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Interkulturelle Kompetenz
Keine Chance für Missverständnisse
2008 ist das Europäische Jahr des interkulturellen Dialogs. Wie wir die Fremde und unsere eigene Kultur im Spiegel erleben, verdeutlichte eine DAAD-Tagung in Frankfurt a.M. für ERASMUS-Koordinatoren.
„Interkulturelle Kompetenz entsteht nicht automatisch mit dem Auslandsaufenthalt.“ Mit diesem Missverständnis räumt Professor Bernd Müller-Jacquier von der Universität Bayreuth auf. Der Germanist erläutert: „Wer mit zu wenig Vorwissen ins Ausland geht, kommt unter Umständen mit falschen Eindrücken, falschen Schlussfolgerungen und neuen Vorurteilen zurück.“ Hochschulen seien deshalb gut beraten, insbesondere ERASMUS-Studierende in interkulturellen Trainings zu schulen. Nachhaltiger und intensiver ist der Lerneffekt, wenn die Studiengänge interkulturelle Inhalte enthalten. „Darin sehe ich einen Bildungsauftrag für die Hochschulen. Absolventen werden keinen monokulturellen Arbeitsplatz vorfinden“, sagt Bernd Müller-Jacquier.

Den interkulturellen Bildungsauftrag umsetzen - Mitarbeiter der Hochschulen tauschen  Ideen und Konzepte aus
Den interkulturellen Bildungsauftrag umsetzen - Mitarbeiter der Hochschulen tauschen Ideen und Konzepte aus
© DAAD
Mehr über Deutsche gelernt
Im Bayreuther Studiengang Interkulturelle Germanistik ist diese Forderung eingelöst. An anderen Hochschulen – etwa der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder) – sind interkulturelle Trainings für ERASMUS-Stipendiaten Pflicht und mit ECTS-Leistungspunkten versehen. Ein Drittel der Studierenden der Europa-Universität sind Ausländer, allein 20 Prozent stammen aus Polen. „Ich dachte, ich bin offen und tolerant. Im interkulturellen Training wurde mir allerdings bewusst, dass ich vor allem meine Kultur gut und richtig finde. Was ich nicht kenne, lehne ich viel schneller ab“, sagt die polnische ERASMUS-Studentin Agnieszka Kowalska. In zwei Tagen habe sie mehr über Deutsche gelernt als in vier Monaten Studium an der Viadrina.

Ein anderes Erfolgsbeispiel ist das „Netzwerk Interkulturelle Kompetenz an deutschen Universitäten“ (NIKADU) der Universitäten München, Dresden, Hamburg, Hildesheim, Mainz-Germersheim und Humboldt-Universität Berlin. Das Besondere: Studierende und Absolventen leiten die interkulturellen Trainings und geben dabei ihre Erfahrungen an die Teilnehmer weiter.


Interkulturelle Kompetenz erhöht Mobilität
Über die unterschiedlichen Hochschulinitiativen informierte die DAAD-Tagung „Interkulturelle Kompetenz für das ERASMUS-Programm“, an der rund 100 ERASMUS-Koordinatoren, Mitarbeiter der Fachbereiche, Akademischen Auslandsämter oder Hochschulverwaltungen teilnahmen. „Wir haben das Europäische Jahr des interkulturellen Dialogs zum Anlass genommen, einen konkreten Beitrag für die Hochschulmitarbeiter zu leisten. Interkulturelle Kompetenz ist schließlich ein Mittel, die Mobilität zu erhöhen“, sagt Alexandra Angress von der Nationalen Agentur für EU-Hochschulzusammenarbeit im DAAD.

Stefan Schmid
Stefan Schmid
© DAAD
So beschränkte sich die Tagung nicht auf einen Überblick der interkulturellen Trainingsangebote, vielmehr erhielten die Teilnehmer selbst ein Training. Stefan Schmid, Organisationspsychologe, arbeitete in seinem Workshop zum Schwerpunkt Türkei unter anderem mit Fallbeispielen, die die Teilnehmer nachstellten. Vorher erläuterte er die Anwendung der deutschen Kulturstandards. Sie liefern ein wissenschaftliches Gerüst, um das eigene Handeln und Werten zu reflektieren. „Wer sich seines eigenen kulturellen Hintergrunds bewusst ist, erfüllt eine wichtige Voraussetzung für kompetentes Handeln in einem interkulturellen Umfeld“, sagt Stefan Schmid.

Neue Sensibilität
Dies bestätigt Nika Witteborg, ERASMUS-Koordinatorin der Juristischen Fakultät an der Universität Heidelberg: „Im Blick auf mich selbst wurde mir bewusst, wie ich als Deutsche wirken kann. Ich habe eine neue Sensibilität aus dem Seminar mitgenommen.“ Etwa 60 ERASMUS-Stipendiaten sendet die Fakultät jährlich ins europäische Ausland, ebenso viele kommen nach Heidelberg. Auch innerhalb der Europäische Union stellen kulturelle Unterschiede nach wie vor eine Hürde dar. „Englische Studierende sind teilweise irritiert vom deutschen Studiensystem. Sie müssen erstmals ihren Stundenplan selbst zusammenzustellen und sich alleine organisieren“, berichtet die Juristin. Andererseits gibt es Fälle von deutschen Studierenden, die ihren ERASMUS-Aufenthalt in Barcelona abbrechen, weil ihnen nicht klar war, dass das Katalanische auch an der Universität eine so große Rolle spielt. Andere wiederum fühlen sich von einer Großstadt wie Paris überfordert. Nika Witteborg: „Das DAAD-Seminar hat die Notwendigkeit verdeutlicht, ERASMUS-Studierende gründlicher auf den Auslandsaufenthalt vorzubereiten und sie auch an der Gasthochschule stärker zu betreuen.“

Autorin: Katja Spross
Veröffentlichungsdatum: 11.11.2008
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