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Gäste im Berliner Künstlerprogramm
Jonas Hassen Khemiri
Der schwedische Autor streckt seinen kleinen Finger empor, der geschient und verbunden ist: „Das ist beim Basketball passiert.“ Etwas nachdenklich schaut er auf den Verband: „Ich habe schon viel coolere Verletzungen gehabt, ein verstauchter kleiner Finger ist nicht wirklich cool.“
„Cool“ aber auch „hip“ und „originell“ und „erfindungsreich“ sind Vokabeln, die den Kritikern im Zusammenhang mit Jonas Hassen Khemiri rasch in den Sinn kommen. Nach dem Bestsellererfolg seines ersten Romans „Das Kamel ohne Höcker“ (2003) ist er ein Literatur- und Pop-Star in seiner schwedischen Heimat. Das hat nicht nur mit dem ungewöhnlichen Tonfall und der Qualität seiner Bücher zu tun, sondern auch mit dem mediengerechten Auftreten und dem selbstironisch-unterhaltsamen Sprachduktus des großgewachsenen Mannes mit dem dunklen Teint und dem schwarzen, langen Haarschopf. Khemiri ist Sohn einer schwedischen Mutter und eines tunesischen Vaters, aufgewachsen in Stockholm.

Theaterstück
Theaterstück "Invasion": Wie Strindberg unter Drogen
© Petra Hellberg
Im Frühjahr 2009 kam der 31-Jährige als Gast des Berliner Künstlerprogramms des DAAD nach Berlin und vollendete hier zunächst einmal das Bühnenstück mit dem schwedischen Titel „Vi som et hundra“, das im September in Göteborg uraufgeführt wurde.

Neue Sprachen
Jonas Khemiri
Jonas Khemiri
© Leif Hansen/Norstedts Förlag
Nach „Das Kamel ohne Höcker“ (deutsch 2004) wurde auch sein neuer Roman „Montecore, ein Tiger auf zwei Beinen“ (deutsch 2007) ein Erfolg bei Kritikern und Lesern. Beim „Internationalen Literafestival“ in Berlin zählte der Auftritt von Khemiri zu den besonders kurzweiligen.

Dabei erschöpft sich die Prosa des jungen Autors, dessen vehementer Auftritt auf der literarischen Bühne gelegentlich mit Salinger und seinem Kult-Buch „Der Fänger im Roggen“ verglichen wird, keineswegs in modischen Pop-Plaudereien oder Zitaten an die Beat-Literatur. Seine Stärke ist geradezu die Erfindung neuer Sprachen, mit denen er seine Helden ins Leben ziehen lässt. „Khemirisch“ haben Kritiker diese Sprachen, die sich aus mit Anachronismen versetzten altertümelnden Idiomen, Elementen der Jugendsprache und Migranten-Dialekten zusammensetzen, genannt. „Das klingt wie Strindberg unter Drogen“, kennzeichnete eine Kritikerin die Sprache eines Protagonisten in Khemiris neuem Roman.

Cool, hip und originell - Khemiris
Cool, hip und originell - Khemiris "Fünf mal Gott"
© Sarah Bolmsten
Fakten und Fiktion
Im „Kamel ohne Höcker“ ist es ein Teenager mit schwedisch-marokkanischem Hintergrund, der auch um seine sprachliche Identität ringt und sich dabei eines Sprachgemischs bedient, das in Schweden für Diskussionen sorgte. In „Montecore“ erzählen zwei sehr gegensätzliche Stimmen die Geschichte eines tunesisch-schwedischen Ehepaars. „Zwei literarische Stimmen kämpfen darum, wer die richtige Geschichte erzählt“, sagt Khemiri. Dahinter stecken ganz offensichtlich autobiografische Details. Ein Protagonist trägt sogar den Namen des Autors. Das Spiel mit Fakten und Fiktion macht ihm offensichtlich Spaß. „Natürlich steckt auch mein Vater dahinter“, räumt er ein, „aber es ist doch ein Roman.“

Und wo beginnen die Fakten, endet die Fiktion? „Da bin ich mir selbst nicht immer sicher“, sagt Khemiri mit einem entwaffnenden Augenaufschlag und reklamiert für sich das Recht zum Phantasieren.

Über seine Phantasien spricht der junge Schriftsteller gern. Als Teenager hatte er drei Traumberufe: erstens, berühmter DJ, zweitens, Rechtsanwalt, der für das Recht des Volkes kämpft, und drittens Schriftsteller. „Ich schätze mal, behaupten zu dürfen, mir meinen Traum erfüllt zu haben.“

Dritter Roman?
Seine Zeit als Gast des Künstlerprogramms nutzt Khemiri nun zur Arbeit an einem neuen Text. „Es könnte mein dritter Roman werden, vielleicht aber auch etwas völlig anderes.“ Vielleicht wird man etwas darüber erfahren können, wenn der Autor im Dezember in der DAAD-Galerie in Berlin aus seinen Werken liest.

Autor: Horst Willi Schors
Veröffentlichungsdatum: 30.10.2009
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