ID-E/Berlin
Hochschulen in der Pflicht
Welche Weichen stellen Hochschulen ihrem wissenschaftlichen Nachwuchs? Die Lage der Postdocs in Deutschland im Vergleich zu den USA, Großbritannien, Australien und Kanada war das Thema des "International Dialogue on Education" (ID-E) im Oktober 2010 in Berlin. Eingeladen hatte der DAAD gemeinsam mit US-amerikanischen, kanadischen, britischen und australischen Partnern.
„Die Wissenschaft ist eine wunderbare Sache, wenn man seinen Lebensunterhalt nicht damit verdienen muss.“ Diesen Ausspruch Albert Einsteins zitierte Annette Julius, Leiterin des DAAD-Büros in Berlin, in ihrer Einführung vor rund hundert Vertretern von Wissenschafts- und Forschungsinstitutionen. Er treffe ziemlich genau die Stimmung unter Postdocs in Deutschland. Nach der Promotion gebe es für sie keinen verlässlichen Karriereweg. Und in dieser Situation verharren junge Forscherinnen und Forscher sehr lange: 14 Jahre liegen im Durchschnitt zwischen Abschluss des Studiums und der Berufung auf eine Professur.

Nachwuchsförderung im Vergleich: In den USA, in Kanada und Großbritannien unternehmen Universitäten inzwischen viel, um ihre jungen Forscher zu unterstützen
Nachwuchsförderung im Vergleich: In den USA, in Kanada und Großbritannien unternehmen Universitäten inzwischen viel, um ihre jungen Forscher zu unterstützen
© David Ausserhofer/DAAD
Neue Karrierewege
Den Stand der Debatte in Deutschland umriss Carsten Dose, Geschäftsführer des Freiburg Institute for Advanced Studies (FRIAS). Er bestätigte, dass die Unsicherheit tatsächlich der Hauptdiskussionspunkt sei. „Nachwuchsforscher leiden darunter, sich von Projekt zu Projekt zu hangeln.“ Gleichzeitig betonte er, dass sich Deutschland derzeit in einer Übergangsphase befände. So habe man mit der Schaffung von Nachwuchsforschungsgruppen oder Juniorprofessuren neue Karrierepfade für Nachwuchswissenschaftler eröffnet.

Annette Julius: Für Postdocs gibt es noch keinen verlässlichen Karriereweg
Annette Julius: Für Postdocs gibt es noch keinen verlässlichen Karriereweg
© David Ausserhofer/DAAD
Lange Postdoc-Phase in Deutschland
Der Vergleich mit der Situation in USA, Kanada, Australien und Großbritannien machte deutlich: auch dort können Postdocs nicht immer unabhängig forschen, ihr Verdienst ist nicht unbedingt attraktiv und die akademische Qualifizierung führt nicht automatisch zur Professur. Aber die Postdoc-Phase dauert in Deutschland wesentlich länger. In Australien beträgt sie nur etwa drei bis fünf Jahre. „In dieser Zeit können junge Wissenschaftler in Australien unabhängig forschen, wenn sie mit einem Postdoc-Fellowship gefördert werden“, sagte Karen Hussey, Repräsentantin der Australian National University in Brüssel.

In Kanada dauert die Postdoc-Phase nach Angaben von Gary W. Slater, der Nachwuchswissenschaftler an der University of Ottawa in Kanada betreut, nur zwei bis dreieinhalb Jahre. Dennoch bezeichnete er diese Wartezeit als „Parkplatz-Problem“. Er sieht die Universitäten moralisch dazu verpflichtet, den Nachwuchs auch auf andere Karrierewege als die Professur vorzubereiten.

Stefan Kowarik saß als einziger Nachwuchswissenschaftler auf dem Podium. Trotz seiner Junior-Professur an der Humboldt-Universität zu Berlin übte er Kritik: „Die Junior-Professur soll in fünf Jahren den Weg zu einem ordentlichen Lehrstuhl ebnen. Aber selbst bei positiver Evaluation gibt es keine Garantie, übernommen zu werden.“ Einen Vorteil der Junior-Professur sah er jedoch darin, in allen wichtigen universitären Gremien Mitspracherecht zu haben.

Podiumsdiskussion: Nachwuchsforscher leiden darunter, sich von Projekt zu Projekt zu hangeln
Podiumsdiskussion: Nachwuchsforscher leiden darunter, sich von Projekt zu Projekt zu hangeln
© David Ausserhofer/DAAD
Behilflich bei der Jobsuche
In den USA, in Kanada und Großbritannien unternehmen Universitäten inzwischen viel, um Nachwuchsforscher zu unterstützen. „Universitäten in den USA gründen Büros für Postdocs und fühlen sich dafür verantwortlich, ihnen beim Übergang in einen Job zu helfen – innerhalb oder außerhalb der Universität“, berichtete Crister S. Garrett, Professor in Leipzig. Aber auch die Nachwuchswissenschaftler selbst organisieren sich, beispielsweise an der University of Dundee (Großbritannien). Dort gibt es eine der wenigen Postdoc-Associations, der Vorsitzende ist in allen Universitätsgremien vertreten. „Das wirkt: Vorher waren die 300 Nachwuchswissenschaftler unsichtbar“, berichtete Professor Frank Sargent.

Carsten Dose sah auch in Deutschland die Universitäten in der Pflicht: „Wir werden mehr Studierende haben und brauchen deshalb mehr Lehrende“, sagte er und warb dafür, Universitäten zu attraktiveren Arbeitgebern zu machen, damit sie im Wettbewerb um die wissenschaftlichen Talente mithalten können.

Weitere Informationen
Weitere Informationen zur Veranstaltungsreihe International Dialogue on Education (ID-E Berlin) unter:
Autorin: Kristina Vaillant
Veröffentlichungsdatum: 25.10.2010
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