 |
Interview |
 |
 |
 |
 |
 |
Was in Afghanistan ankommt |
 |
 |
Der Beitrag des DAAD zum Stabilitätspakt Afghanistan verändert Strukturen an den Hochschulen und manchmal sogar im ganzen Land: Informatiker bringen moderne Technik nach Afghanistan, Ökonomen etablieren einen einheitlichen Lehrplan, die medizinische Ausbildung macht große Fortschritte. Nicht nur Studierende und Professoren, die gesamte Gesellschaft profitiert davon. Denn Bildung für Männer und Frauen ist der Schlüssel zum Fortschritt – die akademische Zusammenarbeit unterstützt die Hilfe zur Selbsthilfe.
|
 |
 |
 |
 |

|
 |
|
Es gibt auch gute Nachrichten aus Afghanistan: Bundestagsabgeordnete informieren sich bei einem Hintergrundgespräch des DAAD in Berlin
|
| © Peter Himsel/DAAD |
 |
|
|
Am Tag der Afghanistan-Konferenz in London, dem 28. Januar, unterrichteten DAAD-Vertreter in Berlin Bundestagsabgeordnete über die akademische Aufbauarbeit und die Lage an den Hochschulen in Afghanistan. Seit acht Jahren unterstützt der DAAD die Qualifizierung von Dozenten, die Modernisierung der Lehrpläne und den Aufbau von Fakultäten. Die Mittel dafür stammen vom Auswärtigen Amt und werden im Rahmen des Stabilitätspakts Afghanistan vergeben. Schwerpunktfächer sind Informatik, Natur-, Geo- und Wirtschaftswissenschaften sowie Deutsch. Jeweils eine deutsche Hochschule hat die Fachkoordination übernommen.
Den Parlamentariern standen neben DAAD-Generalsekretär Christian Bode und seinen Mitarbeitern aus der Bonner Zentrale sowie dem DAAD-Büro in Kabul auch DAAD-Gastdozenten und -Stipendiaten aus Afghanistan Rede und Antwort. Darunter Dr. Baker Farangis, seit 2007 Physik-Dozent an der Universität Herat, und Sardar Mohammad Kohistani, seit 2004 Geographie-Dozent an der geowissenschaftlichen Fakultät der Universität Kabul. Er war 2004 der erste afghanische Stipendiat und promovierte mit einem DAAD-Stipendium in Deutschland. Im Interview mit dem DAAD-Magazin berichten sie über ihre Erfahrungen.
|
 |
 |

|
 |
|
Baker Farangis unterrichtet Physik in Herat
|
| © Peter Himsel/DAAD |
 |
Welche Fortschritte hat der Akademische Aufbau in den vergangenen Jahren erzielt?
Baker Farangis: Als ich 2007 in Herat eintraf, bestand die Naturwissenschaftliche Fakultät aus einem Zimmer. Drei Stunden täglich durften wir die Räumlichkeiten der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät benutzen. Mit Unterstützung des DAAD, des damaligen Rektors und des wissenschaftlichen Leiters der Kooperation, Professor Stephan Ruscheweyh, konnten wir auf einen neuen Campus umziehen. Inzwischen läuft der Lehrbetrieb in annähernd 20 Seminarräumen und verschiedenen Laboren, darunter für Physik, Chemie, Elektronik und Optik. Wir haben Wasser und Strom und die Mathematiker einen Computerpool mit zehn Rechnern und spezieller mathematischer Software. Außerdem können die Dozenten und Studierenden eine Fachbereichsbibliothek mit 3.000 Büchern und einen Lesesaal nutzen.
Sardar Mohammad Kohistani: Die Universität Kabul war ebenfalls zerstört und ist inzwischen wieder aufgebaut. Länger andauernden Schaden hat der „Brain-drain“ angerichtet. Nicht erst unter den Taliban, bereits vorher verließen gebildete Afghanen das Land. Erschwerend kam hinzu, dass die Taliban Frauen von Bildung ausschlossen und Naturwissenschaften durch religiöse Themen ersetzten. Ich sehe die größte Herausforderung darin, den Mangel an Dozenten und Fachkräften zu beheben. Der überwiegende Teil der Universitätsdozenten besitzt lediglich einen Bachelor-Abschluss.
|
|
Was hat die vom DAAD unterstützte akademische Aufbauarbeit in diesem Punkt bewirkt?
|
|
Farangis: Es gibt Erfolge, man muss aber bedenken, dass Bildung eine langfristige und mühsame Arbeit ist. Inzwischen haben die ersten Absolventen der modernisierten Bachelor-Studiengänge Mathematik und Physik die Universität Herat verlassen. Manche sind Lehrer, andere Universitätsdozenten, wieder andere sind ins Ausland gegangen. Unser pädagogischer Ansatz ist modern. Ein Beispiel: Früher brachten die Dozenten Manuskripte mit, die ihre Studierenden auswendig lernten. Heute beziehen sie ihr Wissen aus Lehrbüchern. Aus der Lektüre entwickeln die Studierenden Fragen, die ihre Dozenten eventuell nicht beantworten können – das wäre früher ein Skandal gewesen. Kritisches Nachfragen verändert die Struktur des Denkens. Ein anderer wichtiger Punkt ist, dass die modernen Laborgeräte nicht nur für Besucher ausgepackt werden, wir bilden Studierende daran aus. Sie lernen, ihr theoretisches Wissen praktisch umzusetzen. Laborarbeit ist als eigenständige Veranstaltung anerkannt; das ist im Vergleich zu früher ein großer Fortschritt.
Kohistani: Während meiner Promotion habe ich regelmäßig Geographie an der Universität Kabul unterrichtet. In wenigen Wochen, wenn ich meine Doktorarbeit in Deutschland veröffentlicht habe, kehre ich ganz zurück. Ich bin dann an der Fakultät der erste promovierte Dozent. Das ist noch zu wenig.
|
 |
 |

|
 |
|
Sardar M. Kohistani kehrt nach Kabul zurück
|
| © Peter Himsel/DAAD |
 |
Sind junge Afghanen an einem Studium interessiert?
Kohistani: Die Erwartung an ein Studium ist unheimlich hoch. Jedes Jahr wollen etwa zehnmal so viele Schüler studieren wie es Plätze an den Universitäten gibt. Afghanische Studierende sind wie andere auch: Sie wollen nach ihrem Studium einen guten Job finden und in Frieden und Wohlstand leben. Aber das ist nicht einfach in Afghanistan, denn Arbeitslosigkeit, Armut und Korruption sind hoch.
Farangis: Die afghanische Gesellschaft befindet sich an einem Übergang. Die Studierenden wollen lernen, sind wissbegierig, auch wenn unklar ist, was die Zukunft ihnen bringt. Das schmälert unser Engagement aber nicht. Wir sorgen dafür, dass qualifizierte Akademiker die Hochschulen verlassen. So lautet unsere Aufgabe. Der DAAD eröffnet den Studierenden darüber hinaus den Blick in die Welt. Studierende fragen immer nach Möglichkeiten, ins Ausland zu gehen, sie wollen internationale Erfahrungen sammeln.
Kohistani: Wenn ein junger Mensch gut ausgebildet ist und eine Zukunftsperspektive hat, wird er sich nicht den Taliban anschließen, davon bin ich zutiefst überzeugt. Die Taliban sind sehr rückständig. Sie haben moderne Autos und Waffen, aber die Taliban-Führer wollen den Bildungsstand der Menschen niedrig halten und das ist für Studierende unattraktiv.
|
Die Teilnehmer
13 Bundestagsabgeordnete aus den Ausschüssen für Auswärtiges, Verteidigung, wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung sowie Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung informierten sich über die Arbeit des DAAD in Afghanistan:
Beck, Marieluise, Bündnis 90/DIE GRÜNEN Brandner, Klaus, SPD Bulmahn, Edelgard, SPD Daub, Helga, FDP Djir-Sarai, Bijan, Dr., FDP Gloser, Günter, SPD Graf, Angelika, SPD Kiesewetter, Roderich, CDU Klimke, Jürgen, CDU Koczy, Ute, Bündnis 90/DIE GRÜNEN Pfeiffer, Sibylle, CDU Schulz, Swen, SPD Stinner, Rainer, Dr., FDP |
|
 |
 |
 |
Autorin: Das Interview führte Katja Spross |
 |
 |
Veröffentlichungsdatum: 01.02.2010 |
 |
 |
 |
|
 |
 |
 |
|
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
© DAAD |
|
 |
|
|