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Bildungspartnerschaften
Zentren für Deutschland- und Europastudien: Ein lebendiges Wissensnetzwerk ohne Grenzen
Sie sind wichtige Institutionen der Deutschland- und Europaforschung und Innovationstreiber der akademischen Ausbildung: Die 15 Zentren für Deutschland- und Europastudien in elf Ländern arbeiten gegenwartsbezogen und über die Fachgrenzen hinweg. Sie führen Wissenschaft, Politik und Öffentlichkeit ihres Landes in der Beschäftigung mit Deutschland und Europa zusammen. Ihr Ziel ist es, eine junge Generation von Deutschland- und Europaexperten auszubilden, die sich für internationale Verständigung und Zusammenarbeit engagieren. Das Auswärtige Amt fördert die Zentren über den Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) im Rahmen der Außenwissenschaftspolitik.
In Berlin treffen sie sich zum ersten Mal: Nicolas aus Lyon, Nofar aus Jerusalem, Sylwester und Anna aus Wrocław. Und sofort haben sich die Nachwuchswissenschaftler viel zu erzählen – auf Deutsch. Dabei sind sie auf ganz unterschiedliche Fächer spezialisiert: Der Franzose Nicolas Escach ist Geograf, die Israelin Nofar Sheffi hat einen Abschluss in Jura, Sylwester Zagulski aus Polen schreibt seine Doktorarbeit über ein sozialwissenschaftliches Thema, Anna Tomaszewska in Politik. Was die Vier und ihre Forschungsarbeit verbindet, ist ihr Interesse an Deutschland: Sie studieren oder promovieren an einem der 15 Zentren für Deutschland- und Europastudien in Nordamerika, Europa, Asien und in Israel, die der DAAD mit Mitteln des Auswärtigen Amts fördert.

Blick in die DAD-Konferenz
Blick in die DAD-Konferenz "Deutschland und Europa: Grenzen und Grenzgänge(r)"
© Jan Greune
Internationales Treffen in Berlin
Auf der Konferenz "Deutschland und Europa: Grenzen und Grenzgänge(r)" in Berlin kamen die jungen Deutschlandexperten im Mai 2010 mit rund 100 Kolleginnen und Kollegen aus den Zentren, vom Masterstudenten bis zur Professorin, zusammen. Vier Tage diskutierten sie am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung über die politischen, kulturellen und sozialen Grenzen in Europa. Dabei ging es zum Beispiel um Identität und Migration, den amerikanischen und asiatischen Blick auf die Grenzöffnungen in Europa oder die Rolle Deutschlands in einer geopolitisch veränderten Welt. Themen, ganz nach dem Geschmack der Zentren-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter: aktuell, breit angelegt und mit jeder Menge Potential für angeregten Austausch.

Nicolas Escach, Sylwester Zagulski und Nofar Sheffi (v.l.) im Wissenschaftszentrum Berlin
Nicolas Escach, Sylwester Zagulski und Nofar Sheffi (v.l.) im Wissenschaftszentrum Berlin
© Jan Greune
Fächerübergreifende Deutschland- und Europaexpertise
Elf Länder und 15 renommierte Universitätsstädte zwischen Paris und Tokio verbindet das Netz der Zentren für Deutschland- und Europastudien. Finanziert werden sie in der Regel von der ausländischen Hochschule, an der sie angesiedelt sind, sowie von deutscher Seite über eine Anschubphase von zehn Jahren aus Mitteln der Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik. Jedes Zentrum hat seine Besonderheiten, seine eigene Entstehungsgeschichte, seine Wissenschaftspersönlichkeiten und Forschungsschwerpunkte. Aber so verschieden die zwischen 1991 und 2007 gegründeten Zentren auch sein mögen, es gibt, über das Verbindende der deutschen Sprache und des geteilten Interesses an Deutschland und Europa hinaus, einige gemeinsame Nenner. Der Wichtigste: Ziel der Zentren ist es, eine junge Wissenschaftlergeneration mit besten Deutschland- und Europakenntnissen auszubilden – als Garanten einer künftigen intensiven Zusammenarbeit zwischen Deutschland und seinen Partnerländern. Die Zentren widmen sich daher Forschung und Lehre mit betont innovativen Doktoranden- und Masterprogrammen. Sie konzentrieren sich auf Gegenwartsthemen und dies mit einem sehr breiten Fokus, der Politologie, Soziologie, Geschichte, Wirtschaftswissenschaften, Jura, Germanistik und Kulturwissenschaften einbezieht. Dieser konsequente Blick über die fachwissenschaftlichen Grenzen macht die Arbeit an den Zentren besonders lebendig und attraktiv.

Professor Bianca Kühnel und Nofar Sheffi vom Center for German Studies, Jerusalem
Professor Bianca Kühnel und Nofar Sheffi vom Center for German Studies, Jerusalem
© Jan Greune
Wissenschaft als Fundament der Zusammenarbeit
Viele der jungen Wissenschaftler zieht genau diese interdisziplinäre Ausrichtung an. So war es auch bei Nicolas Escach, Sylwester Zagulski und Anna Tomaszewska. Nofar Sheffi, Masterstudentin am Center for German Studies der Hebräischen Universität Jerusalem, bringt ihre Beweggründe so auf den Punkt: "Als ich das abwechslungsreiche Angebot sah, habe ich mich sofort in das Zentrum verliebt." Begeistert erzählt die 25-jährige Juristin, die sich auf vergleichende Rechtswissenschaft spezialisiert, über ihr Aufbaustudium. Die Kurse geben ihr zugleich die Chance, sich intensiv mit Sozial- und Kulturwissenschaften auseinanderzusetzen. So intensiv, dass sie in Berlin sogar einen Vortrag über den Einfluss der Politik auf die Raum- und Stadtplanung in der deutschen Hauptstadt hielt. Rund 60 Studierende, Doktoranden und Postdocs lernen derzeit gemeinsam am Jerusalemer Center for German Studies. "Das Interesse wird immer größer, auch bei Studenten, die sich zuvor nie mit Deutschland beschäftigt haben", sagt Direktorin Professor Bianca Kühnel. "Die israelischen Hochschulen waren bisher viel stärker auf die USA ausgerichtet. Aber Europa ist wichtig für Israel, und deshalb ist auch unser Zentrum wichtig: Wissenschaft ist ein gutes Fundament für intensive Beziehungen."

Sylwester Zagulski und Anna Tomaszewska mit WBZ-Direktor Krzysztof Ruchniewicz
Sylwester Zagulski und Anna Tomaszewska mit WBZ-Direktor Krzysztof Ruchniewicz
© Jan Greune
Wissensvermittlung und Politikberatung
Auch Professor Krzysztof Ruchniewicz, Historiker und Direktor des Willy-Brandt-Zentrums (WBZ) in Wrocław, findet, Geschichte allein reiche nicht aus für wissenschaftliche Erklärungsmuster: "Deshalb bezeichne ich mich heute einfach als Deutschlandforscher". Für ihn war es eine spannende Herausforderung, mit seiner Hochschule an dem 2002 vom DAAD ausgeschriebenen Wettbewerb um die Gründung eines Deutschland-Zentrums in Polen teilzunehmen. Die Universität Wrocław konnte mit ihrem Konzept überzeugen. "Wir wollen eine Vermittlerrolle zwischen Deutschland und Polen spielen und uns ist es wichtig, dabei nicht nur am Schreibtisch zu arbeiten", sagt der Direktor. Das WBZ setzt neben Forschung und Lehre daher ganz bewusst auf Wissenschaftsvermittlung: zum Beispiel mit einem Online-Portal, das aktuell Stellung zu Politik, Wirtschaft und Gesellschaft in Deutschland bezieht. Den Doktoranden Anna Tomaszewska und Sylwester Zagulski gefällt diese Verbindung zwischen Wissenschaft und Praxis besonders: "Komplexe Themen auf einfache Weise erklären, Wissen weitergeben, nicht nur im stillen Kämmerlein forschen – das ist genau, was wir später auch einmal beruflich machen möchten." Auch in der Politikberatung ist das Willy-Brandt-Zentrum aktiv. Es trägt zwar den Namen des früheren deutschen Bundeskanzlers, hat aber keine parteipolitische Orientierung. Genauso wichtig für die Unabhängigkeit des Zentrums ist die partnerschaftlich getragene Finanzierung.

Professor Michael Werner und Nicolas Escach vom CIERA, Paris
Professor Michael Werner und Nicolas Escach vom CIERA, Paris
© Jan Greune
Eine Generation mit europäischer Identität
Eine besondere Rolle nimmt das CIERA – Centre interdisciplinaire d’études et de recherches sur l’Allemagne – in Paris ein: Außerhalb Nordamerikas wird in einem Land in der Regel jeweils ein Zentrum an einer in Deutschland- und Europastudien besonders profilierten Hochschule gefördert. In Frankreich mit seiner hochentwickelten Deutschlandforschung aber wäre die Wahl kaum möglich gewesen. Deshalb arbeitet das CIERA als Zusammenschluss von zehn französischen Hochschul- und Forschungseinrichtungen. "Aber wir sind kein geschlossener Club", betont CIERA-Direktor Professor Michael Werner, "unsere Veranstaltungen stehen allen französischen Deutschlandforschern offen". Auch für den Masterstudenten Nicolas Escach, der über die Bedeutung der Hanse für die baltischen Staaten arbeitet, ist die Verbindung zu anderen Deutschlandexperten wichtig: "Wir tauschen uns über fachliche Fragen, aber auch über ganz praktische Dinge aus – zum Beispiel, wie man eine wissenschaftliche Arbeit aufbaut". Mit seiner innovativen Doktorandenausbildung und dem interdisziplinären Ansatz in der Europaforschung hat sich das CIERA sogar zu einem wissenschaftspolitischen Motor in Frankreich entwickelt. Professor Werner fasziniert das Profil der Deutschlandspezialisten, die das CIERA ausbildet. "Bei diesen jungen Leuten spielen die nationalen Zuordnungen keine so große Rolle mehr", sagt er. "Sie sind zwei- bis dreisprachig, entwickeln eher eine europäische Identität und können eine wichtige Rolle in allen Vermittlungsprozessen spielen". Kurz: Es ist genau die junge Multiplikatorengeneration, die sich die Initiatoren der Zentren wohl gewünscht haben. Junge Deutschland- und Europakenner wie Nicolas, Nofar, Sylwester und Anna. Ihrem Treffen in Berlin werden ganz sicher weitere folgen.

Text: Janet Schayan/Societäts-Verlag

Weitere Informationen
Lesen Sie mehr zu den Bildungspartnerschaften auf der Website des Auswärtigen Amts:

- Interview mit Dr. Annette Julius, Leiterin der Programmabteilung Nord im DAAD
- Infoboxen zu den Zentren
- Zahlen und Fakten zu den verschiedenen Zentren
- Links rund um die Deutschland- und Europazentren
Veröffentlichungsdatum: 08.07.2010
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