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Mittner-Preis
Ein sehr guter Ort
Elena Esposito, die diesjährige Preisträgerin des Ladislao-Mittner-Preises, promovierte und habilitierte in Bielefeld. Das Deutsch-Italienische Hochschulzentrum ehrt die italienische Soziologin am 7. November in Neapel.
Elena Esposito
Elena Esposito
© privat
Elena Esposito, geboren 1960, erhält am 7. November in Neapel den Ladislao Mittner-Preis des Deutsch-Italienischen Hochschulzentrums (DIH). Die Soziologin ist Professorin an der Universität Modena und Reggio Emilia. Sie promovierte 1990 bei Niklas Luhmann in Bielefeld, wurde dort 2001 habilitiert und gilt heute als führende Vertreterin der soziologischen Systemtheorie. Zu ihren bekanntesten Werken zählen „Soziales Vergessen. Formen und Medien des Gedächtnisses der Gesellschaft“ (deutsch 2002) und „Die Verbindlichkeit des Vorübergehenden. Paradoxien der Mode“ (deutsch 2004).

Das DIH, das von der Hochschulrektorenkonferenz und dem DAAD getragen wird, würdigt mit dem Preis italienische Wissenschaftler, die den Dialog zwischen beiden Ländern pflegen. Namensgeber ist der italienische Germanist Ladislao Mittner (1902-75). Elena Esposito ist die 9. Preisträgerin.

Sie haben in Bologna Soziologie und – bei Umberto Eco – Philosophie studiert. Warum wechselten Sie nach ihrem Diplom 1986 ausgerechnet nach Bielefeld?
Während meines Studiums begegnete mir die deutsche Soziologie. Besonders die Systemtheorie von Niklas Luhmann hat mich begeistert. Ich habe dann alles unternommen, um mit einem DAAD-Stipendium bei Luhmann studieren zu können. Er war damals in Italien nicht besonders bekannt. Ob mein besonderes Interesse biografisch oder geistesgeschichtlich motiviert war, kann ich heute nicht mehr sagen.

Wie beurteilen Sie Ihre Zeit in Bielefeld?
Diese Zeit war entscheidend für meine wissenschaftliche Laufbahn. Bielefeld war damals ein sehr guter Ort zum Studieren, die gesamte Atmosphäre sehr spannend. Das hat auch meinen Arbeitsstil geprägt.

Die Systemtheorie zielt auf die ganze Gesellschaft. Welchen Beitrag kann sie leisten, um die globale Finanzkrise zu beschreiben – und vielleicht sogar zu bewältigen?
Die Systemtheorie schlägt nicht unbedingt Lösungen vor, sie ist eher deskriptiv als normativ. Aber sie kann blinde Flecken in unserer Gesellschaft aufzeigen, was einer Art Therapie gleichkommt. Somit hat eine anspruchsvolle Gesellschaftstheorie angesichts der Krise der Finanzsysteme durchaus etwas anzubieten. Diesem Thema gilt zurzeit mein Forschungsinteresse

Ihr Lehrer, Niklas Luhmann, ist berühmt für seinen Zettelkasten, aus dem er seine Theorie-Architektur gebaut hat. Gibt es auf Ihrem Schreibtisch auch einen solchen Kasten?
Ja, auf meinem Schreibtisch steht ein Zettelkasten. Natürlich denke ich darüber nach, ob ich nicht all meine Notizen dem Computer übergeben soll. Dagegen spricht zunächst einmal die Faulheit, denn es ist ein enormer Zeitaufwand, Zehntausend Notizzettel zu digitalisieren. Der entscheidende Grund aber ist, dass ich es gewohnt bin, physisch mit den Zetteln umzugehen. Wenn ich arbeite, habe ich mehrere Stapel von Zetteln, die ich bewege, die ich miteinander kombiniere. Da kommt der Computer noch nicht mit. Ich bin keine Computergegnerin, aber achte darauf, mich nicht von der Technik vereinnahmen zu lassen. Vielleicht ist das auch ein Problem auf den Finanzmärkten, dass man sich den Computerprogrammen zu sehr ausgeliefert hat.

Seit 2001 arbeiten Sie wieder in Italien an der Universität Modena e Reggio Emilia. Warum sind Sie nach Italien zurückgekehrt?
Die Gründe sind teils privater, teils professioneller Natur. In meinem Fach ist es ein Vorteil, in der eigenen Sprache lehren und forschen zu können – zumal die internationalen Kontakte stark genug sind, das Risiko der Isolation zu vermeiden. Sehr wichtig ist sicher, Auslandserfahrung zu haben. Ins eigene Land zurückzukehren ist dann oft ein Luxus.

Welche Bedeutung hat der Mittner-Preis für Sie?
Der Preis ermutigt mich, meine Forschungsarbeit weiterzuführen – insbesondere bei dem Versuch, die italienischen Besonderheiten mit dem deutschen Arbeitsstil zu kombinieren. Im internationalen Austausch zu arbeiten, kann auch bedeuten, sich zum Teil fremd zu fühlen, sowohl im eigenen als auch im fremden Land. Der Preis bestätigt mich in der Hoffnung, dass es sich lohnt.

Autor: Interview: Horst Willi Schors
Veröffentlichungsdatum: 04.11.2009
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