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Weihnachtsbräuche in ...
Argentinien: bei 40 Grad im Schatten
Weihnachten ist im Nordwesten Argentiniens weniger ein besinnliches, als vielmehr ein sinnenfreudiges Fest: Weihnachtsfeiern sind nicht selten Grillfeste und nach der Christmette ist Party angesagt. Aber es gibt auch andere Seiten: In den Bergen pflegen die Bewohner christliche Traditionen.
Weihnachtsbaum mit Palme im Zentrum Tucumáns
Weihnachtsbaum mit Palme im Zentrum Tucumáns
© Thiemann/DAAD
Der Nordwesten Argentiniens unterscheidet sich landschaftlich, klimatisch und kulturell von den restlichen Provinzen Argentiniens. Er grenzt im Westen an Chile, im Norden an Bolivien an und zieht sich von der großen Ebene über die Vorläufer der Anden und bis hoch hinauf zur Kordillere mit ihren fast 7000 Meter hohen Vulkanen. Die Landschaft der zum Nordwesten zählenden Provinzen Tucumán, Santiago del Estero, Jujuy, Salta und Catamarca ist dementsprechend abwechslungsreich und umfasst fruchtbare Niederungen ebenso wie wüsten- und steppenhafte Hochebenen mit Salzseen, subtropische Regen- und Nebelwälder, farbenprächtige Gebirgszüge und spektakuläre Schluchten.

Von Europa aus auf der anderen, der südlichen Hemisphäre gelegen, fällt der Dezember in die sommerliche Regenzeit. Das heißt die Temperaturen können an Heiligabend auf über 40 Grad mit einer Luftfeuchtigkeit von über 70 Prozent steigen. Weihnachten ist im Nordwesten Argentiniens daher weniger ein besinnliches, dafür aber ein umso sinnenfreudigeres Fest.

Einwanderer prägen Weihnachtsbräuche
Die Weihnachtszeit beginnt an Maria Empfängnis, also am 8. Dezember. Krippen werden aufgestellt, weiße oder grüne Kunststofftannen mit bunten Kugeln und Schleifen geschmückt, Geschenke und Feuerwerk gekauft, digitale und gedruckte Weihnachtsgrüße ausgetauscht. Im beziehungsreichen Netz aus Kollegen, Geschäftspartnern und Freunden finden zahlreiche Weihnachtsfeiern statt. Dabei reichen die Argentinier vor allem Cremetorten gefüllt mit Dulce de Leche, Sandwichs mit Schinken und Käse oder aber das weihnachtlich traditionelle, von den italienischen Einwanderern mitgebrachte Pan dulce milanés (Panettone). Zu trinken gibt es Limonade und Cidre. Lassen die Räumlichkeiten es zu, veranstalten die Gastgeber ein Asado, ein Grillfest, mit unterschiedlichsten Wurst- und Fleischarten.

Heiligabend feiern die meisten Argentinier im Haus der Eltern oder Großeltern. Trotz der Hitze bereiten viele Familien große Mengen von schwerverdaulichen Wintergerichten aus den verschiedenen Kulturen der Einwanderer zu. Früher wurden Truthähne, Gänse oder Schweine Wochen vorher im Garten oder Innenhof gemästet und an Weihnachten eigenhändig geschlachtet. Dazu gibt es Nüsse, Kastanien, Trockenobst und jede Menge Süßspeisen. Gegen Mitternacht besuchen viele die misa de gallo, die Christmette. Erst anschließend werden die Geschenke geöffnet und große Mengen von laut knallenden und bunt glitzernden Feuerwerkskörpern in die Stille der Nacht geschossen. Danach ist Party angesagt und die Diskotheken füllen sich. Im Internet sind Filme über das Spektakel zu finden.

Jesuskind in den Anden
In den Städten sind die Weihnachtsbräuche stark von Kommerzialisierung und Globalisierung geprägt. Neben der aus der katholischen Tradition stammenden Krippe mit dem Jesuskind bestimmen in China hergestellte Weihnachtsbäume und Santa Claus samt Schlitten und Schnee die weihnachtliche Dekoration. Das Weihnachtsfest hat daher neben der wichtigen sozialen Funktion – das Zusammensein mit der Familie – vor allem eine volkswirtschaftliche Bedeutung.

Maria, Josef und Jesuskind mit indianischen Gesichtern
Maria, Josef und Jesuskind mit indianischen Gesichtern
© Quelle: Jujuy al Día – Diario digital
In den wirtschaftlich sehr viel ärmeren Dörfern der andinen Hochtäler und in der Grenzregion zu Bolivien hat das Weihnachtsfest dagegen einen wesentlich religiöseren Charakter. Geschenke gibt es gar nicht oder kaum, dafür backen die Dorfbewohner zeremoniell Brot und verschenken es als Symbol für Wohlstand an Verwandte und Freunde. Alle weihnachtlichen Aktivitäten begleiten ortsübliche Speisen und Musik aus der Region.

Die Bevölkerung der nördlichen Provinzen ist stark von den Nachfahren der Inka und anderer indianischer Völker geprägt, die der Eroberung durch die Spanier im 16. Jahrhundert lange Zeit standhielten. Dies findet sich heute in der Ausgestaltung der Krippen wieder: Die bekannten Figuren haben hier Gesichter mit indianischen Zügen und tragen andine Kleidung. Und das Jesuskind hat ein typisches Mützchen mit Verlängerung an den Ohren auf dem Kopf, wie es vor allem aus Peru und Bolivien bekannt ist.

Weihnachten mit Mercedes Sosa
Auch in der Musik vermischen sich christlich europäische und lateinamerikanische Kultur. Einen akustischen Eindruck vermittelt die Weihnachtskantate Navidad Nuestra (Unsere Weihnacht, 1963, Musik: Ariel Ramírez, Text: Félix Luna). Die sechs Lieder, jeweils in einem anderen südamerikanischen Rhythmus, kombinieren europäische und andine Instrumente. Auch Melodie und Text sind in die argentinische Szenerie versetzt: Maria und Josef reiten durch die eisige Pampa, die Hirten bringen Quesillos (Käselaibchen), Basilikum und Thymian, die heiligen drei Könige als Geschenk einen Poncho aus weißer Alpakawolle. Berühmt und besonders schön ist die Interpretation dieser Kantate von Mercedes Sosa. Die international bekannte Sängerin und UNICEF-Botschafterin für Lateinamerika und die Karibik (sie starb im Oktober 2009), stammte aus Tucumán. Mein Tipp: Die CD mit dem Titel Missa Criolla eignet sich hervorragend als Weihnachtsgeschenk.

Autorin: Susanne Thiemann, DAAD-Lektorin in Tucumán
Veröffentlichungsdatum: 22.12.2009
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