Gäste im Berliner Künstlerprogramm
Tim Lee
Als der kanadische Künstler Tim Lee 2003 zum ersten Mal nach Berlin kam, geriet er mitten in die „Love-Parade“. Sein erstes Bild von dieser Stadt hat sich inzwischen erweitert: Seit Frühjahr 2009 ist Tim Lee Gast des Berliner Künstlerprogramms des DAAD.
Tim Lee bewohnt eine komfortable Wohnung im ruhigen Charlottenburg. In einem Café am Savigny-Platz lobt er die noble Ruhe des bürgerlichen Berlin: „Die Bandbreite dieser Stadt ist erstaunlich“, sagt Lee, „ich kann gut verstehen, warum Künstler hier gerne leben.“

Existenz zwischen den Kulturen
Als Sohn koreanischer Eltern 1975 in Seoul geboren kam Tim Lee schon im gleichen Jahr ins kanadische Vancouver und wuchs dort auf. Die Existenz zwischen den Kulturen in Vancouver, das Ineinandergleiten und Ineinandergreifen verschiedener Kulturen, Lee nennt das ''cultural drift'', ist zum Leitmotiv seiner künstlerischen Arbeit geworden. Ganz entscheidend hat ihn auch die Kunstszene Vancouvers geprägt, die als Hochburg der experimentellen Fotografie gilt.

Diesen ''cultural drift'' bearbeitet Tim Lee auf sehr unterschiedliche Weise: Er kleidet seine Ideen von Kunst in Videos, Installationen, Skulpturen, vor allen Dingen aber in Fotografien. Die zeigen meist den Künstler selbst und wie sich in den vom ihm inszenierten Bildern Bedeutungen, Anspielungen und Analysen auf hintergründige und überraschende Weise fokussieren. Ihn interessieren die Ambivalenz von Nationalismus und ethnischer Zugehörigkeit, von Kunstgeschichte und regionaler Volkskultur.

Musiker zählen zu Tim Lees
Musiker zählen zu Tim Lees "Ausgangsmaterial"
© Johnen Galerie, Berlin
Intellektuell anregend und voller Humor
So entsteht ein Verweis- und Bedeutungsgefüge, das intellektuell anregend und voller Humor ist – wenn man es schafft, die Oberfläche des Werkes zu durchdringen. Lee: „Wer die Hintergründe meiner Arbeit nicht kennt, sich dafür aber interessiert, der wird vielleicht selbst recherchieren – und etwas herausbekommen.“ Er betrachtet seine künstlerische Auseinandersetzung mit der Realität durchaus – zumindest im philosophischen Sinne – als politisch. „Humor kann schon ziemlich politisch sein, denn er ist der Feind aller Autoritäten“, findet Lee und fordert: „Das Offensichtliche muss man vermeiden.“

Tim Lee: Humor ist der Feind aller Autoritäten
Tim Lee: Humor ist der Feind aller Autoritäten
© Krzysztof Zielinski / BKP des DAAD
Figuren der Hoch- und Popkultur (eine Unterscheidung übrigens, die Lee vehement ablehnt), Sporthelden, Musiker, Filmszenen sind sein Ausgangsmaterial. So zeigt sein Werk „Upside Down Water Torture, Harry Houdini, 1941” den Künstler Lee, an einen Stuhl gefesselt und ein (auf dem Kopf stehendes) Buch von Robert Smithon lesend. Die verzerrten Gesichtszüge weisen daraufhin, dass Lee bei der Aufnahme kopfüber hing. Das Foto wurde anschließend gedreht. „Lee entdeckt in seinen Werken die Risse in der kollektiven Halluzination, die wir Realität nennen“, notierte ein New Yorker Kritiker beeindruckt.

„Hinter meinen Werken, meinen Konzepten steckt viel Denkarbeit“, beschreibt er selbst seinen Arbeitsprozess. Er mache keine Skizzen, keine Entwürfe, schreibe auch nur ungern etwas auf. Einige Notizen gebe es erst, wenn er sich mit einem Team von Fotografen und anderen Helfern zur Realisierung des Projektes trifft. „Ich sehe meine Rolle dabei als Regisseur, oder besser noch als Produzent“, sagt Lee und behauptet: „Ich kann nicht fotografieren, dafür brauche ich Spezialisten.“

Musik in Bewegung: europäische Musik auf dem Weg in die USA
Musik in Bewegung: europäische Musik auf dem Weg in die USA
© Johnen Galerie, Berlin
Cultural Drift in Berlin
Das Thema „cultural drift” lässt Lee auch in Berlin nicht ruhen, wo er seit dem Frühjahr als Gast des Berliner Künstlerprogramms des DAAD lebt. Er denke darüber nach, berichtet der Künstler aus seiner Werkstatt, wie etwa die moderne europäische Musik, er nennt Schönbergs Zwölftonmusik, in die Vereinigten Staaten geraten ist und was auf diesem Weg passiert ist. Diese Arbeit bereitet er nun in seinem Kopf vor. Die Wohnung in Charlottenburg, mitten in Berlin, sei dafür ein ganz hervorragender Standort. Ein klassisches Atelier mit weichem Oberlicht aus Norden benötige er dazu nicht. „Obwohl“, hält der Künstler einen Augenblick inne, „es wäre schon ziemlich cool, auch einmal an einem solchen Ort wohnen zu können.“

Autor: Horst Willi Schors
Veröffentlichungsdatum: 14.01.2010
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