Serie "Gesellschaft im Wandel"
''Gemeinsam Lösungswege entwickeln''
Welchen Herausforderungen müssen sich Hochschulprojekte in der Ukraine und in anderen Ländern der ehemaligen Sowjetunion stellen? Wie kann die Zusammenarbeit zwischen Deutschland und den Ländern dieser Regionen gestaltet werden? Mit diesen Fragen beschäftigte sich die DAAD-Konferenz "Zentralasien, Südkaukasus, Moldau und Ukraine: Zivilgesellschaftliche Transformation und friedliche Nachbarschaft" am 27. April in Berlin.
Schon die aktuelle politische Situation in der Ukraine – die Inhaftierung und Erkrankung von Julia Timoschenko, der Symbolfigur der „Orangenen Revolution“, und der politische Druck, der deshalb vor der Fußball-Europameisterschaft auf dem Land lastet – zeigt, in welchem Spannungsfeld sich die Akteure in der Region auf dem Weg zu mehr Demokratie und Zivilgesellschaft bewegen. „Die Kooperation von Hochschulen leistet einen wichtigen Beitrag zur Konfliktprävention und zur Erarbeitung inhaltlicher Lösungen“, betonte Dorothea Rüland, die Generalsekretärin des DAAD, in ihrem Grußwort. Zwei entsprechende Programme hat der DAAD seit 2009 aufgelegt: „Unterstützung der Demokratie in der Ukraine“ und „Konfliktprävention in der Region Südkaukasus, Zentralasien und Moldau“. Mit großem Erfolg: Gemeinsam mit ihren ausländischen Partnerhochschulen organisierten die deutschen Hochschulen in den drei Jahren 90 Projekte, an denen 2.400 Interessierte teilgenommen haben, darunter ein Drittel Deutsche.

Gesprächsbedarf: Vorträge und die große Podiumsdiskussion luden zu Fragestellungen ein
Gesprächsbedarf: Vorträge und die große Podiumsdiskussion luden zu Fragestellungen ein
© DAAD / Sebastian Schobbert
„Es geht darum, Brücken zu bauen und gemeinsam Lösungswege zu entwickeln“, sagte Dorothea Rüland. Wissen, Bildung und das Lernen voneinander stehen im Mittelpunkt dieser Kooperationen, die Studierende, Doktoranden und Dozenten zusammenbringen. Gefördert werden die Programme mit Mitteln des Auswärtigen Amtes im Rahmen der Außenwissenschaftspolitik. Werner Wnendt, im Auswärtigen Amt Leiter der Abteilung Kultur und Kommunikation, erklärte in seiner Rede zum Auftakt der Konferenz, dass die Zusammenarbeit der Hochschulen zur gegenseitigen Verständigung in den Ländern beitrage: „Gegenseitiges Vertrauen entsteht durch praktische Zusammenarbeit“.

Kontinuität als wichtiges Kriterium
Wie wichtig Austausch und Vernetzung bei der Zusammenarbeit sind, wurde in der Podiumsdiskussion deutlich. Sie bot den etwa 90 Konferenzteilnehmern von Botschaften, Hochschulen und anderen Institutionen die Möglichkeit, von ihren Erfahrungen zu berichten. Gefordert wurde etwa, die soziale und wirtschaftliche Situation der Menschen in den betroffenen Ländern stärker zu berücksichtigen und aus der akademischen Zusammenarbeit auch in der Praxis Langzeitprojekte zu entwickeln. Vor allem Kontinuität wurde als eines der wichtigsten Kriterien der Zusammenarbeit identifiziert, was Generalsekretärin Rüland nachdrücklich unterstützte. Der Historiker Professor Frank Golczewski wies am Beispiel der „Heldenverehrung“ in der Ukraine auf die schwierige Auseinandersetzung der Länder mit ihrer Geschichte hin. Es sei für die Menschen wichtig zu lernen, dass „auch Angehörige einer Nation unterschiedliche Positionen haben können“. Thema war auch der Exodus der jungen Generation. Der jedoch nicht für alle gilt: Eindrucksvoll berichtete eine frühere DAAD-Stipendiatin aus Kasachstan von ihrer Rückkehr in die Hauptstadt Astana. Dort werde sie zwar die „Europäerin“ genannt, könne aber in „vielen kleinen Schritten“ Veränderungen erreichen. Auch die Podiumsteilnehmerin und Heidelberger Jurastudentin Sofiya Shavlak sieht die Zivilgesellschaft auf dem richtigen Weg. Die Angehörigen ihrer Generation in der Ukraine würden sich durchaus in NGOs, Vereinen und auf lokaler Ebene engagieren, auch wenn sie von den Parteien enttäuscht seien.

Während der Podiumsdiskussion: Jurastudentin Sofiya Shavlak, Moderatorin Birgit Kolkmann und DAAD-Generalsekretärin Dorothea Rüland
Während der Podiumsdiskussion: Jurastudentin Sofiya Shavlak, Moderatorin Birgit Kolkmann und DAAD-Generalsekretärin Dorothea Rüland
© DAAD / Sebastian Schobbert
In seinem Festvortrag über „Helden und Funktionäre. Politische Professionalität in den Staaten des nachsowjetischen Raumes“ appellierte der Soziologe Professor Tilman Allert eindrücklich der „Eigenlogik der Staaten“ gerecht zu werden. Weitere Vorträge widmeten sich den verschiedenen Regionen: So stellte der Rechtsprofessor Peter-Christian Müller-Graff die akademische Zusammenarbeit Deutschlands und der Ukraine beim Thema Recht dar und Professorin Eva-Maria Auch gab einen Überblick über Möglichkeiten und Grenzen der Förderung des zivilgesellschaftlichen Dialogs im Südkaukasus. Über den Naturschutz in Zentralasien sprach der Biologe Sebastian Schmidt.

Von Sozialarbeit bis zur europäischen Integration
Die Konferenz diente auch dem Austausch über alte und neue Kooperationen. 15 Projekte planen deutsche Hochschulen in diesem Jahr gemeinsam mit ukrainischen Partnerhochschulen im Programm „Unterstützung der Demokratie in der Ukraine“. Ihre Themen reichen von Sozialarbeit über die Rolle der Medien bis hin zur europäischen Integration, zu Recht und Verwaltung. Manche Projekte werden aufgrund ihres Erfolgs jährlich wiederholt: Für Kontinuität steht die Sommerschule „Recht in Deutschland“ in Kiew. Das Projekt wird seit 2007 vom DAAD gefördert – seit 2009 im Rahmen des neuen Ukraine-Programms. Über 20 Teilnehmer aus der Ukraine und anderen Ländern werden im Juli 2012 in Kiew in das deutsche Rechtssystem eingeführt. Die zwischenstaatliche Kooperation umfasst drei Länder: Universitäten in Heidelberg, Mainz, Kiew und Krakau arbeiten zusammen. Eine rege Zusammenarbeit im Bereich Verwaltung hat sich zwischen der Universität Rostock und den nationalen Verwaltungsakademien im ukrainischen Odessa und in Belarus entwickelt. Hier geht es um den „Austausch von Erfahrungen in den Verwaltungswissenschaften“, wie der Organisator Friedhelm Meyer zu Natrup erklärt.

Im Dialog: Auch zwischen den einzelnen Programmpunkten boten sich Gelegenheiten zum Austausch
Im Dialog: Auch zwischen den einzelnen Programmpunkten boten sich Gelegenheiten zum Austausch
© DAAD / Sebastian Schobbert
13 neue Projekte sind 2012 im Programm „Konfliktprävention in der Region Südkaukasus, Zentralasien und Moldau“ geplant – zwölf davon werden direkt in der Region stattfinden. So reist Professor Thorsten Bonacker im Sommer nach Duschanbe in Tadschikistan. Bei der achttägigen Sommerakademie zu den sozio-ökonomischen Aspekten von Konfliktbearbeitung werden Teilnehmer aus Kasachstan, Kirgisistan, Tadschikistan und Usbekistan zusammengebracht. „Ich bin immer wieder begeistert, wie offen die jungen Menschen sind, die auch ihren eigenen Standpunkt kritisch betrachten. Ich lerne viel von ihnen“, sagt der Politologe.

Autorin: Kerstin Schneider
Veröffentlichungsdatum: 03.05.2012
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