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Weihnachtsbräuche in...
Tadschikistan: Neujahrsgruß vom Weihnachtsmann
Das sowjetische Neujahrsfest – eine religionsfreie Symbiose von Weihnachten, Silvester und Karneval – lebt fort. Islamische und nationale Feiertage gewinnen an Bedeutung.
Neujahrsgrüße vom Schneemann
Wo sonst Staatsgäste begrüßt werden ...
Wo sonst Staatsgäste begrüßt werden ...
© DAAD/Kai Franke
Weihnachten wird in Tadschikistan nicht gefeiert, der wichtigste Feiertag ist das altiranische Neujahrsfest, das als Frühlingsfest vom 21. bis 24. März begangen wird. Die islamischen Feiertage wandern durchs Jahr. So fiel das Opferfest 2008 in die Adventszeit, wird aber im kommenden Jahr im November begangen. Auch das Wetter ist zurzeit einfach zu sonnig und warm als dass Weihnachtsstimmung aufkommen könnte. Weihnachten also Fehlanzeige. Oder doch nicht?

Anfang Dezember wurde die Stadt Duschanbe wieder aufwändig dekoriert. Wo sonst ausländische Staatsgäste und Delegationen mit Plakaten begrüßt werden oder die Einheit des Volkes beschworen wird, prangen jetzt Neujahrsgrüße von Weihnachts- und Schneemännern. In einigen Duschanbiner Geschäften wurden Schokoladenweihnachtsmänner gesichtet. Es kursiert das Gerücht, dass auf dem grünen Basar, dem größten offenen Markt der Stadt, demnächst Weihnachtsbäume verkauft werden. Und auf einem weihnachtlichen Kunsthandwerksmarkt werden allerlei Filzprodukte mit traditionellen kirgisischen Ornamenten oder mutigem modernen Design aus dem hohen Pamirgebirge feil geboten: Filzpantoffeln, Filzmützen und Filzkuscheltiere.

wünschen im Dezember Schnee- und Weihnachtsmann ein gutes neues Jahr
wünschen im Dezember Schnee- und Weihnachtsmann ein gutes neues Jahr
© DAAD/Kai Franke
Weihnachtsbaum im Herzen der Stadt
Als DAAD-Lektor bin ich in der Adventszeit gleich zu drei Weihnachtsfeiern eingeladen: an der Slawischen, der Pädagogischen und der Technologischen Universität. Die Studierenden der Pädagogischen Universität üben das Krippenspiel ein, wobei ein dramatisches Streitgespräch zwischen dem erbosten und irrtümlich eifersüchtigen Josef und der schwangeren Maria Höhepunkt der Aufführung ist. Eine Blitzumfrage unter Studierenden aus Duschanbe ergab, dass immerhin rund die Hälfte der Familien zu Hause etwa eine Woche vor Neujahr künstliche Weihnachtsbäume aufstellen.

Vor dem Denkmal für den Begründer der Dynastie der Samaniden aus dem 10. Jahrhundert auf der zentralen Straße von Duschanbe, auf den sich der junge tadschikische Nationalstaat beruft, wird Ende Dezember wie in jedem Jahr ein großer Weihnachtsbaum aufgestellt. So war es auch, als dort Lenin noch vom Sockel herunter grüßte. Hier fand in den letzten zehn Jahren am Abend des 31. Dezember ein Konzert mit heimischen Sternchen statt, die zur Begeisterung des Publikums gern auch indische Bollywoodschlager nachsangen. Dieses Mal soll es zwar den Weihnachtsbaum geben, aber die Stadtverwaltung hat, sich auf das Anfang des Jahres verabschiedete Gesetz zur „Regulierung der Sitten und Bräuche“ beziehend, das Konzert kurzerhand abgesagt.

Neujahrsfest mit Geschenken
Das weltliche Neujahrsfest ist in der sowjetischen Tradition eine religionsfreie Symbiose von Weihnachten, Silvester und Karneval. Die Tradition des Feuerwerks brachten sowjetische Soldaten, die in der DDR gedient hatten, in alle Landesteile der Sowjetunion und so auch nach Tadschikistan. Während es noch vor 20 Jahren ein Privileg der Wehrdienstleistenden war, Leuchtstoffraketen in den Himmel zu schießen, können sich seit einigen Jahren dank des freien Warentransfers aus dem östlichen Nachbarland China nun auch Zivilisten pyrotechnisch betätigen.

Das russische Väterchen Frost hat es als tadschikischer „Boboi barfi“ (Schneeonkel) bis an die 1200 Kilometer lange afghanisch-tadschikische Grenze geschafft und sogar seine hübsche Gehilfin „Snegurotschka“ – eine Figur aus der russischen Folklore – darf als tadschikische „Barfak“ (eine sehr feminin klingende Diminutivform von Schnee, etwa: Schneechen) dabei sein.

Am Silvesterabend bekommen die Kinder ihre Geschenke. Wer es sich leisten kann, mietet einen kommerziellen Boboi barfi, der in Zeitungsannoncen seine Dienstleistungen anbietet oder fragt einen netten Nachbarn. Auch in Tadschikistan sollten die Kinder dem Weihnachtsmann ein Gedicht aufsagen oder ein Lied singen können. In den meisten Familien wird feierlich gegessen und um 24 Uhr mit Sekt angestoßen. Am Neujahrstag schläft die Familie einfach aus.

Üppiges Festmahl zum Jahresende
Üppiges Festmahl zum Jahresende
© DAAD/Kai Franke
Alte Gewohnheiten leben fort
Diese säkularen Neujahrsfeierlichkeiten sind vor allem bei der städtischen Bevölkerung beliebt und bedeuten ein Stück Stabilität und Kontinuität nachdem viele sowjetische Feiertage abgeschafft wurden, der Alltag sich geändert hat und islamische und nationale Feiertage wiederbelebt werden. Ein Vorteil dieses Festes ist es auch, dass dabei gemäßigter Alkoholgenuss gesellschaftlich akzeptiert ist, während dies zu islamischen Feiertagen ein strenges Tabu ist.

Nur einige sehr religiöse Familien verzichten darauf, Neujahr als Anlass zum Feiern zu nutzen, weil manche islamische Prediger empfehlen, fremden Sitten nicht zu frönen.

Was wir den Duschanbinern zu Silvester und zum Neuen Jahr wünschen sollten, ist vor allem sonniges warmes Wetter. Wer in Tadschikistan ein weißes und frostiges Neujahrsfest bevorzugt, soll hoch in die Berge fahren, von wo es schon jetzt bei guter Sicht weiß herunter in die Täler strahlt. Aber wenn die Temperaturen auch in den Niederungen unter Null sinken, bricht die Energieversorgung zusammen, die Stromsperrzeiten werden zu einem Dauerzustand und das Fest wird dunkel, kalt und trostlos.

Autor: Kai Franke, Pädagogische Universität Tadschikistans, Duschanbe
Veröffentlichungsdatum: 22.12.2008
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