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Afghanistan
Mit anderen Augen sehen
Mohammad Azam aus Kandahar hat viel Auslandserfahrung. Das ist eher ungewöhnlich für einen Afghanen. Seine Eindrücke schildert er im DAADmagazin-Interview.
Mohammad Azam studiert Ingenieurwissenschaften in Kandahar. 2005 kam er mit einem DAAD-Stipendium zu einer Fortbildung an die Ruhr-Universität Bochum. Im Sommer 2007 kehrte der 1981 geborene Mohammad Azam – ebenfalls vom DAAD unterstützt – zu einer UNO-Modellkonferenz (Model United Nation, MUN) an die Universität Duisburg zurück. Anschließend besuchte er eine Sommerschule für Ingenieure an der Bauhaus Universität Weimar. Er gehört zu den hundert „Lucky Students“, einer studentischen Elite, die der DAAD in besonderer Weise fördert, um die Qualifizierung des afghanischen Führungsnachwuchses zu unterstützen.

Mohammad Azam
Mohammad Azam
© DAAD
Was haben Sie bei der UNO-Modellkonferenz gelernt?
Die Studierenden schlüpfen in die Rolle eines UNO-Botschafters und lernen dabei die Struktur und Funktionsweise der Weltorganisation kennen. Mich hat es fasziniert mitzuerleben, wie wir als Vertreter bestimmter Staaten um Entscheidungen gerungen haben. Die 16 Teilnehmer kamen aus Ägypten, Palästina und Deutschland, aber jeder hat für ein anderes Land gesprochen. Den Kontakt zu den Studierenden habe ich genossen. Sie waren sehr an Afghanistan interessiert. Die Pausen haben wir genutzt, um über die aktuelle politische Situation unserer Länder zu sprechen. Dank des DAAD-Stipendiums konnte ich nach Duisburg reisen. Nächstes Jahr möchte ich wieder an der Konferenz teilnehmen.

Wie schätzen Sie die politische Lage in Afghanistan ein?
Zurzeit verschlechtert sich die Lage wieder. Studierende und Dozenten werden von den Taliban eingeschüchtert, einige Dozenten wollen nicht mehr an die Universität kommen, auch Studierende von außerhalb bleiben weg. Leider ist einer der besten Professoren meiner Fakultät angegriffen und schwer verletzt worden. Er unterrichtet nicht mehr. Die Situation an der Universität hängt eng mit der politischen Entwicklung in der Region zusammen.

Wie ist die Studiensituation an der Universität Kandahar?
Die Ingenieurwissenschaftliche Fakultät entstand erst vor fünf Jahren und hat inzwischen rund 250 Studierende. Leider ist nur das Gebiet Hoch- und Tiefbau vertreten; die Fachrichtungen Mechanik, Architektur oder Elektrotechnik gibt es in Kabul. Unsere Professoren haben häufig einen Bachelor-Abschluss und kaum die Möglichkeit, sich weiterzubilden. Teilweise unterrichten uns Praktiker für ein bis zwei Stunden pro Woche. Da wir keinen Internetzugang an der Universität haben, ist es schwer, aktuelle Fachinformationen zu recherchieren, vor allem da unsere Bibliothek kaum ingenieurwissenschaftliche Bücher besitzt. Meist erhalten wir Texte von unseren Dozenten, die wir kopieren.

In der Hauptstadt gibt es ein größeres Studienangebot. Warum wechseln Sie nicht nach Kabul?
Ich bleibe aus familiären Gründen in Kandahar. Ich habe fünf Brüder und drei Schwestern, die kann mein Vater nicht alleine versorgen. Schon nach dem Abitur ging ich nicht sofort zur Universität, sondern arbeitete zwei Jahre bei der UN-Organisation für Nahrungsmittel und Landwirtschaft. Zurzeit jobbe ich neben dem Studium bei der Central Asia Development Group, einer internationalen Hilfsorganisation für Agrar- und Bauprojekte. Dort kann ich übrigens das Internet nutzen – das ist nicht nur für mein Studium wichtig, sondern auch, um Kontakte zu Studierenden im Ausland zu halten. Internet-Cafés sind in Kandahar sehr teuer.

Welche Auslandserfahrungen haben Sie?
Abgesehen von Deutschland kenne ich Pakistan, wo ich vor dem Studium zwei Jahre als Buchhalter gearbeitet habe. Nach dem 11. September 2001 kehrte ich nach Kandahar zurück und begann bei einer privaten, afghanisch-amerikanischen Firma. Mein Chef schickte mich 2003 und 2004 zur Weiterbildung nach Singapur. Dort habe ich Management- und Computerkurse besucht.

Welche Erinnerung haben Sie an Ihre ersten Auslanderfahrungen?
Ich war völlig erschüttert, als ich in Singapur ankam und sah, wie die Menschen friedlich für ihr Land arbeiten, während sie sich bei uns gegenseitig umbringen. Am Flughafen schossen mir die Tränen in die Augen. Eines ist mir klar geworden: Wer Auslandserfahrung hat, bringt eine andere Sichtweise nach Afghanistan.

Wie sehen Ihre Zukunftspläne aus?
Mein Traum ist es, Professor an meiner Universität zu werden. Nach meinem Bachelor-Abschluss hoffe ich, ein Stipendium für meinen Master und später die Promotion zu bekommen, denn aus eigenen Kräften ist ein Studium finanziell kaum zu schaffen. Ich bin fest entschlossen, mich für mein Land zu engagieren.

Autorin: Das Interview führte Katja Spross
Veröffentlichungsdatum: 11.09.2007
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