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Japan-Alumni
Fürsorge des Herzens
Ein erstes großes Treffen deutscher Japan-Alumni des DAAD in Berlin stand im Zeichen der 150-jährigen deutsch-japanischen Freundschaft. Die Naturkatastrophe in Japan überschattete die Jubiläumsfreude und bestimmte die Diskussion über die künftige Zusammenarbeit beider Länder.
Vertraute Fremde - gemeinsame Wege
Vertraute Fremde - gemeinsame Wege
© DAAD
Kai Kasugai wollte Ende Mai eigentlich in Japan sein und nicht in Berlin. Doch die studentische Exkursion, die der Architekt nach Japan begleiten sollte, wurde wegen des Erdbebens abgesagt. Sorge wegen der atomaren Strahlung hätte ihn persönlich von der Reise nicht abgehalten, sagt er. Viele Deutsche hätten aber sehr ängstlich reagiert, meint der DAAD-Alumnus, für den die Einladung nach Berlin so etwas wie ein Familientreffen war: Seine Mutter, die Architektin Sybille Menke-Kasugai, bekam Anfang der 70er Jahre eines der ersten Sprachstipendien für Japan, Sohn Kai trat 2007 in ihre Fußstapfen.


© Japanische Botschaft
Vertrauen in Atomkraft erschüttert
Das Gespräch über die Folgen des Erdbebens brach unter den mehr als 100 deutschen Japankennern verschiedener Disziplinen während der dreitägigen Konferenz nicht ab. Sie waren zusammengekommen, um unter dem Motto „Vertraute Fremde – Gemeinsame Wege“ mit japanischen Wissenschaftlern über Perspektiven der deutsch-japanischen Zusammenarbeit zu diskutieren. Wichtige Impulse gab der japanische Botschafter Dr. Takahiro Shinyo, der in seiner Eröffnungsrede sehr nachdenklich und mit großer Offenheit die aktuelle Situation in Japan schilderte. Er sprach von der „größten Krise der Nachkriegszeit“, in die Japan durch die Naturkatastrophe geraten sei. Künftig müsse alles Wissen auf den Schutz der Umwelt und die Sicherheit der Menschen gerichtet sein. Der Ausbau entsprechender Forschung und die Entwicklung neuer Energiequellen seien Felder für eine engere deutsch-japanische Zusammenarbeit.

Lange habe die Atomkraft in Japan als „Symbol der modernen Wirtschaft“ gegolten, so der Botschafter. Das Vertrauen in diese Technologie sei nun erschüttert. Dies habe auch Auswirkungen auf den Wachstumsglauben. Dem Streben nach dauerndem Wirtschaftswachstum stellte Shinyo das gesellschaftliche Konzept von Glück, Sicherheit und Würde des Menschen gegenüber. Auch auf diesem Gebiet gebe es Gemeinsamkeiten mit Deutschland.

Care-Pakete für Japan
Kritisch setzte sich der Bonner Japanologe Professor Reinhard Zöllner mit den deutschen Reaktionen auf die Naturkatastrophe auseinander und betrieb Medienschelte. Viel zu schnell sei die Berichterstattung über das Erdbeben in den Hintergrund getreten, um sich danach fast ausschließlich dem Reaktorunglück und seinen Folgen – vor allem für Deutschland – zu widmen. Konferenzteilnehmer waren sich einig, dass das Mitgefühl für die Opfer dadurch eingeschränkt wurde. Dies sei auch in Japan registriert worden.

Dagegen zeigten die DAAD-Alumni, die sich mit ihrem Studienland bis heute eng verbunden fühlen, echte Anteilnahme für die vom Erdbeben betroffenen Menschen. Alumni aus dem DAAD-Programm „Sprache und Praxis“ organisierten das Hilfsprojekt „Kokorono Care“ (Fürsorge des Herzens): Mit Care-Paketen wollen sie vor allem der vom Tsunami schwer zerstörten Stadt Otsuchi helfen.

Podiumsdiskussion mit Kai Kasugai (2.v.l.): Enge fachliche Kooperation erwünscht
Podiumsdiskussion mit Kai Kasugai (2.v.l.): Enge fachliche Kooperation erwünscht
© DAAD
Alumni schließen sich zusammen
Auf Defizite im akademischen Austausch verwies DAAD-Vizepräsident Professor Max Huber. „Für den Ausbau dieser Zusammenarbeit brauchen wir Sie“, rief er den ehemaligen Stipendiaten zu. Im letzten Jahrzehnt ist die Zahl japanischer Studierender in Deutschland von 1.788 auf knapp 2.500 (2005) gestiegen und seitdem nur leicht rückläufig. Aber ihre Zahl ist relativ gesehen viel höher als die deutscher Studierender in Japan, die von 2005 (308) bis 2009 (471) nur langsam anstieg.

Deutschland ist für Japaner das viertwichtigste Gastland, während Japan für Deutsche an 19. Stelle kommt – hier besteht Aufholbedarf. „Ermutigend ist eine ansteigende Tendenz bei Bewerbungen um ein DAAD-Stipendium nach Japan. Japanische Bewerbungen nach Deutschland lassen hingegen eine abnehmende Tendenz erkennen", sagt Dr. Ursula Toyka, Leiterin des für Japan zuständigen Referats. Sie sieht Gründe dafür im schärferen Wettbewerb auf dem japanischen Arbeitsmarkt, der zudem Absolventen amerikanischer Hochschulen bevorzuge. Der DAAD förderte 2010 insgesamt 343 Japaner in Deutschland und 694 Deutsche in Japan.

Am Ende des Treffens beschlossen die Teilnehmer, einen Verband der „Japan-Alumni des DAAD“ zu gründen. Hauptziele sind ein aktives Netzwerk für berufliche und persönliche Kontakte, auch mit den bereits bestehenden Alumniverbänden „Tomonokai“ (in Japan) und „Sprache und Praxis“ (in Deutschland), sowie die Unterstützung der jüngeren Geförderten und der Arbeit des DAAD in Japan.

Kai Kasugai wünscht sich vor allem eine enge fachliche Kooperation mit Japanern. Als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der RWTH Aachen erforscht er Formen des technologiegestützten Wohnens für die alternde Gesellschaft. „Eine Zusammenarbeit wäre ideal“, sagt er, „denn in Japan ist der demographische Wandel noch weiter fortgeschritten als bei uns, und die Akzeptanz von Technik ist dort ungleich größer.“

Weitere Informationen
150 Jahre Freundschaftsvertrag

Am 24. Januar 1891 unterzeichneten Preußen und Japan den ersten Freundschafts- und Handelsvertrag. Seitdem sind die beiden Länder durch bilaterale Beziehungen verbunden. Der 150. Jahrestag wird 2011 in Japan und Deutschland mit zahlreichen Veranstaltungen gefeiert.
Autorin: Leonie Loreck
Veröffentlichungsdatum: 07.06.2011
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