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Journalisten-Alumnitreffen Moskau
Spannende Einblicke in die russischen Medien
Sibirische Blogger informieren über Umweltverschmutzung, russische
Milizionäre berichten über Korruption auf YouTube und Präsident Medwedjew sucht
vergeblich Freunde in Facebook - das Alumnitreffen des Programms "Journalisten
International" in Moskau vermittelte spannende Impressionen aus der russischen Medienlandschaft
 Teilnehmer des Journalisten-Treffens
Teilnehmer des Journalisten-Treffens
© DAAD
Ende November fand in der Deutschen Botschaft in Moskau ein Treffen von rund 40 ehemaligen Geförderten des durch den DAAD geförderten Programmes "Journalisten International" statt. Der Anlass war die Verabschiedung des Mitbegründers und langjährigen Leiters, des ehemaligen SFB-Intendanten Professor von Lojewski, und die Amtseinführung seiner Nachfolgerin Frau Prof. Lünenborg vom Journalistenkolleg der FU Berlin.
Das aus Mitteln des Auswärtigen Amtes geförderte Journalisten-Programm war 1997 auf Initiative des damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog, des DAAD-Generalsekretärs Christian Bode und des damaligen Leiters des Goethe-Instituts Kahn-Ackermann gegründet worden.
Ursprünglich sollte es ausschließlich russischen jungen Journalisten durch dreimonatige Aufenthalte in Deutschland mit Trainingsphasen am Journalistenkolleg der FU Berlin und einem Redaktionspraktikum in Print-, TV- oder Radioredaktionen neue Erfahrungen in Theorie und Praxis einer etablierten westlichen kritischen Presse ermöglichen. Nicht zuletzt aufgrund der deutlichen Nachfrage junger Journalisten aus GUS-Ländern wurde das Programm schrittweise für weitere Länder geöffnet. Zum Alumnitreffen kamen daher außer russischen Alumni auch mehrere Ehemalige aus der Ukraine und Belarus, sowie Teilnehmer aus Armenien, Georgien und Kasachstan.

Der deutsche Botschafter Dr. Jürgen Schmid begrüßte die Teilnehmer und sprach Prof. von Lojewski die Anerkennung für seine Verdienste um das Programm aus. Der Leiter der DAAD-Außenstelle Moskau, Dr. Gregor Berghorn würdigte die unermüdliche Arbeit von Lojewski in der Auswahlkommission des Programmes und bei der Rekrutierung neuer Bewerber in den Weiten Osteuropas. Besonders herzlich aber dankten ihm die Stipendiaten, denen er immer vermittelt habe, dass sie nicht nur hart arbeiten und trainieren müssten, sondern auch an ihren Erfolg glauben.
Frau Professor Lünenborg, die als Nachfolgerin von Prof. von Lojewski begrüßt wurde und die Veranstaltung moderierte, wird den bereits begonnenen Aufbau eines Master-Doppeldiplomprogrammes von FU Berlin und Lomonossov-Universität Moskau (MGU) fortsetzen. Dabei hat sie sich zum Ziel gesetzt, dieses Programm auch für deutsche Studierende der Journalistik attraktiv zu gestalten.

Prof. von Lojewski und Botschafter Dr. Schmid
Prof. von Lojewski und Botschafter Dr. Schmid
© DAAD
Unterschiedliche Erfahrungen mit der Pressefreiheit

Die an dem Treffen teilnehmenden Alumni arbeiten heute in vielfältigen Bereichen. Dabei reicht das Spektrum von politischer Berichterstattung über die Arbeit in Unterhaltungsmedien bis zur Tätigkeit in PR-Abteilungen von Unternehmen oder staatlichen Einrichtungen. Im fachlichen Teil der Veranstaltung nahmen die Alumni mehrfach Bezug auf die heftige Debatte der letzten Wochen in der russischen Öffentlichkeit über den YouTube-Beitrag eines Milizionärs. Er wählte dieses Medium, um die Korruption seiner Vorgesetzten anzuprangern und sich dagegen zu wehren. Die persönlichen Erfahrungen mit der Freiheit der Presse gingen allerdings bei den Alumni weit auseinander: Während eine Redakteurin der ältesten bestehenden russischen Wochenzeitung "Ogonjok" feststellt, sie könne erfreulicherweise schreiben, was sie wolle, meinen vor allem Kollegen aus der russischen Provinz, dass zu den staatlichen Regulierungsambitionen in den Zeiten der Krise der wirtschaftliche Druck hinzukomme, der kaum noch risikofreudiges Unternehmertum im Bereich der Medien zulasse. Gelegentlich sei zu beobachten, dass nur noch "Artikel gegen Bezahlung" veröffentlicht werden. Viele Teilnehmer sehen sich durch das Programm ermutigt, neue Wege zu den Lesern zu beschreiten und berichten beispielsweise über Internet-Blogs, in denen sie die Bevölkerung über die Umweltverschmutzung durch Ölfirmen in Sibirien informieren.

Eine lebhafte Debatte entspann sich auch bei der Podiumsdiskussion mit drei renommierten deutschen Praktikern und Experten: Johannes Voswinkel (Russland/GUS-Korrespondent der ZEIT), Markus Ackeret (Moskau-Korrespondent der NZZ) und Reinhart Krumm (Leiter Friedrich Ebert-Stiftung und früher SPIEGEL-Moskau-Korrespondent). Einen Nerv traf die Frage nach der von vielen Alumni als zu negativ empfundene oder überhaupt zu geringen Berichterstattung über Osteuropa in deutschen Medien. Die Antwort von Johannes Voswinkel machte deutlich, dass bei allen Errungenschaften der Pressefreiheit im Westen auch deutsche Journalisten Zwängen und Einschränkungen unterworfen sein können: Es sei vielen Moskauer Korrespondenten häufig nicht möglich, überhaupt Themen aus entfernteren Regionen und Ländern zu platzieren, da die Heimatredaktion zunächst vom "Nutzwert" für die deutsche Leserschaft überzeugt werden müsse.

Diskussionsrunde
Diskussionsrunde
© DAAD
In Russland geht der Trend klar zu den neuen Medien – es gibt auch in den Regionen kaum Cafes, in denen nicht junge Leute ihren "Dabl-espresso" in der Hand halten, während sie mit dem Laptop online sind. Dass die gebildete und wohlhabende junge Moskauer Elite auch in der Presse selbstbewusst auftritt, zeigt das Beispiel eines aktuellen an prominenter Stelle platzierten Artikels in "afisha", einem der führenden Moskauer Lifestylemagazine: Der Journalist stellt darin fest, dass ein Herr Medwedjew mit zunehmender Hartnäckigkeit, und seine abweisenden Klicks ignorierend, gerne sein Facebook-Freund werden wolle. Sein Fazit: Herr Medwedjew solle sich lieber um Leute kümmern, die aufgrund ihrer schlimmen Lage nicht bei Facebook dabei sein können, wie z.B. jener inhaftierte Anwalt in einem Moskauer Gefängnis, der vor einigen Tagen unter ungeklärten Umständen zu Tode kam - dann könne Herr Medwedjew vielleicht auch sein Freund werden......

Autor: Benedikt Brisch



Veröffentlichungsdatum: 08.12.2009
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