Serie "Gesellschaft im Wandel"
Auf dem Weg zur Normalität
Geht es um den Irak, so dominieren in den deutschen Medien Bilder von Gewalt und Instabilität – doch die irakische Hochschullandschaft ist im Aufwind. Mit einem Informationszentrum will der DAAD die gute deutsch-irakische Zusammenarbeit weiter stärken.
„Der Irak möchte seine wissenschaftlichen Kapazitäten unbedingt ausbauen und ist daher an internationalen Kooperationen sehr interessiert“, sagt Abdulkader Kadauw. Der gebürtige Iraker koordiniert an der Technischen Universität Freiberg den Aufbau des deutsch-irakischen Masterstudiengangs Maschinenbau. Er sagt, der Irak habe ein sehr schlechtes Image in den europäischen Medien – es gehe meist um Autobomben und Instabilität. „Europäische Universitäten sind daher zögerlich, wenn es darum geht, in den Irak zu reisen und Vereinbarungen abzuschließen. Doch die Erfahrung zeigt: Wenn sie erst einmal den Nordirak besucht haben, ändert sich diese Zurückhaltung schnell.“

Zeichen für einen positiveren Umgang
Um die deutsch-irakische Zusammenarbeit zu stärken und ein Zeichen für einen positiveren Umgang mit dem Irak zu setzen, richtet der DAAD zum ersten Mal ein Informationszentrum (IC) in Erbil, der Hauptstadt der autonomen Region Kurdistan im nördlichen Irak, ein. Das Büro ist bereits seit Oktober 2011 besetzt, am 18. April 2012 wurde es nun offiziell von DAAD-Generalsekretärin Dorothea Rüland vor Vertretern der irakischen Hochschulen und Ministerien eröffnet.


In Erbil: DAAD-Generalsekretärin Dorothea Rüland eröffnete das neue Informationszentrum vor Vertretern der irakischen Hochschulen und Ministerien
In Erbil: DAAD-Generalsekretärin Dorothea Rüland eröffnete das neue Informationszentrum vor Vertretern der irakischen Hochschulen und Ministerien
© DAAD
Das Informationszentrum berät zu Stipendienprogrammen des DAAD sowie über mögliche Studien- und Forschungsaufenthalte in Deutschland. Kerstin Simonis, die das IC leitet, möchte zudem die Zusammenarbeit mit irakischen Hochschulen und Behörden stärken. Dabei helfe es, dass der DAAD nun dauerhaft vor Ort präsent sei. „Im Irak schätzt man die persönliche Begegnung“, sagt Simonis. Eine Kommunikation über E-Mails oder aus der Ferne sei selten effektiv.

Auslandsaufenthalte für irakische Studierende
Sicherheitsprobleme befürchtet Simonis nicht. „Der Norden Iraks ist inzwischen sehr stabil“, sagt sie. Das wirke sich auch auf den akademischen Wiederaufbau aus. „Die Hochschulen bringen ihre Ausrüstung allmählich wieder auf internationales Niveau, viele Dozenten kehren aus dem Exil zurück.“ Seit 2006 wurden allein in der autonomen Region Kurdistan fünf neue Universitäten gegründet. Außerdem will die irakische Regierung die Internationalisierung der Hochschulen vorantreiben. Dazu gehört auch, irakischen Studierenden einen Auslandsaufenthalt zu ermöglichen.

Deutschland steht dabei nach den englischsprachigen Ländern hoch im Kurs. „Die deutschen Hochschulen haben einen sehr guten Ruf“, sagt Alexander Haridi, Referatsleiter Irak und Iran beim DAAD. Das kann auch Simonis bestätigen: Schon jetzt wachse die Zahl der Anfragen von Woche zu Woche. „Das Interesse an Stipendienprogrammen für Deutschland ist immens“, sagt sie. Die Anfragen kämen aus dem gesamten Irak und aus so gut wie allen Fachbereichen, sei es Ingenieurwissenschaften, Jura, Politikwissenschaft, Medizin, Geologie oder Germanistik.

Individualförderung und Hochschulnetzwerke
Dabei unterstützte der DAAD schon vor der Eröffnung des Informationszentrums intensiv den deutsch-irakischen Austausch. „Die Irak-Aktivitäten des DAAD haben zwei Schwerpunkte: die Individualförderung und die Hochschulnetzwerke“, sagt Haridi. Durch Stipendienprogramme, die vom Irak meist mitfinanziert oder teilweise sogar komplett finanziert werden, seien bereits 260 Iraker an deutschen Hochschulen immatrikuliert. Des Weiteren bestehen sechs Hochschulnetzwerke mit je einer deutschen Hochschule und mehreren irakischen Partnern.


Außenansicht: Eröffnung des Informationszentrums in Erbil
Außenansicht: Eröffnung des Informationszentrums in Erbil
© DAAD
Das Herder-Institut der Universität Leipzig etwa unterstützt die Salahaddin-Universität in Erbil beim Aufbau der ersten Abteilung für deutsche Sprache im kurdischen Teil des Irak. Im November begann die Kooperation: Das Herder-Institut baute mit DAAD-Unterstützung den Bachelor-Studiengang Deutsch als Fremdsprache auf. Im ersten Semester wurden im Herbst vergangenen Jahres 27 irakische Studierende aufgenommen. Am Institut koordinieren zwei Mitarbeiter mit je einer halben Stelle und eine wissenschaftliche Hilfskraft die Partnerschaft. Außerdem werden noch in diesem Jahr ausgewählte Bachelor- und Masterabsolventen als Tutoren nach Erbil gesandt, um den Studiengang vor Ort zu unterstützen.

Dabei geht es nicht allein um die Sprache. „Es gibt unterschiedliche Entwürfe dieses Fachs in Deutschland, aber am Herder-Institut haben wir einen sehr umfassenden Begriff, der Kultur und Literatur mit einschließt“, sagt Sprachwissenschaftler Christian Fandrych. Daher werden zusätzlich Unterrichtsmaterialien für einen kulturwissenschaftlich orientierten Landeskundeunterricht entwickelt. „Sprache ist ohne die kulturelle Dimension gar nicht vernünftig vermittelbar, denn Sprache ist Teil der Kultur, in Sprache schlägt sich Kultur nieder“, sagt Fandrych. Die Studierenden aus Erbil werden zwischen dem ersten und zweiten Studienjahr einen Sommer nach Leipzig kommen. Die späteren Absolventen sollen dann an anderen irakischen Einrichtungen Deutsch lehren und die deutsche Kultur vermitteln.

"Wichtig für die Entwicklung der irakischen Industrie"
Auch die Technische Universität Freiberg ist im Irak aktiv. Sie unterhält eine Partnerschaft mit der Technischen Universität Bagdad und der Salahaddin-Universität. Gemeinsam bauen die Partner das Master-Programm „Mechanical Engineering“ für deutsche und irakische Studierende auf. Außerdem sollen in Freiberg technische Angestellte ausgebildet werden. Sie sollen die neue Ausrüstung warten und reparieren können, die Freiberg als Teil des Projekts in den Irak schickt. An vielen irakischen Hochschulen wurden technische Labore während des Kriegs zerstört, andere sind veraltet. „Die Absolventen werden sehr wichtig für die Entwicklung der irakischen Industrie sein“, sagt Abdulkader Kadauw. Sie bringen ihre Kenntnisse später in der Metallindustrie, in Klima- und Energietechnik, in Qualitätskontrolle und im Umweltschutz ein.

Autor: Boris Hänßler
Veröffentlichungsdatum: 23.04.2012
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