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9. November 1989
DAAD-Alumni erinnern sich an den Fall der Mauer
Als am 9. November 1989 die Mauer zwischen beiden deutschen Staaten fiel, waren internationale DAAD-Stipendiaten Zeugen dieses welthistorischen Ereignisses. Die Bilder und Eindrücke von vor 20 Jahren bewegen sie bis heute.
Am Abend des 9. November 1989 kam im DDR-Fernsehen völlig überraschend die Nachricht, dass die Grenzübergänge zwischen der DDR und Bundesrepublik geöffnet seien. Augenblicklich bewegte sich ein Menschenstrom von Ost nach West und von West nach Ost Richtung Grenze, eine jubelnde Menge erstürmte die Berliner Mauer. Mittendrin im Freudentaumel der Deutschen befanden sich etliche der jungen Ausländer, die sich zu dieser Zeit mit einem DAAD-Stipendium in Deutschland aufhielten, hier forschten oder studierten. Ob Philosoph oder Physiker, ob aus Peru oder Australien: Wer damals dabei war, dem ist die Erinnerung an die Nacht des Mauerfalls und die Tage danach so frisch wie gestern - wie die Zuschriften von DAAD-Alumni zeigen.

Ciro Alegria Varona (l.) mit Sohn Diego und einem Freund an der Mauer
Ciro Alegria Varona (l.) mit Sohn Diego und einem Freund an der Mauer
© privat
Selbstverwirklichung statt Patriotismus
Von Ciro Alegria Varona, Peru

Gleich nach dem „Sandmann“, der abendlichen Kindersendung, die unser Sohn niemals verpasste, brachte das DDR-Fernsehen die Nachrichten. Eine konfuse Liste von neuen Regelungen – und plötzlich sagte der Sprecher, dass von diesem Moment an jeder DDR-Bürger an jedem Grenzübergang ein Visum beantragen könne.

Die Stimmung, die das Fernsehen übertrug, war gut, sogar begeistert, aber wir hatten dennoch ein wenig Angst für die Menschen, die auf Westberlin zuströmten. Die Krise der DDR war tief und bekannt, aber das Regime war auch hartnäckig bis zum Wahnsinn. Mit unserer – glücklicherweise unnötigen – Sorge stiegen Bilder auf von den chinesischen Studenten auf dem Tian’anmen-Platz, von den Peruanern, welche die Guerillabewegung „Sendero Luminoso“ (Leuchtender Pfad) jeden Tag weiter tötete.

Am 10. November gingen wir zur Mauer. Die ganze Stadt war unterwegs. Von weit her hörten wir den Lärm der Menschen am Brandenburger Tor. Wir hatten einen Hammer mitgebracht. Unser Sohn Diego, fünf Jahre alt, war der erste von uns, der an die Mauer schlug. Die Tage danach waren noch chaotischer, aber frei von Angst, denn es war keine revolutionäre Stimmung, keine Avantgarde, nicht einmal Patriotismus in der Luft, nur der Elan zur Selbstverwirklichung von hunderttausenden einzelnen Menschen, die Freunde, Verwandte, oder einfach den Nächsten umarmten, lachten und weinten.

Ciro Alegría Varona studierte Philosophie an der Freien Universität Berlin. Er lebt in Lima und ist Dozent für Philosophie an der Pontificia Universidad Católica del Perú.
Sigridur Thorgeirsdottir
Sigridur Thorgeirsdottir
© privat
„Besser als Weihnachten“
Von Sigridur Thorgeirsdottir, Island

Als mein Mann und ich im Radio hörten, dass die Mauer geöffnet werden sollte, fuhren wir direkt zum Checkpoint Charlie. Wir kletterten auf die Mauer und sahen ratlose Offiziere und eine immer größer werdende Menschenmenge. Plötzlich wurden die Tore geöffnet und die Menschenflut strömte hindurch. Es fühlte sich an wie eine Fete, und so kam es spontan, dass ich einen Ossi fragte, ob ich bei ihm eine Zigarette schnorren könnte. Wir standen da, lächelten einander an und rauchten eine „Karo“.

In den Wochen danach besuchten wir ein paar Mal den Checkpoint Charlie und boten Grenzübergängern an, sie mit unserem Auto zum Ku’damm zu fahren. Wir denken oft an eine Arbeiterfamilie aus Halle zurück, die wir mitgenommen haben. Als wir den mit Weihnachtslichtern geschmückten Ku’damm hinauffuhren, kamen dem Mann Tränen in die Augen. „Fühlt es sich an wie Weihnachten, als man ein Kind war?”, fragte ich. „Nein, besser”, antwortete er.

Das akademische Milieu, in dem wir uns befanden, war distanzierter. Anfangs standen viele Intellektuelle der Wiedervereinigung kritisch gegenüber. Ich habe die kritische Betrachtungsweise des deutschen Denkens während meines Philosophiestudiums an der Freien Universität Berlin schätzen gelernt. Zugleich haben mir die Emotionen, die ich bei den Menschen in diesen Novembertagen an der Mauer erlebt habe, deutlich gezeigt, dass Gefühl und Verstand nicht ohne einander auskommen, um eine Sache angemessen beurteilen zu können.

Sigridur Thorgeirsdottir studierte Philosophie an der Freien Universität Berlin. Sie ist Professorin für Philosophie an der Universität Island in Reykjavik
Im Westen auch Ampeln
Von Robert Sinclair, Australien

Am 9. November 1989 fuhr ich mit der U-Bahn wie gewöhnlich von Dahlem nach Zoo, wo ich, ebenfalls wie üblich, einen Kebab essen wollte. Um 11 Uhr abends war ich am Zoo. Nichts fiel mir auf. Ich fuhr nach Hause und schlief gut ein. Am nächsten Morgen sah alles anders aus: Viele Trabis waren zu sehen. Als ich zum Institut kam, waren alle sehr aufgeregt. Die Mauer sei jetzt offen, Trabis seien gegen Mitternacht sogar am Zoo gewesen.

Am gleichen Tag kamen zwei Studenten von der Humboldt-Uni im Ostteil der Stadt zu unserem Institut an der Freien Universität. Sie wollten unsere Bibliothek sehen. Viele Stunden später, tief in der Nacht, war ich in der Nähe vom Nollendorf-Platz unterwegs. Eine Familie aus dem Osten ging die Straße entlang. Als wir zu einer Kreuzung kamen, hörte ich eines der Kinder sagen: „Es stimmt doch nicht, dass sie im Westen keine Regeln haben. Sie haben auch Ampeln!“

Robert Sinclair studierte Physik an der Freien Universität Berlin. Er lebt heute in Japan, wo er Leiter einer Forschungsgruppe zur Mathematischen Biologie ist.
Sergio di Fusco
Sergio di Fusco
© privat
Mauer weg, Spucke weg
Von Sergio di Fusco, Italien

Plötzlich war die Mauer weg, und Maria blieb die Spucke weg. Maria, meine Zimmervermieterin, die nie um einen Kommentar, eine Meinung oder zumindest ein „Oh Göttchen“ verlegen war, sagte keinen Ton mehr. Sie hockte still auf der Vorderkante des Sofas und schaute sich die Bilder vom Mauerfall im Fernsehen an.

Schließlich fasste sie sich mit beiden Händen an den Kopf, schüttelte ihn sachte und lächelte ein eigenartig stummes Lächeln. Es war nicht zu fassen. Überall auf den Straßen war in jenen Tagen dieses unbeschreibliche Lächeln zu sehen. Wenn ich mich an den Fall der Mauer erinnere, erinnere ich mich nicht an die telegene Rotkäppchen-Heiterkeit und die knatternde Zweitakter-Freude, die man häufig im Fernsehen gesehen hat und immer wieder sieht. Ich erinnere mich an diese unbeschreibliche, tiefe Freude, bei der einem die Spucke weg bleibt.

Was die Mauer wirklich war, habe ich erst zu diesem Zeitpunkt verstanden. Als ich erleben und spüren durfte, was für eine seelische Befreiung der Mauerfall war, konnte ich mir zum ersten Mal auch die unbeschreiblich tiefe Trauer vorstellen, die Berlin jahrzehntelang gefangen hielt.

Sergio di Fusco studierte Geschichte an der Freien Universität Berlin. Er arbeitet heute als freier Journalist für deutsche Medien und lebt in Lübeck.
Eine neue Seite in der Weltgeschichte
Von Dušak Nečak, Slowenien

Im Jahr 1989 forschte ich am Institut für Zeitgeschichte in München. Den Fall der Berliner Mauer habe ich stundenlang am Fernseher verfolgt. Damals wurde mir klar, dass ich Zeuge eines historischen Ereignisses geworden bin, wie es der Mensch in der Regel nur einmal im Leben erlebt.

Als sich die Situation in den folgenden Wochen etwas beruhigt hatte, trat die anfängliche Freude über die nahende Verwirklichung der Vereinigung in den Hintergrund gegenüber dem Nachdenken darüber, was sie für das Alltagsleben des Durchschnittsdeutschen bedeutete. Hier waren die Meinungen meiner deutschen Gesprächspartner durchaus verschieden. Einige waren von der schnellen Umgestaltung Ostdeutschlands überzeugt, andere hingegen wiesen auf die wesentlichen Unterschiede zwischen beiden deutschen Teilen hin, die man nicht so leicht überwinden könne. Niemand äußerte sich klar über mögliche negative Folgen der Vereinigung.

Der Mauerfall ermöglichte mir dann einen Studienaufenthalt in Berlin, wo ich ungehindert alle ehemals ostdeutschen Quellen für Themen erschließen konnte, die ich später vertieft bearbeitet habe: die Hallstein-Doktrin und Willy Brandts Ostpolitik. Heute weiß ich, dass der Fall der Berliner Mauer zwar für die deutsche Nation die größte Bedeutung hatte, jedoch in der Folge auch den Anfang des Zerfalls der osteuropäischen kommunistischen Staaten darstellte. Damit wurde eine neue Seite der Weltgeschichte aufgeschlagen.

Dušan Nečak ist Professor für Zeitgeschichte an der Universität Ljubljana, Slowenien.
Autorin: Leonie Loreck
Veröffentlichungsdatum: 09.11.2009
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