25 Jahre ERASMUS: Alumni im Porträt
Friederike Bischoff, Junior-Professorin im Fach Klavier, Tromsø
ERASMUS feiert! Das EU-Bildungsprogramm besteht seit einem Vierteljahrhundert und zählt mittlerweile zahlreiche außergewöhnliche Alumni. Zum Jubiläum stellt das DAAD-Online-Magazin eine Auswahl dieser ERASMUS-Alumni in einer Serie vor.
„Als ich das erste Mal nach Tromsø reiste, flog ich nur bis nach Oslo und nahm dann Zug und Postschiff. Ich wollte das Land sehen, die Entfernung erleben – Tromsø liegt 350 Kilometer über dem Polarkreis. Die Reise dauerte drei Tage, ich war hundemüde, konnte aber nicht aufhören, aus dem Fenster zu sehen. Die Landschaft faszinierte mich. Meer, Fjorde, Berge, viel Natur, wenig Menschen. Als ich ankam, musste ich zunächst Norwegisch lernen. Alle sprachen sehr gut Englisch, aber ich habe darum gebeten, mit mir Norwegisch zu sprechen. Ich wurde unheimlich herzlich aufgenommen und musste teils aufpassen, nicht zu viele soziale Verpflichtungen einzugehen, um das tägliche Üben am Klavier nicht zu vernachlässigen.“

Friederike Bischoff
Friederike Bischoff
© privat
Weil im Musikstudium der Instrumentallehrer für den Studierenden von großer Bedeutung ist, war es für Friederike Bischoff ein gewisses Risiko, mit ERASMUS nach Tromsø zu gehen. „Ich kannte den Klavierdozenten, der mich dann in Tromsø unterrichtete, im Vorfeld nicht. Sein Name war mir bekannt – Sergej Osadchuk. Mehr nicht. In Trossingen hatte ich das Vordiplom abgeschlossen und konnte mich nun voll auf mein Hauptfach Klavier konzentrieren. Ich hatte großes Glück. Sergej Osadchuk war der richtige Lehrer zum richtigen Zeitpunkt. Er gab mir zweimal die Woche Unterricht, jeweils eine Stunde. Er forderte mich, ließ mich zum Beispiel Tschaikowskys Klavierkonzert Nr. 1 spielen, an das ich mich zu der Zeit selbst nicht herangewagt hätte. Er ermutigte mich, spornte mich an. Für uns beide war das eine fruchtbare Zusammenarbeit, von der ich sehr profitiert habe. Zudem konnte ich jederzeit üben, weil es am modern eingerichteten Konservatorium ausreichend viele Übzimmer gab. In Trossingen warteten wir morgens um 7.00 Uhr in einer Reihe vor der Hochschule, um bei Öffnung in den dritten Stock zu rennen und ein Übzimmer zu ergattern.“

Friederike Bischoff ist in Tromsø glücklich
Friederike Bischoff ist in Tromsø glücklich
© privat
Ein weiteres Jahr in Tromsø
Am Ende der ERASMUS-Zeit beschloss Friederike Bischoff, ein weiteres Jahr nach Tromsø zu gehen. Sie bestand die Aufnahmeprüfung am Konservatorium und konnte so das Studium bei Sergej Osadchuk fortsetzen.
„In Norwegen hatte ich mich einfach sehr wohl gefühlt. Von Anfang an war ich integriert und wurde überall herzlich aufgenommen. Das Studium am Konservatorium war sehr familiär, das hat mir alles so gut gefallen, dass ich ein weiteres Jahr geblieben bin – auch wenn ich mich an die Mitternachtssonne im Sommer und die Polarnacht im Winter gewöhnen musste. Ich schloss mein Studium in Norwegen ab und ging zurück nach Deutschland, um meinen deutschen Abschluss zu machen. Dazu folgte ich meinem Lehrer, Professor Michael Uhde, an die Musikhochschule Karlsruhe. Nach vollendetem Diplom studierte ich in Mannheim zwei Masterstudiengänge.“

Eigenes Konzertieren
Nach dem Studium arbeitete Friederike Bischoff zunächst als freiberufliche Klavierlehrerin mit privaten Schülern und Schülerinnen sowie an der Musikschule Lampertheim e.V. „Neben dem Klavierunterricht organisierte ich mir Konzerte. Ich trat solo auf, mit zwei anderen Pianistinnen als sechshändiges trio con brio und in zahlreichen anderen Kammermusikformationen. Die gesamte Organisation um diese Auftritte herum war oft nicht leicht und kostete viel Zeit. Dabei war mir das eigene Konzertieren doch so wichtig! Dann erhielt ich eine E-Mail aus Tromsø von Sergej Osadchuk. Er schrieb mir, dass in Mo i Rana, einer kleinen Stadt in Nordnorwegen, eine Stelle als Distriktmusikerin frei sei. Solch eine Stellung – 50 Prozent Unterrichten und 50 Prozent ausübende Tätigkeit, also bereits organisierte Konzerte spielen – gibt es in Deutschland nicht. Ich bewarb mich und bekam die Stelle. Kurze Zeit später wurde eine Korrepetitionsstelle an der Hochschule in Tromsø frei. Ich entschied mich, diese noch spannendere Stelle anzunehmen und nach Tromsø zurückzukehren. Mein Freund kam nach, wir kauften ein Haus, in dem nun unsere beiden Flügel aus Deutschland stehen. Mittlerweile bin ich Junior-Professorin und genieße das gute Arbeitsklima, das familiäre Miteinander und die vielen Konzertverpflichtungen und musikalischen Möglichkeiten für mich hier in Tromsø. Es passt einfach alles. Für mich hat es sich gelohnt, etwas mit ERASMUS zu wagen.“

Weitere Informationen
Biografie Friederike Bischoff

1993 – 1998 Diplom-Klavierstudium an der Staatlichen Hochschule für Musik Trossingen und an der Staatlichen Hochschule für Musik Karlsruhe

1995 – 1996 ERASMUS-Stipendiatin in Norwegen an der Høgskolen i Tromsø, Musikkonservatoriet

1996 – 1997 Studium der Musik an der Universitetet i Tromsø, Musikkonservatoriet

1998 – 2001 Masterstudium in den Fächern Klavier-Solo und Klavier-Kammermusik an der Musikhochschule Mannheim

Seit 2005 Dozentin für Klavier und Korrepetition an der Fakultät für Musik und Kunst der Universitetet i Tromsø

Seit 2010 Førsteamanuensis i piano (Junior-Professorin im Fach Klavier) in Tromsø
Autor: red
Veröffentlichungsdatum: 21.05.2012
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