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Fotokünstler Boris Mikhailov
Zwischen Berlin und Charkow
Als Autodidakt dokumentierte der Ukrainer Boris Mikhailov das Alltagsleben in der Sowjetunion – und das Elend nach ihrem Zerfall. Eine Einladung des Berliner Künstlerprogramms des DAAD bescherte ihm 1996 den internationalen Durchbruch. Heute lebt der Fotokünstler in Charkow und Berlin – dort ehrt ihn derzeit das Landesmuseum Berlinische Galerie mit einer großen Retrospektive.
„Als Boris Mikhailov das erste Mal in mein Büro kam, wirkte er etwas klischeehaft und zugleich sehr authentisch“, erinnert sich Friedrich Meschede, damals zuständig für bildende Kunst im DAAD-Künstlerprogramm und heute Leiter der Kunsthalle Bielefeld: „Er trug eine große Plastiktüte voller billiger Fotoabzüge bei sich. Die breitete er vor mir aus und fragte mich, was ich davon hielte; er wolle ein Buch daraus machen.“ Diese Aufnahmen gehörten zur Serie „Case History“ über Obdachlose in der GUS, die bald Mikhailovs Weltruhm begründen sollte. Das gleichnamige Buch erschien 1999 im Scalo Verlag Zürich.

Ungeschminkter Blick
Bild aus der Serie
Bild aus der Serie "Case History"
© Boris Mikhailov; VG Bild-Kunst, Bonn 2012
Trotz des merkwürdigen Auftritts blickte Mikhailov Mitte der 1990er Jahre bereits auf eine langjährige Fotografie-Praxis zurück. Als Autodidakt und Amateur, denn Fotografie wurde in der Sowjetunion von offizieller Seite misstrauisch beäugt: Sie bildete die sozialistische Realität ungeschminkt ab. Der 1938 in Charkow geborene Ukrainer arbeitete zunächst als Ingenieur und knipste ab 1966 Betriebsfeiern. Als er im Firmenlabor private Aktaufnahmen entwickelte, kam ihm der KGB auf die Schliche: Mikhailov verlor seinen Arbeitsplatz. In den 1970er Jahren schloss sich Mikhailov den „Moskauer Konzeptualisten“ um Ilya Kabakov und Erik Bulatov an. Er porträtierte Menschen zuhause, experimentierte mit handkolorierten Mehrfachbelichtungen und kühnen Bild-Text-Kombinationen. Als 1990 die Sowjetunion zerfiel, wurde er zum Chronisten der Folgen. Mit einer Horizont-Kamera, die Winkel von 120 Grad erfasst, lichtete er inkognito Straßen-Szenen in Hüfthöhe ab. Sie zeigen Variationen von Verwahrlosung und Verfall: Gestrauchelte und Gestrandete überall.

Gespür für denkwürdige Momente
Auf diese Bilder wurden westliche Kuratoren aufmerksam; die Jury des Künstlerprogramms des DAAD lud ihn ein. 1996 kam Mikhailov mit seiner Frau Viktoria, genannt Vita, für zwölf Monate nach Berlin. Sie bezogen eine vom DAAD gestellte Wohnung und erhielten ein Monatsstipendium von 2100 D-Mark – für das Paar aus der verarmten Ukraine ein Geldsegen: „Anfangs haben wir jeden Pfennig gespart, um davon in Charkow möglichst lange leben zu können“, erzählt Mikhailov schmunzelnd: „Wir gingen jede Strecke zu Fuß und gönnten uns keine Café-Besuche.“

Da er kein Deutsch und wenig Englisch spricht, orientierte sich Boris Mikhailov visuell. Auftreten und Kleidung der Berliner, ihre Umgangsformen – alles fesselte seine Aufmerksamkeit. Das fotografierte er als Ethnologe des Alltags mit untrüglichem Gespür für denkwürdige Momente; so entstand seine Serie „In the street“. Die deutsche Hauptstadt wurde für ihn zum Mikrokosmos der fremden westlichen Welt: „Wenn man Berlin systematisch durchstreift, findet man alles: Metropolen-Gewimmel ebenso wie dörfliches Leben.“

Boris Mikhailov während der Eröffnung seiner Werkschau in der Berlinischen Galerie
Boris Mikhailov während der Eröffnung seiner Werkschau in der Berlinischen Galerie
© Jirka Jansch
Einführung in die Berliner Kunstszene
Zugleich brachte ihn Friedrich Meschede mit anderen Gästen des Künstlerprogramms zusammen und führte Mikhailov in die Berliner Kunstszene ein. Sein Betreuer organisierte auch zwei Ausstellungen in der „daadgalerie“ und eine weitere in der St.-Thomas-Kirche im Stadtteil Kreuzberg. Dort stießen seine drastischen Aufnahmen von Obdachlosen auf herbe Kritik bei Exilanten aus der Ex-Sowjetunion. „Solche Reaktionen war ich gewöhnt“, berichtet Mikhailov: „Meine Landsleute wollten ihre heimische Realität nicht sehen.“

Die deutsche Presse reagierte dagegen positiv – Mikhailov erlebte damals seinen Durchbruch. „Der DAAD war wie eine Mutter zu mir“, schwärmt er über sein Gastjahr: „Ohne die Unterstützung von Friedrich Meschede hätte ich nichts von dem erreicht, was folgte.“ Im Jahr 2000 stellte ihn die renommierte Saatchi Galerie in London aus. Wenig später erhielt er in Göteborg den Hasselblad Award, die renommierteste und höchstdotierte Fotokunst-Auszeichnung weltweit. Für das Preisgeld von umgerechnet 110.000 Euro kaufte Boris Mikhailov eine Wohnung in Berlin.


"Time is out of Joint": Besucherinnen der Ausstellung in der Berlinischen Galerie
© Jirka Jansch
"Geschichts- und Gesellschaftspanorama"
Seit 2006 leben der Fotograf und seine Frau abwechselnd in Charkow, um den Kontakt zu Freunden und Verwandten zu halten, und in der deutschen Hauptstadt. Hier richtete 2001 das Haus der Kulturen der Welt eine Einzelschau mit wandfüllenden Digital-Drucken der „Case History“ aus – der Auftakt zu weiteren großen Ausstellungen in Boston, Genf und Tokio. Höhepunkt dieser Reihe ist derzeit die Mikhailov gewidmete Werkschau "Time is out of Joint" im Landesmuseum Berlinische Galerie. Die bislang umfassendste Retrospektive zeigt von ihm selbst ausgewählte Arbeiten aus allen Schaffensphasen, angefangen mit dokumentarischen Aufnahmen aus den 1960er Jahren über Foto-Experimente der 1970/80er bis zu Bildern, die nach der Jahrtausendwende in Berlin entstanden.

Ein „Geschichts- und Gesellschaftspanorama dieser Epoche“ nennt Friedrich Meschede diesen Überblick – als „dichte Sequenz von öffentlich-politischen und privat-voyeuristischen Bildern“. Der frühere DAAD-Mitarbeiter ist eng mit Mikhailov befreundet. Ihn fasziniert dessen „ungestillte Unruhe auf der Suche, was er mit seiner Kunst anfangen kann“. Wobei mangelnde Sprachkenntnisse kaum stören: „Wenn es um Kunst geht, ist Boris Mikhailov sehr präzise und ringt mit seinem begrenzten Wortschatz, um den treffenden Ausdruck zu finden.“

Autor: Oliver Heilwagen
Veröffentlichungsdatum: 13.04.2012
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