Alumnitreffen Shanghai
"Better City - Better Life"
Nach städtischer Lebensqualität in China fragte ein DAAD-Fachseminar mit 200 Alumni am Rande der Expo 2010 in Shanghai. Das Seminar war Teil der Veranstaltungsserie „Deutschland und China – Gemeinsam in Bewegung“ der Bundesrepublik in China.
Es ist Sommer in Shanghai und unerträglich heiß. Vierzig Grad Celsius und Neunzig Prozent Luftfeuchtigkeit sind keine Seltenheit. Straßen und Hochhäuser der Megacity strahlen die Hitze zusätzlich ab und das Leben ist mühsam. Wie kann man da ohne enormen Energieaufwand für Kühlung sorgen? Eine Antwort versucht die Expo 2010: mit umgeleitetem Wind. Bei größter Hitze inmitten von Beton ist es auf dem Ausstellungsgelände erstaunlich erträglich, sagt Stefan Hase-Bergen, Leiter der DAAD-Außenstelle Peking: „Überall geht so ein leichtes Lüftchen.“

Die ehemalige stellvertretende Bildungsministerin Wu Qidi (m) sprach über die rasanten Veränderungen in der chinesischen Hochschullandschaft
Die ehemalige stellvertretende Bildungsministerin Wu Qidi (m) sprach über die rasanten Veränderungen in der chinesischen Hochschullandschaft
© Stefan Hase-Bergen/DAAD
Übungsfeld Expo
Wie man den Wind in der Stadt dreht, erläuterte in Shanghai vor rund 200 DAAD-Alumni der Chefplaner der Weltausstellung persönlich. Der Architekt Wu Zhiqiang, Professor an der Tongji- Universität, ist selbst DAAD-Alumnus. Sein Vortrag auf dem letzten von fünf Fachseminaren zum Thema „Stadtmodernisierung und Lebensqualität“, die der DAAD seit 2008 im Rahmen der Veranstaltungsserie „Deutschland und China – Gemeinsam in Bewegung“ (DuC) in China organisierte, widmete sich der nachhaltigen Urbanisierung. Wie zum Beispiel kommt Licht ins Dunkel von Hochhausschluchten ohne Energieverbrauch? Wie holt man die Sonnenstrahlen bis in die letzten Winkel? Ein kurzfristiges Großereignis wie die Expo, meinte Wu Zhiqiang, sei für neue Lösungen ein wunderbares Übungsfeld und somit „ein Katalysator für die nachhaltige Entwicklung der Stadt.“


"Die Expo ist ein Übungsfeld für neue Lösungen", so Chefplaner Wu Zhiqiang
© Stefan Hase-Bergen/DAAD
Neue Denkprozesse
„Energieverbrauch, Ressourcenschonung, Klimawandel und Umweltschutz sind Themen, die in China seit etwa fünf Jahren intensiver diskutiert werden“, sagt Hase-Bergen. Jetzt finden sie Eingang in die Stadtplanung. Neu ist zum Beispiel der Wille, natürliche Grünflächen in den Städtebau zu integrieren. Das gab es vorher so nicht, zeigte Johannes Dell vom Architekturbüro Albert Speer & Partner in seinem Vortrag. Doch um Nachhaltigkeit zu erreichen, muss mehr passieren. Megastädte sollten in kleineren Einheiten gebaut werden. Man brauche Kleinstädte mit eigenen Zentren innerhalb der Metropolen, sodass Leben und Arbeiten dicht beieinander sind und die individuelle Mobilität durch kluge öffentliche Verkehrssysteme reduziert werden kann. Eine weitere Bedingung für nachhaltige Urbanisierung sei es, mehr Anreize zum Energiesparen zu schaffen, sagte Dell. „So lange Strom und Wasser in China billig und stark subventioniert sind, gibt es wenig Anlass zu sparen.“ Die Erhöhung von Energiepreisen oder Subventionskürzungen aber führten zu neuen Problemen. „Das trifft sofort die Unterschichten. China lebt in einer enormen sozialen Spannung“, erklärt Hase-Bergen, „Wichtig ist: Das sind ganz neue Denkprozesse, die hier eingesetzt haben.“

Was Stadtplaner langfristig wollen, darf nicht an den Wünschen der Menschen vorbei gehen. „Chinas neue Städte – Wie wollen die Menschen wohnen?“, fragte Dieter Hassenpflug, Professor an der Universität Duisburg-Essen. Häuser, deren Hauptseiten nach Süden ausgerichtet sind, schützende Mauern, Eingangstore und repräsentative Dächer und Fassaden sind Chinesen wichtig. „Wenn man diese Grundbedingungen nicht erfüllt, funktioniert auch keine Nachhaltigkeit“, so Hase-Bergen.

Rund 200 DAAD-Alumni diskutierten über Stadtplanung und Lebensqualität
Rund 200 DAAD-Alumni diskutierten über Stadtplanung und Lebensqualität
© Stefan Hase-Bergen/DAAD
Offenere Universitäten
Eine andere, neu gewonnene Lebensqualität in den Städten Chinas sieht man schließlich an der Architektur von Universitäten. „Die Verknüpfung von Gesellschaft und Wissen ist ein Trend“, sagte Chen Hongjie, Professor an der Peking-Universität auf dem gemeinsam mit der Tongji- Universität und dem Chinesisch-Deutschen Hochschulkolleg (CDHK) organisierten Alumni-Seminar. Diese Entwicklung zeige sich daran, dass die Universitäten keine abgeschlossenen Einheiten mehr seien. „Der Abriss der Südmauer der Peking-Universität hat für viel Wirbel in der Stadt gesorgt“, berichtet Hase-Bergen: „Die Uni war plötzlich offen für die Gesellschaft.“

Die Expo 2010 in Shanghai ist übrigens die erste, die man nicht mit dem Privatauto erreichen kann, sondern nur mit öffentlichen Verkehrsmitteln. „Für ein Land mit so Auto-verrückten Menschen wie China ist das sehr ungewöhnlich!“, sagt Hase-Bergen. Durchgesetzt haben die Planer diesen Gewinn an Lebensqualität in der futuristischen Ausstellungsstadt mit einem schlichten Argument: Einen riesigen Parkplatz zu bauen wäre einfach zu teuer geworden.

Autorin: Bettina Mittelstraß
Veröffentlichungsdatum: 24.08.2010
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