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Deutschland/Spanien
Potenziale noch nicht ausgeschöpft
Die deutsch-spanischen Wissenschaftsbeziehungen haben eine lange Geschichte. Der neu ins Leben gerufene Julián Sanz del Río-Preis soll die Wissenschaftskooperation der beiden Länder stärken. Am 18. Juni wurde er zum ersten Mal verliehen.
Das deutsche und spanische Strafrecht im Vergleich: Mirja Feldmann erhält den Wissenschaftspreis aus den Händen des spanischen Bildungsministers Ángel Gabilondo
Das deutsche und spanische Strafrecht im Vergleich: Mirja Feldmann erhält den Wissenschaftspreis aus den Händen des spanischen Bildungsministers Ángel Gabilondo
© Carlos Picasso
„Das deutsche Strafrecht gilt international als hervorragend“, sagt Mirja Feldmann. Dass auch das spanische Strafrecht eine gute und interessante Dogmatik habe, werde in Deutschland dagegen allzu oft ignoriert. „Dabei ist ein Blick über den Tellerrand bitter nötig, um das Strafrecht in der EU zu harmonisieren und zu einer gegenseitigen Anerkennung zu kommen“, betont die Juristin. Der deutsch-spanische Rechtsvergleich sei vor diesem Hintergrund von großer Bedeutung.

Staatsministerin Cornelia Pieper ehrt spanischen Historiker Carlos Sanz
Staatsministerin Cornelia Pieper ehrt spanischen Historiker Carlos Sanz
© Carlos Picasso
DAAD und Fundación Universidad.es vergeben Wissenschaftspreis
Genau damit hat Mirja Feldmann sich in ihrer deutsch-spanischen Doppelpromotion beschäftigt, die der DAAD mit einem Kurzstipendium förderte. Für ihre Forschung erhielt Feldmann am 18. Juni den Julián Sanz del Río-Preis. Ebenso geehrt wurde der Zeithistoriker Carlos Sanz, der sich auf die deutsch-spanischen Beziehungen spezialisiert. Der neu ins Leben gerufene Preis würdigt spanische und deutsche Nachwuchswissenschaftler, die sich inhaltlich mit dem jeweils anderen Land oder dem Verhältnis beider Länder befassen oder deren Karriere auf einem regen Austausch zwischen Spanien und Deutschland fußt. Er wird gemeinsam vom DAAD und seiner 2009 gegründeten spanischen Partnerorganisation Fundación Universidad.es finanziert und ist mit 5.000 Euro und einem einmonatigen Forschungsstipendium im jeweils anderen Land dotiert.

Im Rahmen der Preisverleihung in der Residencia de Estudiantes in Madrid eröffneten der DAAD und der Spanische Forschungsrat CSIC auch die gemeinsame Ausstellung „Über Grenzen hinaus: ein Jahrhundert deutsch-spanische Wissenschaftsbeziehungen“. Das Interesse war groß: Der spanische Bildungsminister, Ángel Gabilondo, und Cornelia Pieper, Staatsministerin im Auswärtigen Amt, begrüßten 200 spanische DAAD-Alumni und ehemalige Stipendiaten der Alexander von Humboldt-Stiftung, aber auch zahlreiche Vertreter der Universitäten im Großraum Madrid.

Setzen Zeichen: DAAD-Generalsekretär Christian Bode und Staatsministerin Cornelia Pieper
Setzen Zeichen: DAAD-Generalsekretär Christian Bode und Staatsministerin Cornelia Pieper
© Carlos Picasso
„Freudige Überraschung“
Für Carlos Sanz ist die Auszeichnung eine „freudige Überraschung“. Die Geschichte der deutsch-spanischen Beziehungen sei ein in der Forschung bislang zu wenig beachtetes Thema, findet der 38-jährige Wissenschaftler, der derzeit an der Abteilung für Zeitgeschichte der Universidad Complutense in Madrid tätig ist. „Die bisherigen Arbeiten konzentrieren sich vor allem auf den Bürgerkrieg und den zweiten Weltkrieg, die neuere Geschichte bleibt außen vor“, sagt er. Sanz befasst sich mit den Verflechtungen beider Länder zwischen den 50er bis 80er Jahren. Er publizierte zum Beispiel über den Widerstand spanischer Arbeitsmigranten in Deutschland gegen das Franco-Regime und über die politische Rolle der Bundesrepublik beim Übergang Spaniens zur Demokratie

Der wissenschaftliche Austausch zwischen Spanien und Deutschland ist erfreulich rege: Alleine der DAAD fördert jedes Jahr rund 900 spanische und deutsche Studierende und Wissenschaftler, um die 9.000 Studierende beider Länder wechseln mit dem ERASMUS-Programm in das jeweils andere Land. „Trotzdem glaube ich, dass das Potenzial unserer Beziehungen noch bei weitem nicht ausgeschöpft ist“, sagt DAAD-Generalsekretär Christian Bode. Die Zukunft Europas entscheide sich daran, ob die EU-Länder im schärfer werdenden internationalen Wettbewerb ihre führende Position in Bildung und Wissenschaft behaupten und ausbauen könnten. Er hoffe sehr, dass Spanien und Deutschland trotz der aktuellen ökonomischen Krise weiter in die Zusammenarbeit investierten.

Impuls für die deutsch-spanische Forschung
Der Julián Sanz del Río-Preis setzt ein wichtiges Zeichen für die künftige Zusammenarbeit: „Für mich ist die Auszeichnung ein Impuls, meine Studien in Bezug auf Deutschland weiterzuführen“, sagt Carlos Sanz. Auch Mirja Feldmann, die derzeit als Staatsanwältin beim Landgericht Stuttgart arbeitet, möchte den deutsch-spanischen Rechtsvergleich weiter verfolgen. Das einmonatige Forschungsstipendium werde sie auf jeden Fall dafür nutzen. Der genaue Forschungsgegenstand stehe noch nicht fest, eins aber sei sicher: „Themen gibt es genug.“

Weitere Informationen
Der Namenspatron: Julián Sanz del Río
Eine Schlüsselfigur der deutsch-spanischen Wissenschaftsbeziehungen war Julián Sanz del Río, der Namenspatron des Preises. 1843 ging der spanische Philosoph und Jurist mit einem Stipendium des spanischen Bildungsministeriums nach Deutschland. Zurück kam er mit dem Humboldtschen Bildungsideal und der Ideenwelt des deutschen Philosophen Karl Christian Friedrich Krause im Gepäck. Sanz del Río gilt als geistiger Vater der Institución Libre de Enseñanza – einer liberalen Bildungseinrichtung, die entschieden auf die Unabhängigkeit von Kirche und Staat setzte und die in Spanien über mehrere Generationen hinweg von nachhaltigem Einfluss war.
Autor: Dietrich von Richthofen
Veröffentlichungsdatum: 30.06.2010
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