Public Policy and Good Governance
Engagiert und zielstrebig
Die 58 Stipendiaten des neuen DAAD-Programms „Public Policy and Good Governance“ haben beides: einen akademischen Abschluss und Berufserfahrung. Sie stammen aus Entwicklungsländern und bilden sich in Deutschland zu Mastern in guter Regierungsführung und Zivilgesellschaft fort.

"Andere an Erfahrungen teilhaben lassen." Cornelia Pieper, Staatsministerin im Auswärtigen Amt, Professor Neville Alexander (links), DAAD-Generalsekretär Christian Bode
© Reiner Zensen/DAAD
Fernando Camargo ist erst 27 Jahre alt, aber was Geschäftspraktiken bei öffentlichen Baumaßnahmen in seiner Heimat angeht, kann man dem Brasilianer nichts vormachen. „In der Zusammenarbeit mit der Regierung gibt es eine Vielzahl von Problemen“, sagt der Jurist, der zuletzt den Bau einer großen Stadtautobahn in Sao Paulo in rechtlichen Fragen begleitet hat. Korruption sei alltäglich, die Vergabe von Aufträgen bei Projektausschreibungen undurchsichtig, Umweltauflagen würden immer wieder durch die Ausnutzung rechtlicher Nischen umgangen.

Studierte berufsbegleitend Germanistik: Fernando Camargo
Studierte berufsbegleitend Germanistik: Fernando Camargo
© Reiner Zensen/DAAD
Deutsches Umweltrecht motivierte zum Deutschlernen
Camargo hat in Sao Paulo Rechtswissenschaften studiert und bereits fünf Jahre Berufserfahrung als Anwalt gesammelt. Berufsbegleitend studierte er Germanistik. Ihn interessierte die deutsche Sprache vor allem, weil er das deutsche Umweltrecht genauer unter die Lupe nehmen wollte. Sein Wunsch, eine Zeit lang in Deutschland zu studieren, erfüllte sich 2009 mit dem neu aufgelegten DAAD-Programm „Public Policy and Good Governance“ (PPGG). Das Programm ermöglicht Hochschulabsolventen ein Masterstudium in Deutschland zu Themen wie gute Regierungsführung, zivilgesellschaftliche Strukturen und öffentliche Verwaltung.

Dazu fördert der DAAD ausgewählte Masterstudiengänge mit klarem thematischen Fokus: „Public Policy“ an der Hertie School of Governance in Berlin und der Willy Brandt School of Public Policy an der Universität Erfurt, „Management in Non-Profit-Organisationen“ an der FH Osnabrück, „Demokratisches Regieren und Zivilgesellschaft“ an der dortigen Universität, „Public Management and Governance“ an der Zeppelin Universität Friedrichshafen, „Public Economics, Law and Politics“ an der Leuphana Universität Lüneburg und „Development and Governance“ an der Universität Duisburg-Essen.

Über 600 Bewerber
Seit einem Jahr ist Fernando Camargo DAAD-Stipendiat im Masterstudiengang „Public Economics, Law and Politics“ an der Leuphana Universität Lüneburg. Er ist einer von 58 Stipendiaten, die im ersten Jahrgang aus insgesamt rund 180 Bewerbern ausgewählt wurden. In der zweiten Runde erhielt der DAAD über 600 Bewerbungen. Die Stipendiaten stammen aus Afrika, Lateinamerika, Südasien, Südostasien sowie den Ländern des Nahen und Mittleren Ostens. „Das Programm richtet sich an Interessenten aus allen Ländern des Südens, die als Entwicklungsländer eingestuft werden“, sagt Heidi Wedel, Leiterin des Referats Zivilgesellschaft und Kulturdialog im DAAD.

Voraussetzung ist ein erster Hochschulabschluss – mindestens ebenso wichtig ist aber, dass die Interessenten über praktische Erfahrungen verfügen und sich politisch in den Bereichen Zivilgesellschaft, Politik oder Verwaltung engagieren. „Die Stipendiaten haben meist konkrete Vorstellungen von ihrer künftigen Laufbahn und wissen, welche Qualifikationen sie dafür benötigen“, sagt Wedel.

Arbeitete bei der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit: Sherry Basta
Arbeitete bei der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit: Sherry Basta
© Reiner Zensen/DAAD
Internationale Karrieren
Ein gutes Beispiel ist Sherry Basta. Der Lebenslauf der 26-jährigen Stipendiatin atmet die Luft der Globalisierung: geboren in London, Abitur an einer deutschen Schule in Kairo, Abschluss des Management-Studiums an der dortigen Deutschen Universität als Beste ihres Jahrgangs. Gleich nach dem Abschluss – mit 24 Jahren – übernahm Basta bei der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit die Verantwortung für das Monitoring der deutsch-ägyptischen Entwicklungsmaßnahmen. Seit Herbst 2009 studiert die junge Überfliegerin „Public Policy“ in Erfurt, um ihre Kenntnisse der internationalen Politik und Entwicklungszusammenarbeit zu vertiefen. Ähnlich zielstrebig ist Debrashee Roy: Die 29-jährige Inderin hat in Cambridge Literatur studiert. Anschließend erforschte sie in Neu Delhi das Demokratieverständnis tibetanischer Flüchtlinge. Nun studiert sie als PPGG-Stipendiatin „Public Policy“ an der Hertie School of Governance in Berlin.

„Wir wollen mit dem Stipendienprogramm die Führungskräfte von morgen ausbilden und so gute Regierungsführung und den Aufbau zivilgesellschaftlicher Strukturen in Entwicklungsländern fördern“, sagt Cornelia Pieper, Staatsministerin im Auswärtigen Amt. Dabei wolle man nicht die Welt belehren, betont Pieper, sondern „andere an unseren eigenen Erfahrungen teilhaben lassen.“ Das Auswärtige Amt finanziert das Programm im Rahmen der Außenwissenschaftsinitiative mit jährlich 2,5 Millionen Euro. Das Ziel: die Stipendiaten und Stipendiatinnen sollen nach dem Studium das erworbene Know-how in ihren Heimatländern einsetzen und dort zu einer guten Regierungsführung beitragen.


Erforschte Demokrativerständnis tibetanischer Flüchtlinge: Debrashee Roy
Erforschte Demokrativerständnis tibetanischer Flüchtlinge: Debrashee Roy
© Reiner Zensen
Zu stabilen Strukturen beitragen
Wer sich unter den Stipendiaten umhört, merkt schnell, dass die meisten genau das vorhaben. „Nach dem Studium werde ich mich wieder in Ägypten in der Entwicklungshilfe engagieren“, sagt Sherry Basta. Rahman Abdur aus dem mit PPGG verbundenen Good Governance Afghanistan Programm, der zuvor als Banker bei der afghanischen Zentralbank beschäftigt war, möchte nach seinem Studium einen Beitrag zum Aufbau stabilerer Strukturen im afghanischen Finanzwesen leisten. Der Brasilianer Fernando Camargo ist sich noch nicht sicher, ob er nach Brasilien zurückkehrt. Dem Wissenstransfer in andere Länder fühlt er sich verpflichtet: Er gründet gemeinsam mit Kommilitonen eine Consulting-Firma, um Entwicklungsländer in Sachen Umweltrecht zu beraten. „Was Recycling oder erneuerbare Energien angeht, hat Deutschland eine Vorreiterrolle“, sagt Camargo. „Würden andere Länder deutsches Umweltrecht implementieren, wäre das ein großer Fortschritt.“

Autor: Dietrich von Richthofen
Veröffentlichungsdatum: 09.02.2010
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