Südafrika
Vergeben und gemeinsam weitermachen
Andreas Hettiger leitete zwischen 2005 und Februar 2008 das Informationszentrum des DAAD in Johannesburg, Südafrika. Sein Buch „Identitäten im neuen Südafrika“ beschreibt anhand von zwölf Biographien den Wandel des Landes seit dem Ende der Apartheid bis hin zur Vorfreude auf die Fußballweltmeisterschaft 2010.
Das alte und neue Südafrika: alle sind stolz auf die politische Ordnung
Das alte und neue Südafrika: alle sind stolz auf die politische Ordnung
© Andreas Hettiger
In Südafrika gibt es eine einmalige Erinnerungskultur, die Sie in ihrem Buch beschreiben.
Südafrikaner verarbeiten die Vergangenheit, indem sie vergeben und gemeinsam weitermachen– das ist weltweit einmalig und wird durch symbolische Handlungen bestätigt. Ein ehemaliger Minister wusch einem ehemals verfolgten Menschenrechtsaktivisten die Füße. Viele Weiße unterstützen ihre schwarzen Angestellten, indem sie den Kindern die Schulbildung finanzieren. Kathy, eine meiner weißen Gesprächspartnerinnen, erklärte, sie sei erstaunt, mit wie viel Vergebung Schwarze auf Weiße heute zugehen.

Sie schreiben, die deutsche Wende hatte Einfluss auf die Geschichte Südafrikas. Woran machen Sie das fest?
Der damalige Präsident Frederik Willem de Klerk sagte, das Ende der Apartheid wäre ohne die friedvolle Revolution in der DDR nicht denkbar. Die Wende inspirierte Südafrika, Ähnliches zu versuchen. Es gab auch direkte Verbindungen: Die DDR hatte zu Apartheidszeiten viele Regimekritiker aufgenommen. Als Südafrika 1994 eine neue Verfassung entwarf, orientierte man sich an der Verfassung der Bundesrepublik Deutschland.

Ist Südafrika heute eine stabile Demokratie?
Das Zusammenleben der Bevölkerungsgruppen ist noch schwierig; was die Südafrikaner eint, ist ihr Verfassungspatriotismus. Alle sind stolz auf die politische Ordnung. Vor der Wahl des aktuellen Präsidenten, Jacob Zuma, gab es eine Weltuntergangsstimmung. Viele befürchteten, mit diesem Populisten werde Südafrika einen ähnlichen Weg einschlagen wie Simbabwe. Aber der neue Präsident weiß, dass das Land inzwischen eine stabile politische Kultur hat. Die Entwicklung wurde nicht unterbrochen und ich bin optimistisch, dass das so bleibt.

Andreas Hettiger:
Andreas Hettiger: "In Schulen muss viel geleistet werden."
© Andreas Hettiger
Wie steht der Bildungsbereich da?
Vor allem an den Schulen muss viel geleistet werden. Studienanfänger bringen oft keine ausreichenden Kenntnisse für ein erfolgreiches Studium mit. Die Regierung hat gehandelt, das Bildungsbudget steigt und die Verantwortung ist auf drei Ministerien verteilt: Für Grundbildung, Hochschulbildung und für Wissenschaft und Technologie. Trotz vieler Probleme ist Südafrika das einzige Land in Subsahara-Afrika mit einigen Unis, die sich international behaupten können. Der Kontinent hat am weltweiten Forschungsoutput einen Anteil von nur zwei Prozent - die stammen weitgehend aus Südafrika.

Profitiert Südafrika von der Fußballweltmeisterschaft?
Die WM hat bereits viele Arbeitsplätze geschaffen, die Sicherheit und den Tourismus gefördert. Eine Stadt wie Polokwane hatte nie viele Touristen. Jetzt steht dort ein Stadion und die Stadt überlegt, wie sie sich besser vermarkten kann. Viele internationale Investoren blicken auf Südafrika und finden gute Bedingungen. Die WM eröffnet dem gesamten Kontinent die Chance, Afrikas Belange ins Bewusstsein der Weltöffentlichkeit zu rücken.

Sicherheit ist ein großes Thema bei der WM – haben Sie als IC-Lektor Kriminalität erlebt?
Das Buch beschreibt den Wandel des Landes seit Ende der Apartheid
Das Buch beschreibt den Wandel des Landes seit Ende der Apartheid
© Tectum Verlag
Bei mir wurde zweimal eingebrochen, Nachbarn wurden angegriffen und in meinem Wohnviertel sind in drei Jahren vier Leute umgekommen. Südafrika hat eine der höchsten Kriminalitätsraten. Die strukturelle Gewalt der Vergangenheit wandelte sich häufig in Kriminalität; dazu kommt das Gefälle zwischen Arm und Reich. Gewalt war früher ein Problem der Townships, inzwischen betrifft es alle. Viele Weißen denken, die Gewalt sei seit dem Ende der Apartheid gestiegen, aber das stimmt nicht. Sie sind erstmals selbst massiv betroffen. Dennoch glaube ich, dass die WM sicher über die Bühne geht, wenn sich die Fußball-Fans an bestimmte Regeln halten.

Weitere Informationen
Andreas Hettiger: Identitäten im neuen Südafrika. Biographien nach Ende der Apartheid. ISBN 978-3-8288-2066-1
220 Seiten, Paperback
Tectum Verlag 2009
Preis: 24,90 € *
www.tectum-verlag.de
Autor: Das Interview führte Boris Hänßler
Veröffentlichungsdatum: 16.03.2010
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