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Jacob- und Wilhelm-Grimm-Preis
Paul Celan war sein Lehrer
Der französische Germanist Jean-Pierre Lefebvre erhielt in Paris den Jacob- und Wilhelm-Grimm-Preis des DAAD. Der Preis wird alljährlich an ausländische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler für herausragende Arbeiten auf dem Gebiet der Germanistik, Deutsch als Fremdsprache oder Deutschlandstudien sowie für besondere Verdienste um die Kulturvermittlung vergeben.
Ein Dichter als Vorbild
Als Deutschstudent in Paris hatte Jean-Pierre Lefebvre in den 60er Jahren einen berühmten Lehrer: Den deutschsprachigen Schriftsteller Paul Celan (1920-1970). Er unterrichtete als Lektor an der Ecole Normale Supérieure (ENS). Seine Studenten beeindruckte er mit Übersetzungen kleiner Prosatexte, die er eigens für sie als Examensübung anfertigte und die Lefebvre noch heute als „kleine Wunder“ bezeichnet.

„Celan wurde mein Vorbild“, sagt Lefebvre. Als Germanist auch Übersetzer zu sein, hält er heute für selbstverständlich. Schon als Student verdiente er sich mit Übertragungen von Brecht-Texten ins Französische ein Taschengeld. Später übersetzte und publizierte er auch die Gedichte seines Lehrers Celan.

Lefebvre war gerade 22 Jahre alt und noch Student, als er 1965 nach Heidelberg ging, um an der dortigen Universität als Lektor Französisch zu unterrichten. Diese Zeit verarbeitete er 1989 in einem Roman: „La nuit de passeur“, der 1992 unter dem Titel „Die Nacht des Fährmanns“ auch in Deutschland erschien.

Jean-Pierre Lefebvre:
Jean-Pierre Lefebvre: "Viele Franzosen sind an deutscher Literatur interessiert."
© DAAD
Deutsche Lyrik für Franzosen
Heute ist Lefebvre Professor an seiner alten Universität und leitet die Germanistische Abteilung der ENS. Die Vermittlerrolle, die der Übersetzer einnimmt, ist ihm auch als Forscher und Lehrer auf den Leib geschrieben. Sie setzt eine tiefe Kenntnis der anderen Kultur voraus. Allein Lefebvres Veröffentlichungsliste zeigt die ungewöhnliche Spannbreite seines Interesses an deutscher Literatur- und Ideengeschichte. Als Wissenschaftler und Übersetzer befasste er sich nicht nur mit Goethe, Hölderlin, Heine, Rilke oder Brecht, sondern auch mit Kant, Hegel, Schelling, Marx und Engels. Er verknüpft die Literaturwissenschaft mit der Philosophie und Soziologie, die Germanistik mit der Kulturwissenschaft.

Hohe Anerkennung für seine kulturvermittelnde Arbeit bedeutete 1993 das Erscheinen der „Anthologie de la poésie allemande“ in der berühmten „Bibliothèque de la Pléiade“. „Es war dort das erste Buch dieser Art überhaupt – und noch dazu zweisprachig, was unerhört war“, erinnert sich Lefevbre. Er hatte die weitaus meisten Gedichte selbst übersetzt und erhielt den renommierten Übersetzerpreis Prix Gérard de Nerval für die Anthologie. Lefebvre: „Der Erfolg zeigt, dass viele Franzosen an deutscher Literatur interessiert sind.“

Dass sich Lefebvre als Vermittler zwischen den Kulturen immer auch in die wichtigen gesellschaftspolitischen Debatten eingemischt hat, kann kaum verwundern. „Wie der Fährmann Personen so haben Sie die Ansichten und Überzeugungen über-ge-setzt“, sagte DAAD-Präsident Stefan Hormuth bei der Preisverleihung im Palais Beauharnais, der Residenz des deutschen Botschafters in Paris.

Paul Celan erforschen
Im Publikum saß auch Eric Celan, Sohn des Dichters, der den Nachlass seines Vaters verwaltet und herausgibt. Er ist eng mit der von Lefebvre geleiteten kleinen Forschungsstelle an der ENS verbunden, die über eigenes Material von Paul Celan verfügt und an der Herausgabe wichtiger Celan-Werke beteiligt ist. Mitarbeiter Bertrand Badiou betreute gemeinsam mit Eric Celan die Herausgabe des Briefwechsels zwischen Paul Celan und Ingeborg Bachmann („Herzzeit“), der im Sommer dieses Jahres in Deutschland Aufsehen erregte.

Der Grimm-Preis des DAAD ist mit 5000 Euro dotiert und berechtigt zu einem vierwöchigen Studienaufenthalt in Deutschland. Lefebvre hat sich dafür viel vorgenommen: Er will sich in Berlin seiner Übersetzung der Freudschen „Traumdeutung“ und einem Buch über Hegel widmen.

Autorin: Leonie Loreck
Veröffentlichungsdatum: 25.11.2008
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