Ulla Johansen-Stipendium
Vertrauen in die Arbeit des DAAD
Das Interesse an anderen Menschen und Kulturen machte sich Professorin Dr. Ulla C. Johansen zum Beruf: Schon in jungen Jahren verschrieb sich die Ethnologin der Völkerverständigung. Nun unterstützt die 84-Jährige den DAAD mit einem Forschungsstipendium für junge Wissenschaftler aus Jakutien (Republik Sacha, Russische Föderation). Sie selbst war von 1956 bis 1957 DAAD-Stipendiatin und später für den DAAD in zahlreichen Auswahlkommissionen tätig.
Frau Professorin Johansen, erst kürzlich haben Sie die Stiftungsvereinbarung unterschrieben. In welchem Rahmen werden Sie den DAAD unterstützen?
Prof. Dr. Ulla C. Johansen: Ich habe der DAAD-Stiftung zwei Wohnungen in Frechen in der Nähe von Köln vermacht. Zu Lebzeiten werde ich die Mieteinnahmen an die Stiftung weiterleiten. Mit diesem Geld soll es pro Jahr einem jungen Wissenschaftler oder einer jungen Wissenschaftlerin aus Jakutien ermöglicht werden, sich mindestens sechs Monate hier in Westeuropa aufzuhalten, um eigene Studien voranzutreiben.

Welche Kriterien sind an das Ulla Johansen-Stipendium geknüpft?
Die Nachwuchswissenschaftler sollten bereits über ein gutes oder sehr gutes erstes Examen verfügen und an ihrer Promotion arbeiten. Da ich aus eigener Erfahrung weiß, dass in der Regel Naturwissenschaftler und Ingenieure weitaus leichter ein Stipendium erhalten als Sozial- und Geisteswissenschaftler, richtet sich das Ulla Johansen-Stipendium bewusst an Doktoranden, die sich mit Themen der Musik-, Sozial-, Sprach- oder Geschichtswissenschaft beschäftigen. Ethnologen dürfen sich natürlich auch um die Förderung bewerben.

DAAD-Generalsekretärin Dr. Dorothea Rüland, Prof. Dr. Ulla Johansen und Dr. Thomas Prahl, Referatsleiter Russische Föderation, Belarus, nach der Unterzeichnung der Stiftungsvereinbarung
DAAD-Generalsekretärin Dr. Dorothea Rüland, Prof. Dr. Ulla Johansen und Dr. Thomas Prahl, Referatsleiter Russische Föderation, Belarus, nach der Unterzeichnung der Stiftungsvereinbarung
© DAAD
In Ihrer eigenen Doktorarbeit haben Sie sich mit der "Ornamentik der Jakuten" beschäftigt, und auch Ihr Stipendium soll Wissenschaftlern der Republik Sacha zugute kommen. Woher stammt Ihr Interesse am nordöstlichen Teil der Russischen Föderation?
Zum einen wurde ich selbst in Osteuropa geboren, dann aber während des Zweiten Weltkriegs umgesiedelt. Da ich sehr an meiner einstigen Heimat hing, zog es mich immer wieder nach Nordosten. Zum anderen arbeitete ich Anfang der 1950er Jahre im Hamburgischen Museum für Völkerkunde, das über eine reiche jakutische Sammlung verfügt. Ich fand dort silberne Platten, Schmuck und Holzgefäße mit bezaubernden Ornamenten vor, die mich zu meiner Doktorarbeit inspirierten.

Gerade haben Sie in Jakutien die zweite Auflage Ihrer Dissertation vorgestellt, die seit 2008 als russische Übersetzung zu erwerben ist. Dort werden Sie fast wie eine Ikone gefeiert.
Ja, die Jakuten sind sehr stolz auf meine Forschungsergebnisse! Schließlich haben meine Studien gezeigt, dass die Jakuten über eine sehr alte hochentwickelte Kunsttradition verfügen. Als ich meine Dissertation in den 1950er Jahren veröffentlichte, galt sie allerdings insbesondere in Russland als umstrittenes Werk: Damals ging man davon aus, dass die Ornamente wesentlich durch rezenten russischen Einfluss geprägt sind. Ich wies allerdings sowohl chinesische als auch hellenistische Einflüsse nach, denn bereits in der Antike pflegten die Jakuten Handelsbeziehungen. Spätere Ausgrabungen belegten meine Thesen. Heute sind jene Ornamente, mit denen ich meine Dissertation illustrierte, an offiziellen Gebäuden, beispielsweise der Regierung, zu sehen. Die Ornamentik ist zum nationalen Symbol geworden.

Nicht nur Ihre Dissertation sorgte für Aufsehen. 1956 reisten Sie mithilfe eines DAAD-Stipendiums in die Türkei und lebten dort zu Forschungszwecken mit einer Nomadenfamilie zusammen.
Das war in der Tat eine spannende Erfahrung. Ich habe sieben Monate als Postdoktorandin dort gelebt und bin auch später immer wieder zu den türkischen Stämmen hingefahren. Die Stammesmitglieder waren damals Analphabeten. Viele ihrer Nachkommen gehören heute zur türkischen Intelligenz. In Ankara habe ich neben meinem Stipendium als deutsche Lektorin gearbeitet. Meine Feldforschungen habe ich in einem Buch zusammengefasst, das in der Türkei als Klassiker gilt.

Was fasziniert Sie an der Völkerkunde, die Sie zunächst nur im Nebenfach studierten?
Die Ethnologie erweitert den Erfahrungshorizont. In der Auseinandersetzung mit fremden Kulturen und dort verbreiteten Gewohnheiten lernt man, anders zu leben und zu denken. Damit lassen sich Probleme unserer eigenen Kultur lösen. Aus diesem Grund setzte ich mich auch für die Förderung der internationalen wissenschaftlichen Zusammenarbeit ein.

Damit teilen Sie die Grundidee des DAAD, den sie als ehemaliges Mitglied zahlreicher Auswahlkommissionen sehr genau kennen.
Aus diesem Grund bin ich mir sicher, dass das Fördergeld dort in guten Händen ist. Auf die Auswahl der Stipendiaten nehme ich keinen Einfluss, da vertraue ich ganz auf die Erfahrung des DAAD.

Weitere Informationen
Biografie Prof. Dr. Ulla C. Johansen

1927 in Estland geboren

1953 Promotion an der Universität Hamburg

1954/55 "wissenschaftliche Hilfsarbeiterin" im Hamburgischen Museum für Völkerkunde

1956/57 Stipendiatin des DAAD; Feldforschung in der Türkei

1959 Arbeit in skandinavischen Museen

1968 Habilitation vor der Philosophischen Fakultät der Universität Heidelberg

1973 – 1990 Professorin und Direktorin des Instituts für Ethnologie der Universität zu Köln

1990 Pensionierung; seitdem Gastprofessuren an den Universitäten Leipzig und Tartu (Estland) und an der Hochschule "Humanitar-Institut" in Tallinn (Estland); Feldforschungen in Estland

1999 Werner-Heisenberg-Medaille für "besondere Verdienste in der Förderung der internationalen wissenschaftlichen Zusammenarbeit"

2001 Medaille der "International Society for Shamanistic Research" für Arbeiten zum Schamanismus

2008 Medaillen und Ehrenurkunden des Präsidenten und des Parlaments der Republik Sacha (Jakutien) "für den bedeutenden Beitrag zur sozialen Entwicklung der Republik Sacha"
Autorin: Christina Pfänder
Veröffentlichungsdatum: 15.05.2012
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