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ERASMUS-Jahrestagung
Von Chipkarten und Soft Skills
Erfreuliche Zahlen bei der ERASMUS-Jahrestagung: Die Zahl der Geförderten erreicht eine neue Rekordmarke. Sie könnte aber noch höher sein. Die Hochschulen fordern flexible Förderzeiten und höhere Fördermittel – auch die Anerkennung von Soft Skills wurde diskutiert.

"raus!": Mit ihrer Maus gewann die Universität Regensburg auf der ERASMUS-Tagung einen Plakat-Wettbewerb
© Eric Lichtenscheidt
Wir schreiben das Jahr 2017. ERASMUS-Studierende besitzen Chipkarten, auf denen sie Credits für ihre Studienleistungen im Ausland sammeln. Die Credits werden bei der Rückkehr automatisch dem Studienkonto gutgeschrieben. Über die Chipkarte haben die Studierenden Zugriff auf ihre ERASMUS-Fördersumme. Mit einer lebenslangen ID sind sie Teil eines internationalen ERASMUS-Alumni-Netzwerks. Für Baldur Veit, Leiter des Akademischen Auslandsamts der Hochschule Reutlingen, sieht so die Zukunft aus. „Das würde uns eine Menge Bürokratie ersparen“, sagt er.

Siegbert Wuttig:
Siegbert Wuttig: "Kein negativer Trend erkennbar"
© Eric Lichtenscheidt
Neue Rekordmarke erreicht
Den Blick nach vorne richten – darum ging es bei der deutschen ERASMUS-Jahrestagung 2010, die der DAAD als nationale deutsche ERASMUS-Agentur (NA-DAAD) organisierte. Unter dem Motto „Von der Ausnahme zum Regelfall: Neue Impulse für die Mobilität in Europa“ diskutierten mehr als 200 ERASMUS-Koordinatoren und Konsortialführer in Bonn über die Zukunft des europäischen Austauschprogramms. Siegbert Wuttig, Leiter der NA-DAAD, präsentierte zum Auftakt Erfreuliches: „Mit rund 28.000 deutschen Geförderten im Jahr 2008/2009 haben wir erneut eine Rekordmarke erreicht.“ Insbesondere Auslandspraktika seien um mehr als 40 Prozent gestiegen. Mehr als ein Drittel der Geförderten kamen aus Master- und Bachelor-Studiengängen – somit sei bislang kein negativer Trend in Folge der Bologna-Reformen erkennbar.

Osteuropa auf dem Vormarsch
Die beliebtesten Länder für deutsche Studierende sind nach wie vor Großbritannien, Spanien und Frankreich, jedoch werden die neuen EU-Länder und die Türkei attraktiver. Bei deutschen Dozenten ist Polen sogar das beliebteste Zielland nach Spanien. „Kooperationen zwischen polnischen und deutschen Hochschulen haben eine lange Tradition“, sagt Anna Atlas von der polnischen ERASMUS-Agentur. „Es gibt inzwischen viele englischsprachige Angebote, die den Austausch erleichtern.“ Das Programm ist auch bei polnischen Studierenden beliebt: Die Zahl der Geförderten stieg von etwa 1.500 im Jahr 1998 auf mehr als 11.000. Erfreulich daran sei, dass die Studierenden danach in ihre Heimat zurückkehren, so Anna Atlas. Sie hätten dann gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt.

Katja Krohn:
Katja Krohn: "Viele Studierende können sich ein Auslandsstudium nicht leisten"
© Eric Lichtenscheidt
In Deutschland führt die Ludwig-Maximilians-Universität München das Mobilitäts-Ranking an: 662 LMU-Studierende gingen 2008/2009 mit ERASMUS ins Ausland. „Wir sorgen dafür, dass Studienleistungen in allen Fachbereichen reibungslos anerkannt werden“, betont LMU-Vizepräsident Reinhard Putz. „Außerdem gehen wir in die Fakultäten und werben gezielt für das Programm.“ Die Anerkennung von Leistungen ist allerdings nicht das einzige Problem, das Studierende vom Auslandsstudium abhält. „Viele wissen einfach nicht, wie sie es finanzieren sollen“, sagt Katja Krohn vom Erasmus Student Network Deutschland. Sie sehen sich vor einer doppelten Belastung: die Finanzierung des Auslandsaufenthalts und Studiengebühren für ein zusätzliches Semester, falls Leistungen bei der Rückkehr abgelehnt werden.

Bode fordert: ERASMUS-Budget verdoppeln
Große Einigkeit herrschte auf der Tagung, als DAAD-Generalsekretär Christian Bode von den EU-Mitgliedsländern forderte, das Budget für ERASMUS zu verdoppeln und die Förderzeiten flexibel zu gestalten. Thomas Hoffmann von der Fachhochschule Nordhausen schlug beispielsweise ERASMUS-Gutscheine vor: Studierende erhalten zwei Jahre Förderzeit zugesichert, die sie über Studium und Berufsleben verteilen können.

Besondere Verdienste: DAAD-Generalsekretär Christian Bode (2.v.r.) und Ulrike Dorn erhielten den ERASMUS-Preis. Jordi Curell Gotor (l) von der Europäischen Kommission und Christian Stertz (r) vom Bildungsministerium gratulierten
Besondere Verdienste: DAAD-Generalsekretär Christian Bode (2.v.r.) und Ulrike Dorn erhielten den ERASMUS-Preis. Jordi Curell Gotor (l) von der Europäischen Kommission und Christian Stertz (r) vom Bildungsministerium gratulierten
© Eric Lichtenscheidt
Umstritten: Soft Skills als Studienleistung
Abschließend entstand eine Diskussion um die Frage, ob Hochschulen Soft Skills als Studienleistung anerkennen sollen. LMU-Vizepräsident Putz lehnt dies ab: „Credits sollte es nur für fachliche Leistungen geben, sonst würde die Qualität des Programms leiden.“ Christian Bode widersprach: „Wir müssen interkulturelle Erfahrungen anerkennen. Gerade sie machen das Auslandsstudium so wertvoll“.

Weitere Informationen
Ausgezeichnet
Zum zweiten Mal wurde der ERASMUS-Preis für besondere Verdienste bei der Umsetzung des Programms vergeben.

Die Preisträger 2010:

Christian Bode, DAAD
Marcus Kreutler/Stefanie Brüning, TU Dortmund
Jean Schleiß, Ludwig-Maximilians-Universität München
Nikola Elisabeth Schwaiger, Hochschule Albstadt-Sigmaringen
Ingo Mose, Carl von Ossietzky Universität Oldenburg
Christopher Moss, Philipps-Universität Marburg / Fachhochschule Nordhausen
Ulrike Dorn, Rheinische Friedrich-Wilhelms Universität Bonn
Wolfgang Deichsel, Evangelische Hochschule Dresden
Bernhard Schipp, Technische Universität Dresden
faranto e.V., Hochschule für Technik und Wirtschaft Dresden
Werner Kleinert, Humboldt-Universität zu Berlin
Autor: Boris Hänßler
Veröffentlichungsdatum: 28.06.2010
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