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Grimm-Preis
Was ist Deutsch?
Der britische Germanist Patrick Stevenson erhält den Jacob- und Wilhelm-Grimm-Preis des DAAD. Er schrieb ein Standardwerk der deutschen Linguistik.
''Variation im Deutschen
''Variation im Deutschen" - Patrick Stevenson (li) schrieb ein Standardwerk der Germanistik
© Eric Lichtenscheidt/DAAD
Was ist Deutsch und wer spricht es? Die einfachste Antwort wäre: Deutsch ist die in den deutschsprachigen Ländern gesprochene Sprache. Das aber wäre „so aufschlussreich wie die Feststellung, dass Rot die Farbe roter Blumen ist: nicht falsch, aber keine wirkliche Antwort auf die Frage, was ‚das Deutsche’ konstituiert“, so schreiben Patrick Stevenson und Stephen Barbour in ihrem Buch „Variation im Deutschen: soziolinguistische Perspektiven“ von 1990. Darin unternahmen die beiden Briten den Versuch, das Deutsche in all seinen Variationen zu fassen.

„Variation im Deutschen“ ist Stevensons bekannteste Arbeit und ein Standardwerk in der deutschen Germanistik. Patrick Stevenson ist Professor für Germanistik und Linguistik an der Universität Southampton. Für seine Arbeiten erhielt er am 3. November den Jacob- und Wilhelm-Grimm-Preis des DAAD. Die Auszeichnung geht an ausländische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler für herausragende Leistungen auf dem Gebiet germanistischer Literatur- und Sprachwissenschaft. DAAD-Präsident Professor Stefan Hormuth verlieh den Preis im Bonner Universitätsclub in Anwesenheit des Rektors der Universität Bonn, Professor Jürgen Fohrmann und anderer Ehrengäste.

Sprache hat uns im Griff
„Ich möchte ein solcher werden, wie einmal ein anderer gewesen ist“ – ausgehend von diesem Zitat aus Peter Handkes Theaterstück „Kaspar“ erklärte Patrick Stevenson auf der Preisverleihung sein Forschungsgebiet. Kaspar Hauser war ein etwa 16-jähriger Junge, der 1828 in Nürnberg auftauchte und kaum sprechen konnte. Er behauptete, er sei sein Leben lang in einem dunklen Raum gefangen gehalten worden. In Handkes Stück will er mit seiner Umgebung kommunizieren – dafür braucht er die Sprache, die er noch lernen muss. Die Menschen in seinem Umfeld nutzen die Sprache indes, um ihn zu kontrollieren. „Die Sprache hat uns im Griff“, stellt Patrick Stevenson fest. Daher wolle er mit der Sprachforschung raus aus dem Labor, hinein in die Welt. „Mich interessiert, wie Menschen sich mit Sprache in Beziehung zueinander setzen und wie sie damit Macht ausüben“, sagt er.

Es ist kein Zufall, dass Stevenson von einem literarischen Werk spricht, um seine Arbeit zu erläutern: Er studierte Literaturwissenschaft und machte seinen Bachelor mit der damals seltenen Note 1,0. „Patrick wollte über Paul Celan promovieren, doch Germanistik erschien ihm als brotlose Kunst“, sagte Professor Martin Durrell von der Universität Manchester, der in Bonn die Laudatio auf Stevenson hielt. Stevenson entschied sich für eine Schullaufbahn, fand jedoch seine erste Anstellung am Sprachenzentrum der Universität Southampton. Zeitgleich schrieb er sich an der Universität Reading im Fach Linguistik ein. Die dortigen Linguisten gehörten zu den besten ihres Fachs; sie konnten Stevenson für ihre Ansätze begeistern – die Wende in seiner Karriere.

Fachbücher für breite Leserschaft
„Als Stevenson seinen Lehrstuhl in den 70er Jahren antrat, war in England nur ein einziger Germanistik-Lehrstuhl durch einen Linguisten besetzt“, sagt Martin Durrell. „Dass inzwischen wieder an jedem Lehrstuhl mindestens ein Linguist ist, ist nicht zuletzt ihm zu verdanken.“ So fand auch Stevensons Buch „Language and German Disunity: A Sociolinguistic History of East and West in Germany 1945-2000“ aus dem Jahr 2002 eine breite Leserschaft. Er setzt sich darin mit der Frage auseinander, welche Rolle Sprache in den ideologischen Konflikten des Kalten Krieges und in dem schwierigen Prozess der deutschen Wiedervereinigung ab 1990 spielte.

Zuletzt arbeitete Stevenson an dem Projekt „Die deutsche Sprache und die Zukunft Europas“ über die Ein- und Zuwanderung in Ländern, in denen Sprache einen hohen Anteil der nationalen Identität ausmacht – ein auch für den DAAD interessantes Thema. „Stevensons Erkenntnisse werden wir in unserer Sprachförderung sehr beachten“, so DAAD-Präsident Hormuth.

Autor: Boris Hänßler
Veröffentlichungsdatum: 12.11.2009
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