www.daad.de | Impressum
Logo: DAAD-magazin.de
Startseite « ''China war immer gut zu uns'' Magazin-Archiv

Kinder-Uni Shanghai
''China war immer gut zu uns''
Thomas Willems begrüßt Staatsministerin Pieper
Thomas Willems begrüßt Staatsministerin Pieper
Jerry Moses steht vor dem Thora-Schrein in der „Ohel Moishe Synagoge“ in Shanghai und singt das Gebet, das er hier vor 63 Jahren zum letzten Mal als Chorknabe im Gottesdienst sang. Der kleine, weißhaarige Mann jüdischen Glaubens musste 1941 als Siebenjähriger an der Seite seiner Mutter und seiner beiden Geschwister mit der transsibirischen Eisenbahn von Breslau nach Shanghai fliehen. Kurz darauf griff Hitler die Sowjetunion an. „Wir waren die Letzten, die rausgekommen sind“, sagt Jerry, der eigentlich Gerhard heißt. „Als wir in Shanghai ankamen hatten wir nichts. Aber die Chinesen hatten noch weniger und waren trotzdem immer gut zu uns. Deshalb ist mein Herz in diesem Land geblieben.“
Gebannt lauschen die 20 chinesischen und 20 deutschen Kinder im Alter von 11-13 Jahren einem der letzten lebenden Zeitzeugen, machen Fotos von ihm und lassen sich Autogramme geben. Was man damals als Kind gespielt habe, möchte Martin wissen. „Wir waren draußen auf der Straße und haben Fußball gespielt, als die Bomben fielen, und nachdem die Bomben gefallen waren, haben wir weitergespielt.“ Ob er auch in Shanghai zur Schule gegangen ist, fragt Ying. „Nur zwei Jahre“, sagt Jerry. „Ich musste ja Geld verdienen. Mit Stepptanz und Pingpong und als Dolmetscher für die chinesischen Rikscha-Kulis.“

Dr. Liu Wei, Deutsch-Dozent an der Fudan-Universität übersetzt ins Chinesische und die chinesischen Kinder schreiben mit. „Wisst ihr denn eigentlich, was Juden sind?“, möchte Jerry von den Kindern wissen. Zahlreiche Finger schnellen in die Höhe, denn das haben sie bereits in der ersten Kurzvorlesung am Morgen gelernt. Anschließend erzählte Prof. Marcus Hernig von der Zhejiang-Universität den Kinder aus Sicht eines Flüchtlings, warum die Juden nach Shanghai kamen und was dort zu jener Zeit passierte. Zwischen 1933 und 1941 war Shanghai eine der wenigen Städte auf der Welt, in die man ohne Visum einreisen konnte. Ein Umstand, der 30.000 jüdischen Flüchtlingen aus ganz Europa das Leben rettete. Den Alltag der Kinder im Jüdischen Ghetto Shanghais veranschaulichten Dominik Nagiller und Laurent Bachmann, die als österreichische Gedenkdiener im Zentrum für Jüdische Studien an der Shanghaier Akademie für Sozialwissenschaften tätig sind.


Eindrücke: Teilnehmer zeichnen im ehemaligen jüdischen Ghetto
Eindrücke: Teilnehmer zeichnen im ehemaligen jüdischen Ghetto
© DAAD
Nach den Kurzvorträgen vertieften die Kinder ihre Kenntnisse in mehreren Ausstellungsräumen der 1927 gebauten „Ohel Moishe Synagoge“, bevor sie ihr neu gewonnenes Wissen in gemischten Gruppen anhand eines Foto-Memories überprüften. Unter der Führung der „Shanghai-Flaneure“ begaben sich die Kinder am Nachmittag auf Spurensuche in das ehemalige jüdische Ghetto, das sie wahlweise aus einer architektonischen, fotografischen oder literarischen Perspektive erkundeten. Dabei zeichneten oder fotografierten sie alte Häuser, Relikte und Menschen oder lauschten Geschichten, die sich vor über 70 Jahren an verschiedenen Orten ereigneten.

Staatsministerin Pieper besucht Teilnehmer der DAAD-Kinder-Uni
Staatsministerin Pieper besucht Teilnehmer der DAAD-Kinder-Uni
© DAAD
Staatsministerin Pieper besucht die DAAD-Kinder-Uni in Shanghai
Im Huoshan Park, am Jüdischen Flüchtlingsdenkmal, traf Staatsministerin Cornelia Pieper die zeichnende Architektur-Gruppe und zeigte sich erfreut über die erfolgreiche DAAD-Kinder-Uni und die Möglichkeit des gemeinsamen Lernens. Zuvor hatte sich die Staatsministerin mit dem Zeitzeugen Jerry Moses in der Synagoge unterhalten und das ursprünglich gebliebene Viertel „Little Vienna“ besucht.

Zurück im Gebetsraum tauschten die Kinder in Kleingruppen ihre Erfahrungen aus, die beim nächsten Treffen auf einem großen, leeren Stadtplan verzeichnet werden sollen, damit eine neue Gedächtniskarte aus Kinder-Sicht entsteht.

Als Jerry Moses am Ende der Veranstaltung das Podium des Thora-Schreins betritt, um seine Überlebensgeschichte zu erzählen und sein Gebet aus Kindertagen zu singen, verstummen die Gespräche. Faszination liegt in der Luft. „Wisst ihr, was unglaublich ist?“, fragte Jerry die Kinder zum Abschluss der DAAD-Kinder-Uni. „Heute stehe ich hier mit deutschen Menschen, vor denen ich wegrennen musste, und habe so heute wieder eine Identität mit meiner Heimat Deutschland. Durch euch. Für mich ist das einmalig. Das ist einmalig. Eine Freude habe ich. Eine bessere Welt ist das. Durch euch. Denn ihr seid die Zukunft.“

Thomas Willems
Leitung DAAD-Informationszentrum Shanghai

Weitere Informationen
Info: DAAD-Kinder-Uni-Serie Shanghai (KUSS):

Die Kinder-Uni wurde 2002 in Tübingen konzipiert und 2007 vom DAAD-Informationszentrum Guangzhou durch Beate Rogler in China eingeführt. Im Rahmen von „Deutschland und China gemeinsam in Bewegung“ fanden bereits Kinder-Unis in Shenyang und Wuhan statt. 2009 wurde das Konzept von Thomas Willems, dem Leiter des DAAD-Informationszentrum Shanghai, um eine binationale, interkulturelle und praxisbezogene Komponente erweitert und zu einer DAAD-Kinder-Uni-Serie Shanghai (KUSS) ausgebaut, die während der EXPO 2010 zu acht verschiedenen Themen mit unterschiedlichen Partnern stattfindet. Finanziert wird das Projekt vom Auswärtigen Amt.
Weitere Informationen
Weitere DAAD-KUSS-Themen und Termine:

15.5.: DAAD-Kinder-Uni Reporter (Journalismus)
28.5.: Was ist ein kulturelles Gedächtnis? – Auf den Spuren deutscher Juden in Shanghai
15.6.: Nachhaltige Stadtentwicklung (Deutsch-Chinesisches Haus auf der EXPO)
21.7.: Chemierecycling/Umweltschutz (CAS-MPG-Partner Institute)
11.9.: Wie funktioniert ein Passivhaus? (Hamburg-Haus auf der EXPO)
20.9.: Alternative Energien (Aktions-Pavillon auf der EXPO)
25.9.: Ökologische Landwirtschaft (Elektro-Bus des AA)
10.10.: Raumfahrt (Bremen Pavillon auf der EXPO)
Veröffentlichungsdatum: 07.06.2010
Weitere Artikel der Serie:

DAAD-Kinder-Uni

DAAD-Kinder-Uni-Reporter interviewen Bundespräsident Köhler
Zwei Tage Journalismus-Crashkurs und schon die ganz Großen interviewen? Die DAAD-Kinder-Uni macht?s möglich. In Shanghai wurden 16 deutsche und chinesische Kinder ein Wochenende lang in die Geheimnisse des Jour mehr
DAAD - Deutscher Akademischer Austausch Dienst © DAAD
Großes Interesse an Wissenschaftskarrieren in Deutschland
60 Jahre Wiedergründung des DAAD - eine Erfolgsgeschichte
DAAD-Präsidentin Kunst plädiert für weltoffene Bildung: "Internationale Erfahrung ist überlebenswichtig in Zeiten der Globalisierung!"
Letter abonnieren
Weitere Themen
Offen für Neues
Leben in einem anderen Land bedeutet interkulturelle Erfahrung hautnah. Davon berichten Experten im DAAD-magazin.
Vorausgegangene Themen und Artikel finden Sie in unserem Magazin-Archiv.
Seite drucken
Magazin-Archiv
Impressum
www.daad.de
Deutschland online