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Joachim Gauck spricht zu Stipendiaten
"Materielles Glück erlöst nicht"
Joachim Gauck und DAAD-Vizepräsident Huber mit internationalen Stipendiaten. © Hans-Joachim Zylla / DAAD
Joachim Gauck und DAAD-Vizepräsident Huber mit internationalen Stipendiaten. © Hans-Joachim Zylla / DAAD
Am Ende gab es stehende Ovationen und minutenlangen Applaus: Rund 360 ausländische DAAD-Stipendiatinnen und Stipendiaten zeigten sich beeindruckt und begeistert von der Eloquenz, dem Charisma und dem gelebten Engagement des ostdeutschen Bürgerrechtlers und ehemaligen Beauftragten für die Stasi-Unterlagen Joachim Gauck. Im Rahmen eines Stipendiatentreffens, das vom 11. bis 13. Juni an der Universität Rostock stattfand, legte Gauck den jungen Nachwuchs-wissenschaftlern aus 86 Nationen seine Ansichten zu west- und ostdeutschen Verhältnissen dar und stellte sich anschließend den Fragen der DAAD-Geförderten.
Interessierte Stipendiaten im Audimax der Universität Rostock
Interessierte Stipendiaten im Audimax der Universität Rostock
© Hans-Joachim Zylla / DAAD
Zunächst ging Gauck auf das Lebensgefühl der Deutschen ein: Trotz 60 Jahren Leben in Frieden, Freiheit und Demokratie sei dieses häufig von Verzagtheit und Verunsicherung geprägt. Die Deutschen, so Gauck, zögen vielfach die Sicherheit der Freiheit vor, was sie von ihren polnischen Nachbarn, aber auch von den Menschen in den USA unterscheide. "Materielles Glück erlöst nicht", meint Gauck hierzu, und er forderte die Stipendiatinnen und Stipendiaten auf, ihre Sichtweisen in deutsche Debatten aktiv einzubringen und ihre hiesigen Freunde und Kollegen einzuladen, ihre jeweiligen Heimatländer zu besuchen.

Joachim Gauck referiert zum Thema:
Joachim Gauck referiert zum Thema: "Ost und West - Eine Betrachtung deutscher Verhältnisse"
© Hans-Joachim Zylla / DAAD
Dass es weiterhin reale Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschen gibt, zeigt sich laut Gauck nicht zuletzt an der geringeren Wahlbeteiligung in Ostdeutschland. Mitwirkung in der DDR sei nur um den Preis der Unterwerfung möglich gewesen, dies habe in der Summe zur „Entmächtigung“ der Menschen und zur „Einübung in Ohnmacht“ geführt – Traditionen, die in Teilen der Gesellschaft bis heute fortwirkten. Bürgerbeteilung und Engagement zu ermutigen sei eine zentrale Aufgabe aller gesellschaftlichen Bereiche, nicht zuletzt der Schulen und Hochschulen.

Eine japanische Stipendiatin fragt Gauck nach seiner Motivation zum Wiederstand in der DDR
Eine japanische Stipendiatin fragt Gauck nach seiner Motivation zum Wiederstand in der DDR
© Hans-Joachim Zylla / DAAD
Das anschließende Gespräch spannte einen weiten Bogen: Es begann mit der Rolle der westdeutschen Eliten nach der Wende, die, so Gauck, die Ostdeutschen vielfach in die Rolle der „Schüler“ zurückversetzt haben, deren Unterstützung und Hilfe er aber nachdrücklich würdigte. Über die historische Schuld Deutschlands gegenüber Israel, die, bei aller Kritik, zu besonderer Solidarität verpflichte, führten die Fragen bis hin zum brasilianischen Amnestiegesetz, das bis heute zu keiner Aufarbeitung von Verbrechen der Militärdiktatur geführt hat. Woher Gauck die Kraft für seinen Widerstand in der DDR genommen habe, wollte schließlich eine japanische Stipendiatin wissen. Aus dem Handeln selbst – war die ebenso verblüffende wie alle Anwesenden noch einmal direkt ansprechende, ermutigende Antwort.

Dr. Annette Julius

Veröffentlichungsdatum: 14.06.2010
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