: Die Stadt liegt an der Küste des Ochotskischen Meeres und ist auf dem Landweg ausschließlich über die Straße von Magadan zu erreichen. Die geographische Abgeschiedenheit der Region beeinflusst dabei die örtliche Kultur und Gesellschaft. Auch in der Wissenschaft ist Sibirien nur unzureichend erschlossen: Die russische Provinz gilt häufig noch als weißer Fleck; es gibt viele offene Fragen.

Die Ausstellung
Die Ausstellung "Echo des Gulag" in Jagodnoe erinnert an die russischen Zwangsarbeiter
© privat
Mit welchen Fragen sind Sie on tour gegangen?
Ich setze mich in meiner Arbeit vor allem mit der örtlichen Erinnerungskultur auseinander. Insbesondere verfolge ich, wie die Straße als Geschichts- und Gedenkort auf heutige Erinnerungsprozesse Einfluss nimmt. Man muss wissen, dass die „Straße von Magadan“ in den 1930er Jahren von damaligen Gulag-Häftlingen gebaut wurde. Ziel war es, die Goldminen am Fluss Kolyma zu erschließen und den Rohstoff in die zentrale Sowjetunion zu transportieren. Deshalb wird die Route auch als „Knochen-Straße“ bezeichnet, da zahlreiche Zwangsarbeiter beim Bau der Straße ums Leben kamen. Noch heute findet man bei Straßenbauarbeiten gelegentlich menschliche Überreste aus der damaligen Zeit. In der Sowjetunion war ein offizielles Gedenken der Opfer nicht möglich. Das hat sich im Laufe der letzten zwanzig Jahre geändert: Museen und Gedenkorte sind mittlerweile selbst in den kleineren Ortschaften entlang der Straße zu finden. Während meiner Reise hatte ich die Gelegenheit, mit ehemaligen Zwangsarbeitern zu sprechen. Das war natürlich sehr spannend.

Die verlassene Ortschaft Elgen diente ursprünglich als Frauenlager
Die verlassene Ortschaft Elgen diente ursprünglich als Frauenlager
© privat
“Gesellschaft im Wandel – Wandel durch Austausch“ lautet das DAAD-Jahresthema. Welche Entwicklung beobachten Sie in dieser Region?
Der russische Norden hat seit der Perestroika einen dramatischen Wandel durchlaufen. Unmittelbar vor dem Zusammenbruch der Sowjetunion war Magadan eine privilegierte und stark subventionierte Region, da die Regierung den Abbau der Rohstoffe vorantreiben wollte. Arbeiter wurden deshalb mit großzügigen Gehältern und höheren Pensionen in die kalte Region gelockt. Das fand mit der Perestroika ein jähes Ende. Die lokale Industrie brach zusammen, die Leute wurden arbeitslos und verließen vor allem die kleineren Ortschaften entlang der Straße. Im Laufe der letzten zwanzig Jahre hat sich die Bevölkerung im Gebiet Magadan halbiert. Manche Ortschaften wurden sogar von der Regierung offiziell stillgelegt. Das sind jetzt Geistersiedlungen, die Häuser stehen leer und es gibt keinen Strom. Das zu sehen, war für mich ein ergreifendes Erlebnis.

Welche Rolle spielt der DAAD in Ihrer akademischen Laufbahn?
Ich bin dem DAAD sehr dankbar, denn er hat mich bereits zweimal unterstützt. Mithilfe eines DAAD-Stipendiums konnte ich in den Jahren 2005 und 2006 meine Masterarbeit im russischen Nord-Kaukasus beenden. Auch im ersten Jahr meiner Promotion wurde ich vom DAAD gefördert. Das hat mir die Arbeit an der Universität in Aberdeen sehr erleichtert, da ich mich voll und ganz auf mein Studium konzentrieren konnte.

Autorin: Christina Pfänder
Veröffentlichungsdatum: 25.05.2012
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