Gäste im Berliner Künstlerprogramm
Marcelo Toledo
Die Wohnung des argentinischen Komponisten ist ein stiller Ort im umtriebigen Berliner Ortsteil Moabit. Durch die geöffnete Lichtkuppel dringt Vogelgezwitscher. ''Hören Sie sich das an'', sagt Marcelo Toledo begeistert, ''so ist Berlin. So ruhig, so inspirierend. Und trotzdem ein kultureller Brennpunkt.''
Marcelo Toledo fühlt sich in Berlin gut aufgehoben
Marcelo Toledo fühlt sich in Berlin gut aufgehoben
© K. Zielinski
Nach 17 Jahren in New York fühlt sich der Argentinier in der deutschen Hauptstadt, in die er als Gast des Berliner Künstlerprogramms des DAAD kam, gut aufgehoben und möchte bleiben. Er lernt Deutsch. Nicht nur aus praktischen, sondern auch aus künstlerischen Gründen. Der große Komponist Mauricio Kagel habe ihm einmal gesagt: „Du musst die Sprache des Landes, in dem Du lebst und arbeitest, wirklich beherrschen.“ Außerdem ist Toledo vom Klang der deutschen Sprache fasziniert: „Deutsch klingt für mich wie die Neue Musik des 21. Jahrhunderts.”

1964 in Argentinien geboren, studierte Toledo in Santa Fé, Argentinien, Musik, arbeitete als Gitarrist und Komponist. 1992 siedelte er in die USA über, studierte an der Syracuse University und an der Columbia University. Sein Oeuvre umfasst zahlreiche Instrumentalwerke und eine Oper, La selva interior, die 2006 uraufgeführt wurde. Toledo machte aber auch als Lehrer und Theoretiker auf sich aufmerksam. Sein besonderes Interesse gilt dem musikalischen Potenzial von Geräuschen. Davon zeugt der Titel eines Seminars, das er an der Columbia University gibt: Landkarte der Geräusche in der Musik des 20. Jahrhunderts.

Räume der Imagination öffnen sich: So werden beim Komponieren...
Räume der Imagination öffnen sich: So werden beim Komponieren...
© Marcelo Toledo
Musik am Rande des Hörbaren
Bei einem Konzert in Berlin präsentierte das Kammerensemble Neue Musik ein Werk Toledos: Resplandecencias de la nada. Man hört, wie Toledo die Möglichkeiten der Instrumente bis an die Grenzen treibt. Musik am Rand des Hörbaren, Räume der Imagination öffnen sich. „Poetische Bilder“, die er oft aus der lateinamerikanischen Literatur schöpft und „vorgefundene Töne“, so erläutert Toledo, seien die Quelle seiner Musik. „Den vorhandenen Stoff setze ich einem biologischen Prozess aus“, erläutert der Komponist sein Verfahren. Die Elemente interagieren, entwickeln sich, andere stagnieren oder sterben ab. Dieser musikalische Wachstumsprozess werde zwar von ihm beeinflusst, voraussagen könne er das Ergebnis aber nicht.

...Töne zu Bildern
...Töne zu Bildern
© Marcelo Toledo
Anders als in der klassischen Musik, wo man Melodien, Harmonien und Rhythmen wahrnimmt, interessiert den Argentinier die Totalität. Die Welt als Sound. „Im Wald hört man ja auch nicht nur das Singen der Vögel oder das Rauschen der Bäume. Man hört Hunderte von Tönen und Geräuschen. Man kann das nicht einfach auf Melodien und Harmonien reduzieren. So ist die Natur nicht. Dort gehen viele Dinge gleichzeitig vor. Ich möchte die Hörer einladen, mit der gleichen Offenheit Musik zu hören, wie man die Welt hört.“

Dabei wünscht er sich die natürliche Fähigkeit des Menschen zur geschärften Wahrnehmung drohend hupender Autos oder gefährlich zischender Schlangen auch für die Auseinandersetzung mit der Musik: „Doch leider ist Musik nicht gefährlich. Sonst würden wir ganz anders darauf hören – und ganz riesige Ohren haben.”

Notenblätter wie Kunstwerke
Kalligrafische Qualität: Notenblätter haben das Zeug, ausgestellt zu werden
Kalligrafische Qualität: Notenblätter haben das Zeug, ausgestellt zu werden
© Marcelo Toledo
Eindrucksvoll ist die Art seiner Notation. Es entstehen dabei großformatige Blätter, mit Bleistift säuberlich beschriftet, die eine eigene kalligrafische Qualität haben und wie Kunstwerke wirken. Ein wenig stolz streicht der Komponist die beschriebenen Notenblätter glatt: „In New York hatte man schon die Idee, diese Blätter in einer Ausstellung zu zeigen.”

Tagebücher inspirieren Komposition einer Oper
Für sein nächstes Opernprojekt, an dem er nun als BKP-Gast in Berlin arbeitet, hat sich Toledo die Tagebücher des polnischen Schriftstellers Witold Gombrowicz vorgenommen, der mehr als zwei Jahrzehnte im argentinischen Exil lebte. Er ist einer der Dichter, den Toledo am meisten bewundert. „Weil er ein Außenseiter ist, der immer beobachtet. Es geht bei ihm immer um das Verhältnis von Zentrum und Peripherie. Ein Thema, das auch mich als Lateinamerikaner betrifft“, sagt Toledo und stellt sich die Tagebücher als eigenen Charakter vor.

Nach NewYork zieht es den DAAD-Gast zunächst nicht zurück: „Die Kultur dort ist sehr kommerziell. Es geht um Unterhaltung, sogar bei Neuer Musik. Die Leute sind dort nicht so aufmerksam wie hier in Berlin.“

Autor: Horst Willi Schors
Veröffentlichungsdatum: 12.08.2009
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