DAAD Jubiläum
Vor 60 Jahren: Wiedergründung des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD)
Am 1. Januar 1950 nahm der Deutsche Akademische Austauschdienst im Rektorat der Universität Bonn, Joachimstraße 6, seine Arbeit auf. Fünf Jahre nach der Auflösung des Vereins im Mai 1945 und 25 Jahre nach seiner ersten Gründung 1925 existierte damit in Deutschland wieder eine zentrale Einrichtung für alle Fragen des internationalen akademischen Austauschs.
Die Initiative hierzu war vor allem von britischer und amerikanischer Seite ausgegangen. Schon 1946 hatte Robert Birley, Berater der britischen Militärregierung und Headmaster des Eton Colleges, auf einer Vortragsreise durch Deutschland das große Interesse deutscher Hochschulangehöriger an internationalen Kontakten wahrgenommen und vorgeschlagen, an jeder britischen Universität einen jüngeren deutschen Wissenschaftler als „senior member of staff“ einzustellen. Birley setzte sich nachdrücklich für die Wiederanknüpfung der Kontakte mit Deutschland ein, da die nationalsozialistische Diktatur und der Zweite Weltkrieg das deutsche Volk in eine viel tiefere Isolation geführt hätten als der Erste Weltkrieg.
Mit Unterstützung des damaligen Außenministers Bevin erzielte Birley auf einer Konferenz der britischen Vice-Chancellors das grundsätzliche Einverständnis aller Universitäten, wieder deutsche Wissenschaftler an Hochschulen in Großbritannien zuzulassen.

Sir Robert Birley
Sir Robert Birley
Auch von amerikanischer Seite gingen schon früh Impulse für eine Wiederaufnahe der akademischen Kontakte aus.
Aus amerikanischer Sicht war der akademische Austausch mit dem früheren Kriegsgegner ein wichtiger Bestandteil der ‚Reeducation’-Strategie.
Hermann B. Wells, Präsident der Indiana University und ranghoher Mitarbeiter in der
Kulturabteilung der amerikanischen Militärregierung, erklärte 1947 in einem Bericht, dass die ‚Umerziehung’ des deutschen Volkes im Sinne westlicher Demokratievorstellungen nur gelingen könne, wenn Deutschland am kulturellen Austausch mit jenen Staaten teilnehme, deren Werte es internalisieren solle.
Schon im Sommer des Vorjahres hatte eine Delegation des American Council on Education Deutschland bereist und sich dafür ausgesprochen, deutsche Studenten, die für spätere Führungspositionen im Bildungswesen qualifiziert seien, zu Studienaufenthalten in die Vereinigten Staaten einzuladen. Außerdem sollte Deutschland in das gerade verabschiedete Fulbright-Gesetz einbezogen werden. Dieses Gesetz sah vor, Gewinne aus dem Verkauf amerikanischer Kriegsgüter zur Finanzierung akademischer Austauschprogramme zu nutzen. Der Vorschlag, Deutschland in diese Maßnahmen einzubeziehen, griff der politischen Entwicklung weit voraus, da 1946 in Deutschland weder auf staatlicher Ebene noch im Bildungssystem ein Ansprechpartner existierte, mit dem Verhandlungen über die Aufnahme in das Programm hätten geführt werden können.

Genau dieses Defizit wurde zum entscheidenden Anstoß für die Neugründung des DAAD. Im Februar 1949, kurz vor der Gründung der Bundesrepublik Deutschland, fand auf Einladung der britischen Militärregierung in Düsseldorf eine Konferenz aller ausländischen Organisationen statt, die in Deutschland Hilfsmaßnahmen durchführten. Die westdeutschen Hochschulen waren durch den Rektor der Göttinger Universität, Professor Ludwig Raiser vertreten. Vor allem von britischer Seite wurde der Wunsch geäußert, in Deutschland wieder eine Einrichtung zu schaffen, die ausländischen Organisationen und Hochschulen als zentraler Verhandlungspartner für alle Fragen des akademischen Austauschs mit Deutschland dienen könne und in dieser Funktion auch in der Lage wäre, das Prinzip der Gegenseitigkeit bei der Stipendienvergabe umzusetzen. Die westdeutschen Kultusminister beauftragten daraufhin den Regierungsdirektor im Kieler Kultusministerium, Dr. August Wilhelm Fehling, der schon im ‚alten’ DAAD tätig gewesen war, die Realisierungsmöglichkeiten des Projekts zu prüfen.

Am 22. April bildeten die Kultusminister und Rektoren auf ihrer Konferenz in München eine Kommission, die ermitteln sollte, wie groß das Interesse an einer Wiederaufnahme internationaler Kontakte sowohl auf deutscher als auch auf ausländischer Seite sei. Die Kommission bestand aus fünf Rektoren und wurde vom Rektor der Bonner Universität, Professor Theodor Klauser, geleitet.
Fehling empfahl den Kultusministern, eine Zentralstelle im Umfeld der „Notgemeinschaft der deutschen Wissenschaft“ (der späteren DFG) und der Studienstiftung des deutschen Volkes einzurichten. Sie solle den Auftrag erhalten, den wissenschaftlichen und pädagogischen Austausch auf allen Ebenen, also auch im schulischen Bereich, zu organisieren. Fehling sprach sich dafür aus, den Namen „Deutscher Akademischer Austauschdienst“ wieder zu verwenden, da diese Bezeichnung unbelastet sei und im Ausland immer noch einen guten Klang besitze. Den eigentlichen Auftrag zur Errichtung des DAAD erhielt Professor Klauser.

Als der Deutsche Akademische Austauschdienst am 1. Januar 1950 die Arbeit aufnahm, war seine räumliche und personelle Ausstattung sehr bescheiden. Als vorläufige Geschäftsführerin wurde Frau Dr. Ruth Tamm, Assistentin am Kunsthistorischen Institut der Universität Bonn, eingesetzt. Sie teilte sich die beiden Büroräume, die vom Studentenwerk der Universität Bonn zur Verfügung gestellt wurden, mit einer Sekretärin und zwei studentischen Hilfskräften. Der erste Haushalt für das Rechnungsjahr 1949/50 hatte ein Volumen von 7.000 DM, von denen über 5.000 DM für Personal-und Sachkosten ausgegeben wurden.
Trotz dieser bescheidenen Dimensionen und noch bevor die Wiederherstellung als Verein juristisch vollzogen war, wandte sich der DAAD schon am 16. Januar mit einem Rundbrief an die Kultusminister, Hochschulrektoren und Studentenschaften, um seine künftigen Aufgaben zu umreißen. Das Rundschreiben ist ein wichtiges Dokument für das demokratische Selbstverständnis, von dem sich die neue Organisation leiten ließ.
Die formelle Gründung des DAAD fand am 5. August 1950 im Rektorat der Universität Bonn unter dem Vorsitz von Kultusministerin Teusch statt. Als Erster Vorsitzender wurde Professor Theodor Klauser gewählt. Frau Tamm wurde als Geschäftsführerin bestätigt und übte dieses Amt bis 1955 aus, um dann als erste Generalsekretärin die ebenfalls wiederbegründete Alexander-von-Humboldt-Stiftung zu führen. In seinem ersten Tätigkeitsjahr vermittelte der DAAD 115 deutsche Studenten ins europäische Ausland, während 179 ausländische Praktikanten die Bundesrepublik besuchten. Seither hat sich der DAAD zur weltweit größten akademischen Austauschorganisation entwickelt: im Jahre 2009 betrug sein Budget über 350 Mio Euro, die Zahl der geförderten In-und Ausländer belief sich auf nahezu 70.000.

Die vorliegenden Angaben stützen sich vor allem auf den Beitrag, den Professor Dr. Peter Alter unter dem Titel „Der DAAD seit seiner Wiedergründung 1950“ in Band 1 der Festschrift „Spuren in der Zukunft“, Bonn 2000, veröffentlich hat. Außerdem wurde der „Werkstattbericht“ von Professor Dr. Manfred Heinemann herangezogen, der in Band 2 dieser Festschrift erschienen ist. Im übrigen wird auf die von Franz Broicher zusammengestellte DAAD-Chronik auf der DAAD-website (www.daad.de) verwiesen.

Autor: Franz Broicher (Mitarbeiter des DAAD)

Download: DAAD-Rundschreiben 1950 (Dateityp: pdf, Dateigröße: 2427261 Bytes)

Veröffentlichungsdatum: 16.08.2010
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