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Deutsch-Italienische Hochschultage
Vielseitig wie nie zuvor
Die dritten Deutsch-Italienischen Hochschultage gaben am 27. und 28. Oktober in Bonn umfassende Einblicke in den Hochschulstandort Italien. In einer Podiumsdiskussion verteidigte der Politologe Gian Enrico Rusconi seine These einer schleichenden Entfremdung beider Länder.
Haben sich Italiener und Deutsche voneinander entfernt?
Haben sich Italiener und Deutsche voneinander entfernt?
© Eric Lichtenscheidt
„Italiener sind den Deutschen zwar sympathisch”, sagt der Turiner Politikwissenschaftler Gian Enrico Rusconi. „Aber sobald die Sprache auf italienische Politik kommt, sagen Deutsche zu uns: Lass mal gut sein. Sprechen wir lieber über Wein und gutes Essen.“ In seinem Buch „Schleichende Entfremdung?“ vertritt Rusconi die These, dass sich Deutsche und Italiener infolge der deutschen Vereinigung und der globalen Umbrüche voneinander entfernt haben.

Die Deutsch-Italienischen Hochschultage, die das Deutsch-Italienische Hochschulzentrum (DIH) und die Universität Bonn mit Unterstützung des DAAD und anderen Partnern in Bonn organisierten, hatten diesen Thesen einiges entgegen zu setzen. Zumindest auf akademischer Ebene kann von einer Entfremdung zwischen beiden Ländern keine Rede sein. Die Hochschultage zeigten die vielseitigen Fördermöglichkeiten für Studierende, Graduierte, Doktoranden und Wissenschaftler: Das Vigoni-Programm des DAAD etwa unterstützt Kooperationen zwischen italienischen und deutschen Forschergruppen, die gemeinsam an einem spezifischen wissenschaftlichen Projekt arbeiten. Das deutsch-italienische Promotionsverfahren Cotutelle de thèse wurde ebenso vorgestellt wie Stipendien des DAAD und das europäische ERASMUS-Programm, das Praktika und Studienaufenthalte fördert.

Auf Italienisch geträumt
Für Studierende und Absolventen waren vor allem die Infos aus der Praxis interessant. Der Bonner Geographie-Student Maximilian Witting berichtete, wie die Realität in Italien aussieht. Er verbrachte ein Jahr mit ERASMUS in Bologna und reiste mit wenig Sprachkenntnissen an. „Am Anfang war es schwierig, aber nach einem halben Jahr fing ich an, auf Italienisch zu träumen,“ sagt der Student. Die Italiener empfand er als offen und hilfsbereit, nur auf ein wenig Chaos müsse man sich einstellen. Zu einer Prüfung bestellte man ihn morgens ein und rief die Leute in willkürlicher Reihenfolge auf. Maximilian Witting musste fünf Stunden warten. Er gewöhnte sich an solche Dinge und war am Ende glücklich über diese Zeit. „Ich bin stolz darauf, zurecht gekommen zu sein,“ sagt er. „Italien hat mir mehr Selbstvertrauen gegeben.“

Viele Wege führen nach Italien: DAAD fördert Studierende, Graduierte, Doktoranden und Wissenschaftler
Viele Wege führen nach Italien: DAAD fördert Studierende, Graduierte, Doktoranden und Wissenschaftler
© Eric Lichtenscheidt
Auf dem italienischen Arbeitsmarkt gibt es für deutsche Absolventen dagegen wenig Angebote. „Es liegen kaum Stellenanfragen aus Italien vor,“ sagt Claudius Habbich vom DAAD-Referat „Information für Deutsche über Studium und Forschung im Ausland“, der eine Diskussion „Arbeiten in Italien“ auf den Hochschultagen moderierte. Vier Akademikerinnen, die von ihren Erfahrungen berichteten, fanden ihre Stellen vor allem dank Beziehungen. Diplom-Kauffrau Christina Tenkhoff arbeitete von 2004 bis 2005 für Ducati Motor Holding als Marketing-Licensing Associate. Inzwischen ist sie wieder in Deutschland. Wie die anderen Frauen sah sie wenig Perspektiven: Geringe Honorare und wenig soziale Sicherheit, dafür hohe Lebenshaltungskosten. „Italien verliert mit dem Alltagsleben seinen Glanz,“ fasst Claudius Habbich die Berichte zusammen.

Beste kulturelle Beziehungen zu Italien
Gian Enrico Rusconi:
Gian Enrico Rusconi: "Sprechen wir über Wein und gutes Essen."
© Eric Lichtenscheidt
Zum Abschluss der Hochschultage verteidigte Gian Enrico Rusconi in einer Podiumsdiskussion seine These der Entfremdung. „Europa war einst der große gemeinsame Nenner, der Deutschland und Italien zusammen schweißte,“ sagt Rusconi. Mit der deutschen Wiedervereinigung und der Öffnung der EU nach Osten veränderte sich der geopolitische Rahmen. „Heute kann Deutschland locker auf Italien verzichten.“ Diskussionsteilnehmer Hans Woller vom Institut für Zeitgeschichte in München sieht das anders. „Die kulturellen und wissenschaftlichen Beziehungen waren nie besser“, sagt er. Deutschland sei Italiens wichtigster Handelspartner und umgekehrt steige das Interesse am Italienischunterricht kontinuierlich. „Vielleicht gibt es heutzutage keine intensiven binationalen Beziehungen mehr,“ sagt Woller. Veranstaltungen wie die Deutsch-Italienischen Hochschultage, die den Wissenschaftsaustausch unterstützen und ausbauen, seien deshalb um so wichtiger.

Autor: Boris Hänßler
Veröffentlichungsdatum: 03.11.2008
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